Di., 06.02.2018

Clemenshospital Tierische Therapeuten helfen kranken Kindern

Clemenshospital : Tierische Therapeuten helfen kranken Kindern

Leonie kämpft sich nach einem schweren Unfall „ins Leben zurück“, wie ihre Mutter sagt. Eselin „Merle“ könnte dabei dabei helfen. Darum ist Chefarzt Dr. Otfried Debus froh über ihre regelmäßigen Besuche im münsterischen Clemenshospital. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Chefarzt Dr. Otfried Debus gibt gerne zu, dass Esel einiges besser ­können als Ärzte. „Der Esel kann Kinder entspannen. Er bringt sie dazu, sich zu öffnen, sich im Krankenhaus ein bisschen mehr zu Hause zu fühlen.“ Darum kommt Merle jetzt regelmäßig zu Besuch ins münsterische Clemenshospital. Die Eselin kümmert sich dort um Kinder wie Leonie Ludden.

Von Stefan Werding

Die Zehnjährige hatte am 21. Oktober einen Unfall im emsländischen Geeste. Dass das Auto, das sie mit Tempo 70 verletzte, alle Rippen ihrer linken Seite brach, war noch das kleinste Problem. Die Leber blutete, das Gehirn auch. Leonies Leben war vier Tage in Gefahr. Das Clemenshospital ist auf solche Kinder wie Leonie spezialisiert. Es bietet eine Früh- ­Reha an. Das Ziel: „Ich hoffe, dass sich ihr Gehirn wieder erholt und ich mit ihr irgendwann ein einigermaßen normales Leben führen kann“, sagt ihre Mutter Sonja Ludden.

Denn „einigermaßen normal“ ist ihr Leben zurzeit nicht. Seit dem Unfall ist die Mutter bis auf einen Nachmittag („um ein paar Sachen zu holen“) nicht mehr zu Hause gewesen. Die Wohnung im zweiten Stock ist mit Leonie nicht mehr zu gebrauchen, ein Umzug steht an. Und in ein paar Wochen beginnt eine weitere Reha – wo, ist noch völlig unklar.

Tolle Entwicklung bei Leonie

Leonie sitzt in einem Rollstuhl, auf ihrem Arm sitzt Pudel „Flocki“. Ihre Hände sind verkrampft, das Tuch, das „Flocki“ um seinen Hals trägt, versucht sie andauernd in den Mund zu nehmen. Trotzdem macht sie Fortschritte: „Sie kämpft sich zurück ins Leben“, sagt ihre Mutter. „Mit Flocki im Arm wird sie auf einmal ruhig, obwohl sie ihre Bewegungen vorher so gar nicht im Griff hatte.“

Martina Bobke bekommt die Wirkung der Tiere be­sonders gut zu spüren. Sie machen der Ergotherapeutin die Arbeit leichter. Ver krampfte Muskeln in Händen und Armen werden lockerer, wenn sie erst ein Tier gestreichelt haben. Wenn sie dann die Hände von Leonie ausstreicht, hat „Flocki“ schon eine beachtliche Vorarbeit geleistet. Ohnehin sei Leonies Entwicklung „ganz toll“. Jetzt hofft sie, dass ihre Entwicklung so weitergeht.

Esel sind gar nicht so stur

Auch „Turbo“, die Achatschnecke, hinterlässt bei einigen Kindern eine bemerkenswerten Eindruck: Die Schnecke ist so groß wie eine Männerhand – und eine Beobachterin. Und sie ist langsam. Wer sie in seinen Händen hält, sollte ruhig ­sitzen. Kinder mit ADHS zum Beispiel werden mit „Turbo“ plötzlich für 20 Minuten ganz ruhig. „Wir wollen, dass es den Tieren gut geht“, sagt Bianca Terhürne über einen gemeinsamen Nenner fast aller Menschen. Und wenn es eine Schnecke ist, die Millimeter für Millimeter über die eigne Hand schleicht, dann hält auch ein Mensch still, der sonst als Zappelphilipp bezeichnet wird.

Fotostrecke: Therapie mit Tieren am Clemenshospital

Terhürne macht Hormone dafür verantwortlich, dass Tiere Menschen so entspannen. Ihr Anblick führe dazu, dass Frauen Oxytocin ausschütten – wie bei einer Geburt oder beim Stillen. Das Hormon lenkt auch soziale Interaktionen. Und genau darum geht es bei der ­Therapie im Clemens-Hospital: Ein Esel ist nämlich gar nicht so stur oder dick­köpfig, wie viel behaupten, sagt Bianca Terhürne. Er weigert sich nur, mit jedem mitzugehen, der an ihm zieht.

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Leonie ist noch nicht mobil genug, um Eselin „Merle“ zu streicheln oder zu führen. Für andere Kinder könnte es aber ein Erfolgserlebnis werden, einen angeblich sturen Esel an einem Zügel herumgeführt zu haben. Bis dahin ist Pudel „Flocki“ gut bei Leonie aufgehoben.

Tiergestützte Intervention

Die positive Wirkung von Tieren ist laut Bundes­verband „Tiergestützte Intervention“ (TGI) auch wissenschaftlich belegt. Gemeint sind mit tier­gestützter Intervention ­alle Angebote, in denen Tiere eingesetzt werden, um diese positiven Wirkungen gezielt zur Förderung physischer, sozialer, emotionaler und kognitiver Fähigkeiten ebenso wie zur Erhöhung von Freude und Lebensqualität zu erreichen. Bianca Terhürne ist Fachkrankenschwester für Psychiatrie und Fachkraft für tiergestützte Intervention. Krankenkassen bezahlen solche Leistungen in der Regel nicht. Der Einsatz der Tiere am Clemenshospital ist möglich, weil er vom Henri-Thaler-Verein finanziert wird.



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