Ochs und Esel
Tierische Mahnung zu bewusstem Umgang mit der Schöpfung

Wie seltsam: Von Ochs’ und Esel an der Krippe ist in der Weihnachtsgeschichte der Bibel keine Rede. Wenn die Christen am Heiligen Abend in den Gottesdiensten den Bericht über Jesu Geburt aus dem Lukas-Evangelium hören, werden diese Tiere darin nicht erwähnt. Dennoch fehlen sie in kaum einer Krippendarstellung der heutigen Zeit – wie sind das als dumm geltende Rindvieh und das langohrige Symbol für angebliche Sturheit dort hingelangt?

Dienstag, 26.12.2017, 12:00 Uhr aktualisiert: 26.12.2017, 15:05 Uhr
Dr. Rainer Hagencord, der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie, steht mit den Poitou-Eseln Freddy und Fridolin auf ihrer Weide am Haus Mariengrund.
Dr. Rainer Hagencord, der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie, steht mit den Poitou-Eseln Freddy und Fridolin auf ihrer Weide am Haus Mariengrund. Foto: Michele Cappiello

Erstmals tauchten Ochs’ und Esel in Abbildungen aus dem vierten Jahrhundert in der Stallszene auf. Die Anregung dazu stammt aus der alttestamentarischen Schrift des Propheten Jesaja. „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht“, heißt es dort (Jes. 1,3) als Teil einer Mahnung an das Volk, das vom Weg der Gerechtigkeit und des Friedens abgekommen war.

„Der heilige Franziskus hat als Erster eine lebendige Krippe mit Ochs’ und Esel aufgestellt“, erinnert Dr. Rainer Hagencord. Der Theologe und Biologe ist Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Der heilige Franz von Assisi legte dadurch der Überlieferung nach an Weihnachten 1223 im italienischen Greccio den Grundstein für die bis heute gepflegte Krippentradition.

Tiere in der Bibel

An zahlreichen Stellen kommen in der Bibel Tiere vor, betont Hagencord. Auch die Welt der Pflanzen und andere Naturerscheinungen hätten die Verfasser der biblischen Texte immer im Blick behalten: „Das ist eine Theologie mit dem Gesicht zum Tier.“ Dagegen seien die Tiere und die natürliche Umwelt in der heutigen Vermittlung der Glaubenspraxis (Katechese) und den religiösen Zeremonien (Liturgie) in Vergessenheit geraten – was fatale Folgen habe.

Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn.

Jesaja 1,3

„Wenn wir an Weihnachten feiern, dass Gott Fleisch geworden ist, und wenn wir Weihnachten als Fest des Friedens feiern, dann sollten wir auch die heutige ökologische und soziale Katastrophe in den Blick nehmen“, betont Hagencord. Die moderne Menschheit sei nicht nur mitten drin in der Katastrophe, sondern sie sei auch deren Verursacher: „Bei jedem Essen sind das Leid des globalen Südens und das Elend der Tiere mit am Tisch“, mahnt der In­sti­tutsleiter.

Soziale und ökologische Verantwortung

Die soziale und die ökologische Katastrophe seien aufs Engste miteinander verbunden. „Es gibt Theologen, die das System der industriellen Tierhaltung als strukturelle Sünde betrachten“, berichtet Hagencord und meint: „Bei dieser Art der Tierhaltung gibt es viele Verlierer: Es verlieren die Tiere, der Boden und die Landwirte. Gewinner sind nur die Fleischindustrie und die Pharmaindustrie.“

Ochs’ und Esel an der Krippe – was können sie den heutigen Menschen bedeuten? Papst Franziskus habe in der Enzyklika „Laudato si’“ betont, dass jedes Geschöpf einen Eigenwert habe: „Die anderen Geschöpfe sind nicht um unseretwillen da“, stimmt Rainer Hagencord darin ein. Der Auftrag Gottes aus der Schöpfungsgeschichte, „seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht“ (1. Mose 1,28), sei eine „Einweisung in die Verantwortung – und kein Freibrief für eine despotische Anthropozentrik“.

Der Mensch solle also nicht mit schrankenloser Willkür allein nach seinen Interessen herrschen, sondern sich als Statthalter des Schöpfers für das Wohl der Mitwelt einsetzen. Daran gemahnen Ochs’ und Esel als stumme Zeugen von Jesu Geburt – wahrscheinlich an nahezu jeder Krippe unter dem Weihnachtsbaum. 

Information

Das Institut für Theologische Zoologie ist angesiedelt in der Katholischen Bildungsstätte Haus Mariengrund in Münster-Gievenbeck. Das Institut veranstaltet Tagungen und Kongresse, gibt Lehrveranstaltungen an Universitäten und Hochschulen, betreut wissenschaftliche Arbeiten und erstellt Lehrmaterialien. Außerdem bietet es Exerzitien und Exkursionen, Besinnungstage und Schöpfungstage an. So soll Menschen ermöglicht werden, im Kontakt mit der Natur zu einer schöpfungsgemäßen Spiritualität zu finden. Die beiden zum Institut gehörenden Poitou-Esel Freddy und Fridolin werden für Wanderungen ausgebildet. www.theologische-zoologie.de

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