Hubert Wilbert hat alles aufgeschrieben
Der Zweite Weltkrieg in Münster – Tag für Tag

Münster -

Die Tagebuchaufzeichnungen des Münsteraners Hubert Wilbert umfassen Tausende Seiten. Ihr Inhalt ist vermutlich beispiellos: Tag für Tag hat er ab 1939 als junger Mann aufgeschrieben, was während des Zweiten Weltkrieges in Münster geschah.

Donnerstag, 08.02.2018, 11:00 Uhr aktualisiert: 08.02.2018, 12:24 Uhr
3600 Oktavheftseiten umfassen die Tagebuchaufzeichnungen, die Hubert Wilbert als junger Mann zwischen dem 1. September 1939 und 1949 anfertigte.
3600 Oktavheftseiten umfassen die Tagebuchaufzeichnungen, die Hubert Wilbert als junger Mann zwischen dem 1. September 1939 und 1949 anfertigte. Foto: Becker Studios Ravensburg

Es ist der 11. Oktober 1943, der Tag nach einem der schwersten Bombenangriffe auf Münster. Dennoch versucht Hubert Wilbert, irgendwie zur Schule zu kommen. Was er auf dem Weg sieht, ist erschütternd: „Mitten auf dem Ludgeriplatz ist ein großer Bombentrichter. Links neben der Promenade sind etliche Bomben gefallen, eine davon hat das Eckhaus am Ludgeriplatz angeschlagen. (...) Hinter dem Kanonengraben sind ein oder mehrere Häuser zerstört, die Anlagen von Sprengbomben durchwühlt.“

Dies und vieles mehr schreibt Wilbert in seinem Tagebuch nieder. Einem Tagebuch, das in seiner Art einzigartig ist. Es beginnt am 1. September 1939, also am Tag, als der Zweite Weltkrieg begann, und endet erst 1947. Tag für Tag hält er in diesem Zeitraum minuziös fest, was in seiner Heimatstadt Münster passiert. Er berichtet über jeden Bombenangriff – sogar mit exakten Zeitangaben –, schildert den Alltag, berichtet, was das Oberkommando der Wehrmacht im Rundfunk verlauten lässt. Dies alles ist umso erstaunlicher, als Wilbert zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gerade erst 14 Jahre alt war – und damit noch ein Kind.

Tagebücher in Sütterlin

Am Ende umfassten seine Aufzeichnungen 3600 Oktavheftseiten, die ein fast vollständiges Bild der Kriegsereignisse in Münster zeichnen. Wilberts Stiefsohn Andreas Becker entdeckte die Tagebücher bei der Räumung seines Elternhauses in Göttingen. Die 49 Tagebücher und Notizen lagen in einer offenen Kiste auf dem Dachboden, sie waren stark verschmutzt und teilweise marode, berichtet Becker. Die Tagebücher waren handschriftlich in Sütterlin verfasst. Becker reproduzierte daher alle Seiten fotografisch und ließ sie danach transkribieren.

1925 wurde Hubert Wilbert in Münster geboren. 1944 legte er das Abitur ab, studierte später Zoologie, Botanik, Chemie und Mathematik. 1952 promovierte er, 1954 ging er nach Bonn, wo er sich an der Landwirtschaftlichen Fakultät 1963 habilitierte. 1967 heiratete Prof. Dr. Hubert Wilbert ­Erica Becker, im gleichen Jahr folgte er einem Ruf als Professor und Leiter der Entomologischen Abteilung des Instituts für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz an die Universität Göttingen. Wilbert verstarb in Göttingen. In Freiburg im Breisgau fand er seine letzte Ruhestätte.

Wut auch nach Kriegsende

Zurück zum Tagebuch: „Der Krieg Deutschland – Polen beginnt“: Dieser Eintrag bildet am 1. September 1939 den Auftakt. In der Folge schildert er detailliert den deutschen Vormarsch, aber auch, wie die Weltpolitik auf den Angriff reagiert. Es folgen Tausende Seiten mit Einträgen. So schreibt er am 16. Mai 1940: „Die ersten Bomben. Wir liegen alle seelenruhig in den Betten und schlafen. Ich träume gerade allerlei durcheinander, als ich plötzlich durch das Krachen einer Explosion aus dem Schlafe geschreckt werde.“ Es folgen detaillierte Schilderungen der Angst und des Schreckens, den dieser erste große Angriff auslöste, dem noch viele folgen sollten.

Die Tagebücher sind nach Einschätzung von Becker etwas Außergewöhnliches, ein „seltenes, wenn nicht einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument, insbesondere vor dem Hintergrund, dass er krankheitsbedingt nie bei den kämpfenden Einheiten war“. Nach seiner Einschätzung spiegeln Wilberts Eindrücke „die zum damaligen Zeitpunkt vorherrschenden Ansichten eines besiegten, am Boden zerstörten Volkes“ wider. „Wut, Zorn, Angst, Verzweiflung und Trauer können nachfolgende Generationen wohl nur erahnen.“

Mehr zum Thema

Forschungsergebnisse präsentiert: Münsters Stadtverwaltung in der NS-Zeit

...

Eine Wut, die in den Tagebüchern auch noch nach Kriegsende zu finden ist. So schreibt Hubert Wilbert über die Alliierten, dass sie niemanden erschießen oder vergiften, „aber sie morden, morden mit einer teuflischen Raffinesse, gegen die die Nazis elende, plumpe Stümper waren“. Mit dem „Morden“ meint er vor allem Hunger und Kälte, die der deutschen Bevölkerung zusetzen. Becker unterstreicht allerdings, dass sein Stiefvater aus der späteren zeitlichen Distanz „manche Ereignisse seines Lebens anders bewertete und neu einzuordnen wusste“.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5495223?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker