Dieter Nuhr in Münster
Wohltemperiertes vom Welterklärer

Münster -

„Ich muss nur mal auf Toilette“, rief jemand, durch die Vorhalle eilend: In der Hitliste der Allerweltswörter liegt sie weit vorn: die Modalpartikel „nur“. Dieter Nuhr hat aus der seinem Namen eine Universalwährung geprägt, mit der er es allen „Spacken, Irren und Trotteln“ heimzahlt, Publikum inklusive. 

Sonntag, 10.12.2017, 15:54 Uhr aktualisiert: 10.12.2017, 18:19 Uhr
Dieter Nuhr kommt im Jahrestakt nach Münster. Der gesellschaftspolitische Stoff geht ihm nicht aus.
Dieter Nuhr kommt im Jahrestakt nach Münster. Der gesellschaftspolitische Stoff geht ihm nicht aus. Foto: Wilfried Gerharz

Nuhr ist der Comedian ohne Perücke, schiefe Brillen oder Kulissen aus Pappmaché. Eine Aura gepflegter Normalität umgibt den Mann mit dem Goldhamsterlächeln und Kuschelbariton eines Nachrichtensprechers. In der Halle Münsterland benötigte Nuhr nur ein Mikrofon, um sein neues Programm „Nuhr hier, nur heute“ effektvoll in Szene zu setzen.

Nuhr ist ein Welterklärer – mindestens. Er stürzte sich sofort auf Weihnachten, grätschte per Nebensatz zum „Bätschi“ von SPD-Teutonin Nahles („Denkt die, sie wäre in der Kita?“), lästerte über die Kölner Domplatte („Da muss ich hin, da ist immer was los!“) und landete zielsicher im Krisengebiet „Flüchtling“ und „Schwarzer“: „Wenn 40 Prozent Nafris straffällig werden, ist die Integration erreicht!“ Furchtlos streifte Nuhr durch globale Themenwelten, verlieh Angela Merkel den Titel einer „Schwarzen Witwe“ („Vernichtet alle Verbündeten“) und räsonierte über die AfD und deren Horror-Phobien vor „donklen Gestolten mit groooßen Geschlochts­organen“.

Nuhr ist Minimalist, ein paar Schritte links, ein paar rechts, ansonsten verortete er sich in der Bühnenmitte. Die schloss subtile Formulierungen wie „Kompromisse sind der Nachteil, dass noch andere Menschen da sind – das nennt man Zivilisation“ ein, aber zu einfache Wahrheiten nicht aus: „Was für ein Motiv soll ein Terrorist haben? Der ist irre, sonst nix!“ „Wähler wählen jeden Scheißdreck“, murrte Nuhr und zog gegen „Alarmismus“ zu Felde: „Diese Unzufriedenheit im Lande geht mir auf den Sack!“

Deutschland erschien als Wunschwunderland, der Deutsche als ewiger Miesepeter, moderne Erziehung als Irrweg: „Jedes Kind soll besonders begabt sein, aber 50 Prozent sind nur Durchschnitt! Die sind dann als Erwachsene empört, dass die Welt das anders sieht – und werden Wutbürger!“

Das Plädoyer für die EU fiel eindeutig aus: „Siebzig Jahre Frieden: das ist der Sinn der europäischen Gemeinschaft!“ So ging es auf und ab im Hamsterrad wohltemperierter Zeitdiagnostik und Weltkritik.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5348122?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker