Fr., 23.02.2018

Mehr Verkehrsunfälle auf Münsters Straßen Es trifft vor allem Radfahrer

Mehr Verkehrsunfälle auf Münsters Straßen: Es trifft vor allem Radfahrer

Anfang Dezember wurde eine junge Radfahrerin an der Kreuzung Mersmannstiege/Weseler Straße von einem abbiegenden Lkw erfasst. Foto: Cengiz Sentürk (Archiv)

Münster - 

(Aktualisiert) Schlechte Nachrichten von Münsters Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch: 2017 gab es mehr Unfälle und mehr Verletzte. Besonders gefährdet sind Radfahrer. Der Polizeipräsident kritisiert die Stadtverwaltung.

Von Ralf Repöhler

Es sind Fehler beim Abbiegen, die Vorfahrt wird genommen, Fahren auf der falschen Seite oder mit Alkohol im Blut – die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern ist so hoch wie seit Jahren nicht. Und seit Jahren wurden nicht so viele Radfahrer verletzt wie im vergangenen Jahr. Das ist eine der Kernaussagen der Verkehrsunfallstatistik 2017, die Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch und sein Führungsstab am Freitag vorstellten. „Wir stellen steigende Unfallzahlen und eine steigende Zahl an Verletzten, vor allem an Radfahrern, fest. Das ist keinesfalls gut“, sagte Kuhlisch.

Insgesamt hat es auf Münsters Straßen im Vorjahr fast 11. 000 Verkehrsunfälle gegeben, rund 500 mehr als 2016. Davon waren 3651 schwerwiegende Unfälle mit Verletzten, hohem Sachschaden oder Straftaten. Vier Menschen starben, 1492 wurden verletzt (2016: 1439). Kuhlisch begründete den erneuten Anstieg der Unfälle und die höhere Zahl der Verletzten mit der gewachsenen Bevölkerungszahl und der höheren Verkehrsdichte in der Stadt. „Bei der Infrastruktur ist nichts Wesentliches in den vergangenen Jahren passiert“, bemängelte der Polizeipräsident.

Kuhlisch setzte sich für infrastrukturelle Verbesserungen in Münster ein und forderte die Stadt dazu auf, mit dem Masterplan Mobilität ein Signal für die Zukunft zu setzen. Zudem werde die Polizei wieder ein verstärktes Augenmerk auf Risikobereiche und Unfallhäufungsstellen legen – wie sie es in früheren Jahren getan hatte.

Radfahrer besonders gefährdet

An jedem fünften Verkehrsunfall ist ein Radfahrer beteiligt. Die dabei verletzten 766 Radfahrer (88,8 Prozent) zeigen, wie gefährdet diese Verkehrsteilnehmer in Münster sind. Das wird noch deutlicher sichtbar daran, dass jeder zweite Verunglückte ein Radfahrer ist. Bei ihnen ist das Verletzungsrisiko besonders hoch. Radfahrer waren im Jahr 2017 an 839 Unfällen beteiligt, die Anzahl der verunglückten Radfahrer nahm um 52 zu, eine Radfahrerin wurde getötet. „Das muss uns zu denken geben“, sagte Kuhlisch.

Andre Weiß aus der Polizei-Direktion Verkehr machte indes auch deutlich, dass Radfahrer jeden zweiten Verkehrsunfall, an dem sie beteiligt sind, selbst verursachen. Doch auch andere Verkehrsteilnehmer machen den Radfahrern das Leben schwer. „Beim Rechtsabbiegen an der Warendorfer oder Grevener Straße müssen Sie immer mit drei bis 15 Radfahrern rechnen“, sagte Kuhlisch. Manche Autofahrer seien in der Enge der Stadt scheinbar überfordert.

Von den 3651 schwerwiegenden Verkehrsunfällen 2017 ereigneten sich 3097 mit Pkw-Beteiligung. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 153 Unfälle. 55 der so verunglückten 429 Personen wurden schwer verletzt. Mit Fußgängern gab es 167 schwerwiegende Unfälle, ein Plus von elf Unfällen. Zwei Fußgänger wurden dabei getötet, 43 schwer verletzt. 

Mehr Unfälle mit älteren Senioren

Die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Senioren im Alter von 75 Jahren und älter hat nach Angaben der Polizei in den vergangenen vier Jahren erkennbar zugenommen – von 224 im Jahr 2014 auf aktuell 293. Insgesamt ist die Gesamtzahl der Unfälle mit Senioren (ab 65 Jahren) aber gegenüber dem Vorjahr nahezu gleich geblieben (2016: 548, 2017: 547). Ein Fußgänger kam 2017 ums Leben, 46 Senioren wurden schwer verletzt.

Mit Kindern gab es im vergangenen Jahr 121 Verkehrsunfälle (103 verletzte Kinder), 23 Kinder verunglückten auf dem Schulweg.

Die Polizei verzeichnete 517 Unfälle mit jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) – deutlich weniger als noch vor Jahren. Die meisten verunglückten als Radfahrer.

Polizeipräsident fordert Tempolimit auf Autobahnen

Auf den sieben Autobahnen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Münster gab es im vergangenen Jahr 4272 Verkehrsunfälle. Bei 471 Unfällen wurden insgesamt 760 Personen verletzt, vier Menschen starben an den Folgen der schweren Verletzungen. Die Bilanzzahlen 2017 teilte der Leiter der Autobahnpolizei, Uwe Marquardt, mit. „Insgesamt ist die Zahl der Unfälle auf den Autobahnen im letzten Jahr zwar gesunken, die Anzahl der Unfälle mit Verletzten aber gestiegen“, sagte er. Auffällig: An mehr als jedem dritten Unfall war ein Lkw beteiligt. Polizeipräsident Hajo Kuhlisch fordert deshalb ein Lkw-Überholverbot sowie eine generelle Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen.

Kommentar: Deutliches Alarmsignal

Mehr Unfälle, mehr Verletzte: Münsters Straßenverkehr wird von Jahr zu Jahr gefährlicher. Darunter leiden vor allem die Radfahrer. Jeder zweite Verunglückte war mit der Leeze unterwegs. Die Verkehrsunfallzahlen der Polizei lügen nicht, in der wachsenden Stadt ist der Straßenraum zu klein geworden. Münster hat zu wenig Platz für seine hohe Mobilität. Längst notwendige Infrastrukturmaßnahmen indes lassen seit Jahren auf sich warten. Politik und Verwaltung schlafen.

Der Polizeipräsident erhöht mit den negativen Unfallzahlen den Druck auf die Stadt, den Masterplan Mobilität aufzustellen und strukturelle Grundsatzentscheidungen zu treffen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Ordnungspartnerschaft zur Unfallprävention von Polizei und Verwaltung eingeschlafen ist und polizeiliche Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit wegen Personalmangels und Terrorabwehr zurückgefahren wurden.

Münsters zu volle Straßen müssen wieder Priorität haben. Die vier Verkehrstoten 2017 sind vier zu viel.

Ralf Repöhler



https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5545463?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F