Pro Musica im Rathausfestsaal
Ein Hohelied an alle Meister aus der zweiten Reihe

Münster -

Auf Fotos blickt er mit großen Kinderaugen. Theodor W. Adorno (1903-1969), Philosophiegenie der Kritischen Theorie, bewahrte sich den kindlichen Blick: Seine Suite „Kinderjahr“ ist eine delikat instrumentierte Orchestrierung von sechs Klavierstücken aus Robert Schumanns „Album für die Jugend“. Das Pro Musica Orchester unter Gerhard Wild begann mit dieser Trouvaille ihr Konzert.

Montag, 05.03.2018, 19:42 Uhr aktualisiert: 05.03.2018, 19:50 Uhr
Das Pro Musica Orchester unter Gerhard Wild mit Juhee Lee am Klavier (l.)
Das Pro Musica Orchester unter Gerhard Wild mit Juhee Lee am Klavier (l.) Foto: Günter Moseler

Auf Fotos blickt er mit großen Kinderaugen. Theodor W. Adorno (1903-1969), Philosophiegenie der Kritischen Theorie, bewahrte sich den kindlichen Blick: Seine Suite „Kinderjahr“ ist eine delikat instrumentierte Orchestrierung von sechs Klavierstücken aus Robert Schumanns „Album für die Jugend“. Das Pro Musica Orchester unter Gerhard Wild begann mit dieser Trouvaille ihr Konzert im Rathausfestsaal und intonierte den „Frühlingsgesang“ wie eine luftige Hoffnung jenseits arktischer Minusgrade. Das flott gespielte „Lied italienischer Marinari“ klang wie ein Urlaubslied aus den Sechzigern, das Italien als (Familien-)Paradies feiert. Die Holzbläser flunkerten und unkten, als heckten sie altkluge Streiche aus, in der „Erinnerung“ (an Mendelssohns Todestag) gönnte sich das Orchester eine Sehnsuchtsfermate, die „Winterzeit“ schien hinter schroffen Streicher-Bässen einen eiskalten Finsterling zu verbergen.

Ludwig van Beethovens Klavierkonzert G-Dur op. 58 ist ein Werk äußerster Noblesse und kann in der Verweigerung brachialer Dramaturgien als echter Anti-Beethoven gelten. Die südkoreanische Pianistin Juhee Lee demonstrierte im berühmten Soloeinsatz des Konzerts präzise Phrasierung und Artikulation: Zarter hätte man die Betonung starker und schwacher Taktzeiten, die Kadenz inklusive abschließendem Dominantakkord – als Achtel! – nicht spielen können. Dieser lyrischen Perspektive blieb sie – nur manchmal eine Spur zu – treu. Die heikle Terzenpassage des Anfangs, lockere Triolenkaskaden, Glasperlenspiele im Diskant, Terzentriller und höfischer Doppelschlag gelangen ihr mit rhetorischer Agilität, die Durchführung blieb eher sanft. Das Trillerdelirium im „Andante con moto“ wirkte zahm – etwas mehr Wahnsinn wäre schön(er) gewesen. Makellos elegant die kurzen Triller im Thema des Rondos, das die Solistin im idealen Tempo nahm, nur gönnte sie dem Finish vielleicht einen zu kultivierten Zugriff – hier und da eine Tigertatze schadet nicht . . .

Danach erschienen Beethoven, Schumann und Mendelssohn noch einmal inkognito auf der Bildfläche: als Paten der Sinfonie Nr.1 c-moll op. 5 des Dänen Nils Gade. Klassische Proportionen beherrschen ein Werk, das ständig in Klammern einen Subtext setzt: Das c-Moll huldigt Beethoven, dessen melodiöse Seitensätze Mendelssohn, das Finale erinnert ans synergetische Klangcharisma in Schumanns Zweiter. Orchester und Dirigent gaben alles, um dem Stück die fällige Ehrenrettung zu sichern, das „Andantino grazioso“ geriet so zum Hohelied an alle Meister aus der zweiten Reihe: durch sie wissen wir von der Gunst glücklich kopierter Inspiration. Herzlicher Beifall.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5569478?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker