Sportpolitik
Sanierungen sind in NRW dringlicher als eine Olympia-Bewerbung

Düsseldorf/Münster -

Nordrhein-Westfalen träumt von einer Bewerbung für die Olympischen Spiele 2032. Zumindest tun das einige Funktionäre. Gleichzeitig ist die Sanierung zahlreicher Sportstätten dringend notwendig. Frisches Geld könnte helfen, beide Pläne voranzutreiben. Der Landessportbund drückt aufs Tempo.

Dienstag, 06.03.2018, 14:50 Uhr aktualisiert: 06.03.2018, 21:28 Uhr
Morbider Charme der 60er Jahre: Blick in eine marode Umkleidekabine in einer Sporthalle: keine gute Visitenkarte für Olympia.
Morbider Charme der 60er Jahre: Blick in eine marode Umkleidekabine in einer Sporthalle: keine gute Visitenkarte für Olympia. Foto: Wilfried Gerharz

Es geht um Geld, viel Geld sogar. Und es gibt große Zufriedenheit – üblicherweise schließen sich diese beiden Elemente, wenn es um Sport-Belange geht, grundsätzlich aus. Mit der neuen Zielvereinbarung zwischen Landesregierung und Landessportbund (LSB) ist beides gegeben. 210 Millionen Euro sind für den organisierten Sport für die nächsten fünf Jahre garantiert, was LSB-Präsident Walter Schneeloch ein Lächeln abringt.

„Unsere Forderungen sind im vollen Umfang erfüllt“, sagte der ranghöchste NRW-Sportfunktionär bei einem Pressegespräch in Düsseldorf, nicht ohne sich einen Seitenhieb auf die Vorgängerregierung aus SPD und Grünen zu gestatten. „Da wurde eineinhalb Jahre verhandelt, ehe die Ministerpräsidentin die Angelegenheit gecancelt hat.“

Mittel zur Sportförderung

42 Millionen Euro (zuvor 35 Millionen) stehen nun jährlich zur Verfügung, um Breitensport zu fördern und Spitzensport zu erreichen. Trainer für Nachwuchs-Leistungssportler können jetzt besser bezahlt werden. Rund fünf Millionen Euro sind dafür vorgesehen.

Ziel ist es, eine funktionierende Sportförderung nachzuweisen, die sich der LSB weiter mit der Sportstiftung NRW aufteilt – aber klarer getrennt als bislang: Die Struktur wird vom LSB gefördert, die Sportförderung kümmert sich um die Individualförderung, schilderte die neue Staatssekretärin Sport, Andrea Milz, gegenüber dieser Zeitung.

Sanierungsstau bei Sportanlagen

Reichtümer häuft der Sport hierzulande gleichwohl nicht an. Dr. Christoph Niessen, LSB-Vorstandsvorsitzender, goss gehörig Wasser in den süßen Wein und bezifferte den Sanierungsstau hiesiger Sportanlagen auf „mindestens zwei Milliarden Euro“. Hinsichtlich vieler maroder Stätten sagte Schneeloch: „Wir waren in puncto Sportanlagen mal Weltmeister, jetzt sind wir Bezirksklasse.“

Die Sportpauschale des Gemeindefinanzierungsgesetzes sei nicht geeignet, den Sanierungsstau spürbar abzubauen. Es werde ein „goldener Plan Sportstätten NRW“ benötigt, aus dem Kommunen und Vereine Zuschüsse zum Neubau und zur Sanierung erhalten können. Und überhaupt: Geld allein macht nicht glücklich – es gebe noch sehr, sehr viele Problemfelder: Zwar stehen landesweit 60 neue Stellen im Bereich Integration durch Sport auf dem Plan, zudem 70 Fachkräfte für die Kooperation der Sportvereine im offenen Ganztag (Schneeloch: „Wir wollen den Staat nicht entlasten“) – aber reicht das?

Sporträume und Ehrenamt

Niessen blieb eine klare Antwort schuldig und sprach vom „Tropfen auf den heißen Stein“. Es sind die „wichtigsten Ressourcen“, die noch Schwierigkeiten bereiten: Sporträume und Ehrenamt. Zu Letzterem wurde im Dezember eine LSB-Initiative gestartet, deren Ergebnis noch offen ist.

Hinsichtlich der Sportflächen sagte Schneeloch, der im Dezember als DOSB-Vizepräsident zurücktreten will: „Sportentwicklung ist ein integrativer Bestandteil der Stadtentwicklung.“ Er gab damit den Staffelstab an die Kommunen weiter. Niessen hob in diesem Zusammenhang auch die Stadtsportbünde in die Pflicht.

Olympia in NRW?

Zur aktuellen Diskussion Olympia-Bewerbung Rhein-Ruhr für 2032 haben beide Funktionäre eine Vision und ein Ziel gleichermaßen: „Der Sport- und Strukturentwicklung würde Olympia im Revier einen kräftigen Schub geben“, betonte Schneeloch. Gleichwohl sei für ihn der Weg dorthin auch das Ziel, wenn nämlich die angesprochen Defizite im Rahmen der Bewerbung behoben werden: Die Vorbereitungen zur Planung von Olympischen Spielen in NRW könnten helfen, dass viele Entwicklungen schneller und zielgerichteter vorangebracht werden.

„Gleichzeitig sind sie Katalysator für Entwicklungsprozesse in der Wirtschaft, im Verkehr und im Arbeitsmarkt“, betonte Niessen. Tatsächlich: Olympia in NRW? „Dann wäre bei uns der Bär los“, sagte Schneeloch.

Kommentar: Steilvorlage für den Sport

Olympia in NRW? Im Wahlkampfgetöse war dieses Thema ein großes – und ist es noch. 2032 könnten die Spiele hier über die Bühne gehen, wenn man sich bis 2025 auf eine entsprechende Bewerbung einigen könnte.

Die Politik ist mit im Boot, Olympia im bevölkerungsreichsten Bundesland? Gute Idee. Der NRW-Sport sollte sich diese Steilvorlage zu eigen machen. Das Beispiel Hamburg zeigt, dass zunächst einmal die Bevölkerung für die Spiele begeistert werden muss, um Zustimmung zu erhalten. Aber die Menschen hierzulande werden wohl erst Feuer und Flamme sein, wenn die Infrastruktur im Kleinen stimmt. Wo es marode Sporthallen, Schimmel in Umkleidekabinen und vor sich hinrottende Sportplätze gibt, ist kein Platz für gigantische Großereignisse. Der Sport hat das Recht, genau dies zu fordern, was offensichtlich zu lange liegengeblieben ist. Und zwar bevor der Olympia-Express Fahrt aufnimmt.

 Jürgen Beckgerd

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