Architekt der Pergola-Anlagen im Interview
„Jahrzehnte nichts getan“

Münster -

Der Pergola am Bremer Platz rücken in Kürze Abrissbagger zu Leibe. Darüber ist der münsterische Architekt Joachim Pries, der die Säulenreihnen einst entwarf, traurig. Zugleich kritisiert er die Stadt: Sie habe sich 30 Jahre nicht um die Grünfläche, die sich rasch zu einem Treffpunkt der Drogenszene entwickelte, gekümmert.

Sonntag, 11.02.2018, 09:00 Uhr aktualisiert: 11.02.2018, 15:13 Uhr
Der münsterische Architekt Joachim Pries hat vor mehr als 30 Jahren den Bremer Platz gestaltet.
Der münsterische Architekt Joachim Pries hat vor mehr als 30 Jahren den Bremer Platz gestaltet. Foto: privat

Der von Ihnen gestaltete Bremer Platz fällt nun der Abrissbirne zum Opfer. Sind Sie traurig darüber?

Joachim Pries: Es ist für jeden Architekten traurig mitzuerleben, wenn eines seiner „Kinder“ beseitigt wird.

Die Anlagen machen Platz für eine neue Gestaltung, die wiederum Folge der Bebauung der Ostseite ist. Hätten Sie sich deren Erhalt gewünscht?

Pries: Ja – zumindest, dass eine Reihe der Pergola-Säulen stehen bleibt. Doch bei der Stadt erklärte man mir, dass der Bereich vollständig für Versorgungsleitungen benötigt werde. Immerhin wurde mir zugesichert, mich an der neuen Planung für die Platzgestaltung zu beteiligen.

Wie kamen Sie Mitte der 1980er-Jahre an den Auftrag?

Pries: Der ehemalige Busbahnhof sollte damals in einen „Stadtgrünplatz“ umgewandelt werden. Ich gewann einen der Preise bei einem Wettbewerb für die Gestaltung des gesamten Bahnhofsumfeldes und wurde dann mit verschiedenen Planungen an der Ostseite beauftragt.

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Wie lautete Ihr Auftrag genau?

Pries: Einen Platz mit einer Grünfläche zu schaffen, die von allen Anwohnern genutzt werden kann. So viele Grünflächen gibt es ja im Hansaviertel nicht. Neben der Gestaltung des Bremer Platzes plante ich dann auch das gegenüberliegende Parkhaus mit dem angrenzenden Geschäftshaus an der Wolbecker Straße und, auf der anderer Seite, das Wohn- und Geschäftshaus, in dessen Erdgeschoss sich der Netto-Markt befindet.

Östlich des Hauptbahnhofs war also richtig viel in Bewegung.

Pries: Ja, da war viel Aufbruch, und für mein Büro war das natürlich auch eine schöne Entwicklung.

Warum entschieden Sie sich eigentlich für die Pergola-Anlagen am Rande des Platzes?

Pries: Das Element der im ganzen Platz verwendeten Säulenreihen bildet, wenn man an ihnen entlanggeht oder mit dem Auto an ihnen vorbeifährt, also aus der Schrägansicht, eine geschlossene Fläche. Doch wenn man, zum Beispiel vom Bahnhof, senkrecht auf die Pergola schaut, ist das Trennende aufgehoben, und man kann die gesamten Grünanlagen sehen.

Wann begann der Bremer Platz zu kippen?

Pries: Nach ein bis zwei Jahren tauchte dort, ich weiß nicht, woher sie kam, die Drogenszene auf. Nach kurzer Zeit wurden im Spielplatzsand an der Schillerstraße Spritzen gefunden. Daraufhin wurde der Spielplatz von den Müttern gemieden. Die Stadt entschloss sich, die Sandflächen zu entfernen und dabei Spielelemente wie ein Dinosaurierskelett abzubauen.

Sind Sie damals gefragt worden?

Pries: Nein, dass hat die Stadt selber veranlasst.

Kann man sagen, dass die Stadt den Platz damals aufgegeben hat?

Pries: Ja, das könnte man so sagen. Danach passierte 30 Jahre nichts mehr.

Mit welchen Gefühlen fahren Sie heute am Bremer Platz vorbei?

Pries: Es ist einfach ein Verlust für die Bürger, dass er seit so vielen Jahren anders genutzt wird, als es vor Jahrzehnten geplant war. Und es erschließt sich mir nicht, dass nichts getan wurde, um daran etwas zu ändern.

Kann der Bremer Platz in Zukunft wieder zu einem Platz für alle werden?

Pries: Wenn für die neue Planung aus den programmatischen Fehlern gelernt wird – sicherlich. Es ist ja geplant, sich Gedanken darüber zu machen, ob und wie hier ein Bereich für die Szene geschaffen werden kann.

Darf die Stadt die Anlagen von Pries abreißen

Darf die Stadt eigentlich das Werk eines Architekten einfach so abreißen? Ja, betont der städtische Planungsdezernent Siegfried Thielen. „Natürlich haben wir unsere Pläne mit dem Architekten, Herrn Pries, abgestimmt“, so Thielen. Das Urheberrecht verbiete einen solchen Abriss nicht. Es hätte allerdings gegriffen, wenn die Pergola-Anlagen nicht komplett abgerissen, sondern baulich verändert worden wären. Das ist jedoch nicht der Fall. „Joachim Pries wird an der Neugestaltung beteiligt sein“, verspricht der Planungsdezernent.

Bevor der Bremer Platz seine heutige Gestalt kam, befand sich an dieser Stelle der Busbahnhof – und davor wurde an dieser Stelle mit Kohle und Öl gehandelt. Untersuchungen in den 1980er Jahren ergaben, dass der Untergrund kontaminiert ist. Die Stadt entschied daraufhin, ihn mit einer Bentonitbahn abzudichten. Dabei handelt es sich um in Papier geschlagenes Ton. Sobald die Grünflächen nass werden, schließt sich diese Schicht, und es kann keine Nässe in den kontaminierten Untergrund gelangen. Zugleich wird verhindert, dass möglicherweise belasteter Boden vom Untergrund an die Oberfläche geschwemmt wird.

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