Extremismus
Schutz vor Salafisten: Land NRW baut „Wegweiser“-Präventionsprojekt aus

Münsterland -

Jeden Tag klingelt in Münster das Salafisten-Telefon der Präventionsstelle „Wegweiser“. Meistens am Apparat: Eltern, Lehrer, Lehrmeister, Vereinsvertreter, „Menschen, die Angst ha­ben“, nennt Klaus Fröse sie. Angst davor, dass ihr Kind, Schüler, Lehrling oder Sportkamerad in den Islamismus abdriften und sich radikalisieren könnte.

Sonntag, 04.02.2018, 12:00 Uhr aktualisiert: 04.02.2018, 14:21 Uhr
Radikale Islamisten hier bei einer Demo: Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist ihre Zahl in NRW inzwischen auf 3000 gestiegen.
Radikale Islamisten hier bei einer Demo: Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist ihre Zahl in NRW inzwischen auf 3000 gestiegen. Foto: imago

Die, die anrufen, wissen nicht weiter, suchen Hilfe, brauchen Rat. Die, um die es geht, melden sich in der Regel nicht. „Trotzdem versuchen wir, Kontakt zu ihnen aufzubauen“, sagt Fröse.

Vor vier Jahren initiierte das NRW-Innenministerium das Projekt. „Wegweiser“ startete zunächst klein, ist inzwischen aber so erfolgreich, dass auch die schwarz-gelbe Landesregierung daran festhält. NRW-weit existieren derzeit 13 Beratungsstellen. „Die Zahl wird bis Ende des Jahres auf 25 aufgestockt“, sagt Innenministerium-Sprecher Tobias Dunkel.

Anfang 2018 lag die Zahl der Kontakte bei 11.000, aus den Anfragen ergaben sich über 600 Betreuungen. Die münsterische Beratungsstelle war rund 40 Mal mit jungen Muslimen konfrontiert, die in die Islamistenszene abzurutschen drohten.

Jugendliche zwischen allen Stühlen

In Münster ist das „Wegweiser“-Projekt beim Verein sozial-integrativer Projekte angedockt, dessen Geschäftsführer Fröse ist. Ein Sozialpädagoge und eine Islamwissenschaftlerin bilden das Beraterteam. In der Öffentlichkeit auftreten wollen die beiden aber nicht. Sollen sie übrigens auch nicht.

Die Beratungsstelle wurde seinerzeit in Münster geschaffen, weil „die Zahlen so waren, dass die Stadt ein Hotspot zu werden schien“, sagt Fröse. Anfragen kommen heute nach wie vor aus Münster, vermehrt auch aus Ahlen und Ibbenbüren. Die beiden Bergbaustädte haben große muslimische Communities.

Die, um die es geht, sind in der Regel jung, „zwischen 14 und 18 Jahre alt“ und männlich. Sie gehören zur Gruppe der Gastarbeiter-Kindeskinder, die es nicht geschafft haben. Jugendliche zwischen allen Stühlen. Nicht mehr in der Kultur der Eltern verhaftet, in der hiesigen nicht angekommen. Underdogs, die „den religiösen Fanatismus progressiv umdeuten und sich selbst als Avantgarde sehen“, sagt Prof. Marco Schöller, Islamwissenschaftler an der Uni Münster.

Kein Kuschelkurs für Radikale

„Wegweiser“: Der Name ist Programm. Auch wenn die Berater oft Umwege nehmen müssen. Melden Lehrer ei­nen Schüler, der auf einmal sehr religiös daherredet, den Westen verflucht und den Heiligen Krieg lobt, bieten die Berater Veranstaltungen an der Schule an, gehen in Klassen, sprechen mit Lehrern, informieren, klären auf. Und versuchen immer, Kontakt zum soge nannten „Kunden“ aufzubauen. Klas sische Beziehungsarbeit sei das, sagt Fröse.

Wie bei allen Präventionsprojekten ist der Erfolg auch bei „Wegweiser“ nur schwer zu messen. Wie soll man auch ermitteln, das Abdriften eines Gefährdeten möglicherweise verhindert zu haben? Als die CDU noch Op­positionspartei war, war genau dies ihr Kritikpunkt. Das Programm sei den Be weis seiner Wirksamkeit schuldig geblieben, sagte der Fraktionsvize Peter Biesenbach seinerzeit. Als Justizminister unterstützt er heute das Programm.

Trotz aller Pädagogik: Das „Wegweiser“-Projekt ist kein Kuschelkurs für verblendete Radikale. Im Hintergrund wirkt der Verfassungsschutz mit. „Erfahren wir, dass jemand eine Straftat plant, hören wir, dass jemand als potenzieller IS-Kämpfer ausreisen will, sind wir verpflichtet, das zu melden“, sagt Fröse. Vorgekommen ist das aber noch nicht.

Salafisten in NRW

Die Zahl der Salafisten in Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Nach Angaben des Düsseldorfer Innenministeriums lag ihre Zahl 2012 bei rund 1000; Ende 2017 waren es rund 3000, von denen fast 800 als Gefährder und offen gewaltorientiert eingestuft werden. Auch wenn sich das Wachstum zuletzt verlangsamt hat, konstatiert der NRW-Verfassungsschutz, dass die „Attraktivität des extremistischen Salafismus für junge Menschen ungebrochen ist“. Nach Ministeriumsangaben sind 85 Prozent der Salafisten männlich und drei Viertel zwischen 20 und 40 Jahre alt. 44 Prozent besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Zahl der Konvertiten liegt bei zehn Prozent.

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