Vielleicht die letzte Chance
Wie wohnungslose Frauen versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen

Münster -

Ana-Cristina Bernardes hat ihr Leben wieder im Griff - und trotzdem liegt sie nachts noch wach und fragt sich, ob sie das alles schafft. Seit Monaten wohnt die gebürtige Portugiesin im Gertrudenhaus, einer Einrichtung, die der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Münster für wohnungslose Frauen betreibt. Wir haben sie besucht.

Sonntag, 17.12.2017, 15:40 Uhr aktualisiert: 17.12.2017, 16:32 Uhr
Vielleicht die letzte Chance: Wie wohnungslose Frauen versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen
Eine Übergangslösung: Ana-Cristina Bernardes hofft, ihr Zimmer im Gertrudenhaus bald gegen eine eigene Wohnung tauschen zu können. Foto: Wilfried Gerharz

Kürzlich hat Ana-Cristina Bernardes eine Frau beobachtet, die an der Tür der Übernachtungsstelle in der Katharinenstraße geklingelt hat. Die 50-Jährige sah die Frau und hätte sie am liebsten mit einem nach oben gereckten Daumen begrüßt. Tage vorher hatte Ana-Cristina Bernardes mit ihr gesprochen und ihr eindringlich empfohlen, die nächste Nacht nicht schon wieder draußen zu verbringen. Auf der Straße in einem Schlafsack, der längst nicht mehr warm genug ist, um kaltem Winterregen und eisigen Böen standzuhalten. Die Frau hat es sich überlegt. Was für ein Erfolg!

Wieder auf die Beine kommen

Für Ana-Cristina Bernardes ist das ein Moment, an dem sie das Gefühl hat, ja, jetzt geht es voran. Jetzt habe ich das Leben wieder im Griff. In der Katharinenstraße wird die 50-Jährige manchmal mit einer Streetworkerin verglichen. Ihr gefällt das. Und im Grunde genommen ist sie genau das: eine Frau, die anderen klarmachen möchte, dass es Hilfe und die Chance gibt, wieder auf die Beine zu kommen. Sie kann das beurteilen. Ihr ergeht es ja selbst so.

Seit Monaten wohnt die gebürtige Portugiesin im Gertrudenhaus, einer Einrichtung, die der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Münster für wohnungslose Frauen betreibt. Niemand wird behaupten können, dass Ana-Cristina Bernardes dort immer glücklich ist. Anfang der Woche hat sie sich so sehr über eine ihrer sieben Mitbewohnerinnen geärgert, dass sie aus dem Haus lief und mit der Schaufel den frisch gefallenen Schnee so wuchtig vom Bürgersteig schippte, als sei der Schnee ein Boxsack, an dem sie sich austoben kann. „Was ist so schwer daran, die Küche im ordentlichen Zustand zu verlassen? Was? Ich kann solche Schlampereien einfach nicht verstehen!“

Sie ist nicht immer glücklich und trotzdem heilfroh, im Gertrudenhaus zu sein. „Es müsste viel mehr solcher Häuser geben“, sagt sie.

Sozialtherapeutische Übergangseinrichtung

Marion Böing sitzt neben Ana-Cristina Bernardes und hört ihr zu, so wie sie das schon oft bei ihr und den anderen Bewohnerinnen gemacht hat. Durchschnittlich ein Jahr lang wohnen die Frauen im Gertrudenhaus und sollen dort lernen, sich ihren Problemen zu stellen und sie bestenfalls zu lösen. Die Di­plom-Sozialarbeiterin ist Teamleiterin des Hauses, dessen Auftrag offiziell dieser ist: Das Gertrudenhaus steht wohnungslosen Frauen mit sozialen Problemen als sozialtherapeutische Übergangseinrichtung zur Verfügung.

Die Frauen erwartet kein sorgenfreier Aufenthalt in einem Ferienhaus. Sie müssen nach Regeln leben, die nicht diskutabel sind. „Gewalt ist verboten“, zitiert Ana-Cristina Bernardes eine dieser Hausregeln. „Kein Alkohol, keine Drogen, keine bösen Wörter. Übernachtungsbesuch ist nicht erlaubt.“ Marion Böing nickt. „Es ist ein Heim. Das muss jeder Frau klar sein. Wir haben einen Generalschlüssel. Und wenn Gefahr im Verzug ist, öffnen wir eine Tür.“

Geliebt und anerkannt zu sein

Es sind all diese Regeln, die die Portugiesin so lange haben zaudern lassen. Wochenlang schlief sie in der Übernachtungsstelle, bis sie sich endlich überwand. „Es ist etwas anderes, als jede Nacht mit anderen Frauen in einem Zimmer der Übernachtungsstelle zu schlafen“, erklärt die 50-Jährige. Im Gertrudenhaus lebt sie in einer Wohngemeinschaft mit Frauen, die einander nicht als Nachbarinnen ausgesucht haben. Jede dieser Frauen hat mindestens ein schwerwiegendes Problem. Allen gemeinsam ist die Wohnungslosigkeit und der Wunsch, wieder im eigenen Zuhause zu leben. Geliebt und anerkannt zu sein. Mit einer Arbeit und vielleicht auch wieder mit der Familie.

27 Prozent der Wohnungslosen sind Frauen

Der Anstieg der Wohnungslosigkeit erschreckt Marion Böing. Experten aus Sozialverbänden vermuten, dass die Zahl obdachloser Menschen in Deutschland in diesem Jahr die 1,2-Millionen-Marke knacken wird. 27 Prozent der Wohnungslosen sind Frauen.

"Ich habe mich so elend gefühlt"

„Sie würden viele von ihnen auf der Straße nicht als obdachlose Frauen erkennen“, glaubt Marion Böing. „Die Frauen achten auf ihr Äußeres. Das Schamgefühl ist sehr groß.“ Ana-Cristina Bernardes hört zu und nickt bestätigend. „Man schämt sich für alles, was passiert ist.“ Den Moment, in dem sie vor dem Gertrudenhaus stand, wird sie wahrscheinlich nie vergessen. „Ich habe Rotz und Wasser geheult. Ich habe mich so elend gefühlt.“

Ana-Cristina Bernardes Geschichte dürfte vielen Frauen in einer ähnlichen Situation bekannt vorkommen. Ihre Kindheit war nicht schön. Sie war sechs Jahre alt, als ihre Mutter mit ihr von Portugal nach Münster in der Absicht zog, so schnell wie möglich so viel Geld zu verdienen, dass es für ein Haus in der Heimat reicht. „Meine Mutter hat geputzt, geputzt, geputzt. Um 5 Uhr nachmittags hat sie mich ins Bett geschickt und mir eine Tablette gegeben. Und wenn sie vorher zu Hause war, durfte ich nicht spielen und nicht laut sein. Und wenn ich es doch war, hat sie mich geschlagen.“ Heute ist Ana-Cristina Bernardes bewusst, dass ihre Mutter vermutlich heillos überfordert war. Schöner macht das die Erinnerung trotzdem nicht.

"Irgendwann musste ich meine Wohnung verlassen"

Was folgte, erzählt die 50-Jährige kurz: Keine Berufsausbildung, Putzstellen, Schwangerschaft und schließlich Ehe mit einem Mann, der dem Alkohol verfiel. Scheidung, neue Putzstellen, die plötzlich wegfielen. „Irgendwann musste ich meine Wohnung verlassen.“ Ihr Sohn lebte mittlerweile bei seinen Großeltern in Portugal. „Meine Mutter hat ihn mir im Prinzip weggenommen.“ Ana-Cristina Bernardes arbeitete einige Jahre lang als Putzfrau in einem Schweizer Hotel, fuhr nach Portugal und kehrte schließlich nach Münster zurück. „Ich hatte so ein Heimweh.“

Nicht bekannt war ihr zu diesem Zeitpunkt, dass sie als Bürgerin eines anderen EU-Landes keinen Anspruch auf Sozialleistungen hat. Ein Polizist empfahl ihr, sich an den Sozialdienst zu wenden.

"Ich liege jede Nacht im Bett und frage mich, ob ich das alles schaffe"

„Jetzt habe ich einen Plan“, sagt sie. Zunächst will sie die Therapie abschließen, in der sie lernen muss, mit dieser Wut umzugehen, die in ihr immer wieder hochkocht und sie zu einem Vulkan macht, vor dem sie sich selbst ängstigt. „Dann möchte ich wieder eine Wohnung und Arbeit finden.“ Sie weiß, dass sie der SkF auch nach dem Auszug aus dem Gertrudenhaus begleiten wird. Doch letztendlich ist entscheidend, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommt. „Und das macht mir Angst. Ich liege jede Nacht im Bett und frage mich, ob ich das alles schaffe.“

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