Stadtgeschichte
Schlagstöcke und Nacktprotest – so waren die 68er in Münster

Münster -

Vor 50 Jahren leiteten die Proteste der 68er-Bewegung einen Wandel in Politik und Gesellschaft ein, der lange nachwirkte. Studenten demonstrierten, gewaltsame Auseinandersetzungen erschütterten vor allem Großstädte wie Berlin oder Frankfurt. Und Münster? Im Interview verrät Prof. Dr. Thomas Großbölting, was er herausgefunden hat.

Samstag, 27.01.2018, 10:00 Uhr aktualisiert: 27.01.2018, 10:20 Uhr
Prof. Thomas Großbölting hat die 68er-Bewegung in Westfalen erforscht.
Prof. Thomas Großbölting hat die 68er-Bewegung in Westfalen erforscht. Foto: Karin Völker

Der Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting von der Universität Münster hat sich auf die Spurensuche begeben und in der Reihe „Regionalgeschichte kompakt“ des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe das Buch „1968 in Westfalen“ herausgebracht. Mit unserer Redakteurin Karin Völker sprach er über die 68er in Münster.

Münster gilt bisher nicht als Zentrum der 68er-Protestbewegung. Haben Ihre Forschungen zu einem anderen Ergebnis geführt?

Großbölting: Sicher nicht. In Münster galten die Studierenden im Unterschied etwa zu denen an der gerade gegründeten Bochumer Ruhr-Universität als brav, wie es der damalige NRW-Innenminister einmal sagte. Aber ganz so war es dann doch nicht. Auch hier gingen die jungen Leute auf die Straße, die Jugend war politisiert, es gab eine Protestkultur. Die Aktionen der Studierenden in Münster richteten sich weniger gegen die allgemeinpolitische Lage, den Vietnamkrieg. Hier ging es stärker als an anderen Unis um bessere Studienbedingungen.

Gab es in Münster Schlüsselereignisse, die mit dem 68er-Protest verbunden sind?

Großbölting: Es gab eine besondere Eskalation – als Studierende im Juni 1968 versuchten, die Wahl eines Dekans zu verhindern und drohten, den Versammlungsraum im Fürstenberghaus zu stürmen. Die Studenten spritzten mit Feuerwehrschläuchen Wasser durch die Oberlichter des Saals. Damals rückte eine Polizei-Spezialeinheit an, die den Protest mit Hunden und auch Schlagstöcken beendete. Es gab Verletzte. Abgesehen von einem solch spektakulären Ereignis zeugen in Münster viele Aktionen davon, dass die 68er-Bewegung auch hier, in der Provinz, angekommen war.

Gingen die Proteste immer von Studenten aus und blieben sie innerhalb der Universität?

Großbölting: So war es nun auch wieder nicht, große Aufmerksamkeit fanden beispielsweise die vehementen Proteste vor dem Rathaus, als 1969 der damalige Bundeskanzler Kiesinger beim Kramermahl zu Gast war. Oder als im Theater bei der Inszenierung eines Stücks von Günter Grass kritische Passagen weggelassen wurden, gab es Proteste – übrigens auch von Grass selbst. Als das Kleine Haus des Theaters 1971 eröffnet wurde, liefen protestierende junge Leute nackt durch die Reihen.

Da war 1968 auch schon drei Jahre vorbei . . .

Großbölting: In Münster kann man sehr gut beobachten, wie der Protest von 1968 über lange Zeit nachhallte – und durchaus große Wirkungen auf das politische und gesellschaftliche Klima entfaltet hat. Die bis heute vorhandene Alternativkultur – wie zum Beispiel in der grünen Partei – ist sicher eine Folge der Ereignisse jener Zeit.

Haben die damals Protestierenden die weiteren Geschicke in Universität und Stadt geprägt?

Großbölting: Bekannte münsterische Politiker haben ihre Wurzeln in jener Zeit. Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer war damals im AStA, ebenso Ruprecht Polenz, allerdings auf Seite des konservativen RCDS. Viele der damaligen Studenten haben später das akademische Milieu geprägt, weil gerade in den 70er-Jahren in Nordrhein-Westfalen die Hochschulen massiv ausgebaut wurden.

Hat sich die 68er-Bewegung an den Hochschulen am sichtbarsten niedergeschlagen?

Großbölting: Hier hat sich schon in den Jahren nach 1968 vieles fundamental verändert. Die Studenten, die sich vorher noch gesiezt hatten und mit Schlips und Anzug in die Vorlesung gingen, gründeten WGs und pflegten einen betont lockeren Umgangsstil. Burschenschaften verloren ihre Bedeutung. Die Professoren konnten ihren Status als Könige im Hörsaal nicht mehr halten. Da ergriffen plötzlich Studenten ungefragt das Wort – worüber sich viele Ordinarien sehr empörten.

War die Linie der Universitätsleitung konfrontativ, so wie in anderen Städten?

Großbölting: Der damalige Rektor Heinz Rollhäuser stand der Bewegung alles andere als positiv gegenüber. Aber es gab meistens Versuche, sich mit den protestierenden Studenten zu arrangieren. Als nach dem Attentat auf Rudi Dutschke von den Studenten ein Aktionstag anberaumt wurde, gab es von der Uni-Leitung vorlesungsfrei. Die Studierenden haben es in Münster auch geschafft, die Stadtöffentlichkeit immer wieder auf die unbefriedigenden Studienbedingungen in der rasant wachsenden Uni aufmerksam zu machen. Einmal wurden etwa sehr publikumsträchtig kaputte Möbel aus den Instituten auf den Überwasserkirchplatz geschleppt.

Auf einen münsterischen Rudi Dutschke sind Sie aber nicht gestoßen?

Großbölting: Das nicht. Wenn man über Personen sprechen will, dann ist eher Rita Süßmuth typisch. Die spätere Familienministerin im Kabinett Kohl war das Gegenteil einer typischen 1968erin – und hat doch eine liberale Familienpolitik in der CDU vertreten, die vor 1968 undenkbar gewesen wäre.

Haben sich die Themen der 68er-Bewegung schnell in Forschung und Lehre der Uni wiedergefunden?

Großbölting: In meinem Fach, der Geschichte, fing die substanzielle Aufarbeitung der NS-Zeit erst einige Jahre später an. Viele der Faschismusdiskussionen im Kontext von 1968 haben dazu wenig beigetragen. Stark beeinflusst wurde die hier in Münster prominent besetzte Theologie, die mit ihrer politischen Theologie nach Auschwitz Impulse der Protestbewegung aufnahm. Auch in der Katholischen Studierendengemeinde gab es Zirkel, die sich trafen, um Marx zu lesen. Was übrigens 1990 nach der Wiedervereinigung bei Ex-DDR-Bürgern, die hier an die Uni kamen, für Verwunderung gesorgt hat.

Wer erinnert sich?

Die Ereignisse vor 50 Jahren sind verhältnismäßig junge Zeitgeschichte, an die sich Münsteraner auch heute noch erinnern. Welche Erinnerungen haben Sie an die Proteste in der Stadt in den Jahren um 1968? Schreiben Sie uns per E-Mail an redaktion.ms@zeitungsgruppe-muenster.de oder auf facebook.com/wnonline

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