Angels in America“ von Peter Eötvös in Münster
Der Ehemann liebt heimlich Männer

Münster -

Anwalt Roy Cohn, dessen reales Vorbild einst am Aufstieg Donald Trumps beteiligt war, erfährt in der Oper „Angels in America“ von seinem Arzt: „Sie haben Aids.“ Das ist ein besonderer Moment in der Aufführung – wenn Suzanne McLeod als Arzt plötzlich die Stimme erhebt und ganz sanft das Todesurteil ausspricht. Worauf dem erschrockenen Cohn eine Frau erscheint, die er seinerseits als Staatsanwalt auf den elektrischen Stuhl gebracht hat: Ethel Rosenberg. Aber natürlich kann er, der skrupellose Rechts-Ausleger, nicht jene Krankheit eingestehen, die gerade in den 80er Jahren in Homosexuellenkreisen grassiert. Er habe Leberkrebs, behauptet er stattdessen.

Sonntag, 25.02.2018, 16:14 Uhr
Moment der Erkenntnis: Harper (Kristi Anna Isene) erfährt von Prior (Christian Miedl), dass auch ihr Ehemann homosexuell ist.
Moment der Erkenntnis: Harper (Kristi Anna Isene) erfährt von Prior (Christian Miedl), dass auch ihr Ehemann homosexuell ist. Foto: Oliver Berg

Tony Kushners Theaterstück über das Reagan-Amerika, Schwule und Aids war vor langer Zeit in Münster zu sehen, jetzt hat sich das Musiktheater an die Opernversion von Peter Eötvös gewagt. Kein leichter Stoff, denn die Musik ist sperrig und nicht von jenem spätromantischen Gestus geprägt, der etwa Detlev Glanerts „Joseph Süß“ so gut hörbar machte. Und so verständlich die Sänger auch durch die vorgeschriebene Mikrofonisierung klingen, so bedauerlich ist es, dass aus Urheberrechtsgründen nur englische Übertitel zu lesen sind.

Gleichwohl zeigt sich, welchen Sinn das Übertragen des siebenstündigen Schauspiels in eine zweieinhalbstündige Oper hat. Denn hier liegt der Schwerpunkt weniger auf der politischen Situation, die Cohn repräsentiert, als auf den Gefühlen zweier Paare, deren Schicksale verflochten sind. Der aidskranke Prior wird von seinem verzweifelten Freund verlassen, und die frustrierte Ehefrau Harper gibt ihrem homosexuellen Mann den Laufpass – was Regisseur Carlos Wagner für eine schöne Parallele in der Personenführung nutzt.

Musikalisch führt dieser Schwerpunkt über weite Strecken zu einer lyrischen Emphase in den Gesangspartien, die sich über den kristallinen Klangereignissen aus dem Orchestergraben ausbreitet. In den vokalen Linien, die der Bariton Christian Miedl (als Prior) oder Sopranistin Kristi Anna Isene (Harper) verströmen, zeigt sich auch exemplarisch, welch starkes Ensem­ble in dieser Produktion zum Einsatz kommt. Generalmusikdirektor Golo Berg lotst mit ruhiger Hand die immens geforderten Sänger und Instrumentalisten durchs Geschehen: Der Applaus des anwesenden Komponisten am Premierenabend war ihnen gewiss.

Christophe Ouvrards New-York-Bild mit Waschsalon und Diner verwandelt sich nach der Pause (in der einige Zuschauer aufgaben) in eine Krankenstation, dann in jenen imaginären Himmel, dessen Märchen-Engel den sterbenden Prior holen, aber nicht halten können: Er will leben, lautet seine Botschaft. Die vermitteln Werk und Aufführung auf nicht leicht konsumierbare, aber höchst eindringlich ausgeformte Weise.

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Die nächsten Termine: 27. Fe­bruar, 10. und 16. März in Münsters Großem Haus

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