Forscherin erläutert Phänomen
Alle Jahre wieder: Wie man Stress zum Fest vermeidet

Münster -

Stress zum Fest ist keine Seltenheit: Wie wir besser damit umgehen können, darüber forscht Psychologin Eva Brosch von der Universität Münster.

Sonntag, 17.12.2017, 18:30 Uhr aktualisiert: 17.12.2017, 19:48 Uhr
Wo steht mir der Kopf? Insbesondere in der Vorweihnachtszeit nehmen bei nicht wenigen Hektik und Stress zu. Jeder Mensch reagiert aber auf bestimmte Situationen anders. So kann Stress ganz unterschiedlich ausfallen. Stressforscherin Eva Brosch von der WWU beschäftigt sich damit.
Wo steht mir der Kopf? Insbesondere in der Vorweihnachtszeit nehmen bei nicht wenigen Hektik und Stress zu. Jeder Mensch reagiert aber auf bestimmte Situationen anders. So kann Stress ganz unterschiedlich ausfallen. Stressforscherin Eva Brosch von der WWU (kl. Foto) beschäftigt sich damit. Foto: Oliver Berg

Sie ist Stress-Expertin – und trotzdem manchmal selbst gestresst, wie sie sagt. Eva Brosch arbeitet seit vier Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitseinheit Arbeitspsychologie des psychologischen Instituts der Westfälischen Wilhelms-Universität. Sie forscht und promoviert zu den Themen Work-Life-Balance und Erholung von Arbeitsstress. Wie man besser mit dem Stress rund um die anstehenden Weihnachtstage fertig wird, verrät Psychologin Brosch im Interview mit unserem Redakteur Dirk Anger.

Eine Woche noch bis Weihnachten: Sind Sie selbst eigentlich im Geschenke-Besorgungsstress?

Brosch: Noch nicht so richtig! Aber der wird jetzt über mich hereinbrechen. Zwei Geschenke habe ich schon, aber vier, fünf fehlen noch.

Wie nehmen Sie aktuell Ihre Umgebung wahr – gestresster als sonst üblich oder als in früheren Jahren?

Brosch: Ich muss sagen, dass ich noch nicht so richtig in der Stadt gewesen bin. Weihnachtsmarkt, Geschenke kaufen – von dem Trubel habe ich selbst noch nicht so viel mitgekriegt. Aber wenn ich jetzt in die Stadt gehe, könnte sich das wohl ändern. Allerdings glaube ich, dass viele Geschenke online gekauft werden, sodass man den Stress gar nicht mehr mitbekommt. Der passiert dann im Privaten am Computer.

Wir reden immer mehr von Stress: Was ist das eigentlich für ein Phänomen?

Brosch: Eigentlich geht es bei Stress um einen Prozess. Es gibt einen Auslöser, die stressige Situation, und unsere Reaktion darauf. Auslöser können zum Beispiel Zeitdruck bei der Arbeit oder Zeitdruck, alle Geschenke rechtzeitig zu kaufen, sein. Dadurch werden wir nervös, kommen ins Schwitzen oder können schlecht schlafen. Das würde man dann als Stressreaktion beschreiben. Insgesamt wird dieser Prozess Stress genannt.

Fühlt sich Stress für alle Menschen gleich an?

Brosch: Nein, das ist ganz unterschiedlich. Denn der Auslöser kann verschieden wahrgenommen werden. Jemand, der eine geringe Stresstoleranz hat und noch eine Woche vor Weihnachten vier Geschenke kaufen muss, wird ganz aufgeregt. Ich aber bleibe ganz ruhig. Die Bewertung macht viel aus. Und die ist – wie gesagt – zwischen Personen unterschiedlich, genauso wie die Reaktionen darauf. Man wird eben nervös oder nicht. Manche können stressige Situationen besser auffangen als andere.

Wie merke ich bei mir selbst, dass ich gestresst bin?

Brosch: Auch das ist bei jedem unterschiedlich. Die einen werden so richtig aktiv. Zeitdruck setzt bei manchen Energie frei, Dinge werden erledigt. Andere verfallen in ein Nichtstun, können gar nichts mehr machen, bekommen Herzrasen. Wenn die Gedanken die ganze Zeit um die Arbeit kreisen oder darum, dass die Schwiegermutter am ersten Feiertag zum Gans-Essen kommt, fühlt man sich gestresst.

Gibt es typische, immer wiederkehrende Stressfallen?

Brosch: Ich glaube, dass es sie jedes Jahr wieder gibt: Heiligabend ist immer am 24. Dezember. Und trotzdem stellen wir erst wenige Woche vorher fest: Oh Gott, wir müssen Geschenke kaufen. Das könnte man entstressen, indem man schon im Sommer etwas kauft, wenn man was Schönes für den Partner findet. Prinzipiell ginge das ja genauso beim Einkauf vor den Feiertagen. Man könnte sich schon früher Gedanken machen und dann nicht alles erst am 23. oder 24. Dezember einkaufen. Denn dann ist es immer stressig, weil viele Leute unterwegs, die Straßen voll sind, keine Einkaufswagen mehr da sind und jeder das schönste Stück Fleisch zum Fest haben will. Das sind Stressfallen, in die wir immer wieder tappen.

Was kann ich eigentlich tun, um Stress abzubauen?

Brosch: Stress ist menschlich, das passiert uns allen. Da hilft es aber auch, sich einfach mal eine kleine Auszeit zu nehmen, durchzuatmen. Und um bei den Geschenken zu bleiben – vielleicht muss ich nicht jedes Geschenk selbst kaufen und kann jemanden bitten, mir etwas mitzubringen. Dadurch können wir uns auch etwas entstressen.

Sie müssten den goldenen Weg doch kennen: Wie lässt sich grundsätzlich Stress vermeiden?

Brosch: Vorher drüber nachdenken, einen guten Zeitplan machen, nicht alles auf den letzten Drücker tun, sich selber vorausschauend organisieren – all das hilft. Und den Käse fürs Raclette kann man ja auch schon eine Woche vorher kaufen. Der wird nicht schlecht.

Und weil Sie sich so gut auskennen, sind Sie wahrscheinlich nie gestresst?

Brosch: Ich bin vielleicht theoretisch eine Expertin, aber in Stress zu kommen, ist menschlich. Ich kann nicht den ersten Stein werfen.

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