Vergebliche Schulplatzsuche
Schwieriger Wechsel zu weiterführender Schule: Emil wurde vier Mal abgelehnt

Münster -

Über 2400 Kinder wechseln im kommenden Jahr auf eine weiterführende Schule in Münster, die Anmeldungen sind längst gelaufen. Aber noch immer gibt es Kinder, die keinen Schulplatz haben. Auch der Viertklässler Emil Neffgen aus dem Südviertel gehört dazu.

Donnerstag, 15.03.2018, 11:00 Uhr aktualisiert: 15.03.2018, 12:23 Uhr
Emil (r.) mit seinem Schulranzen – nur der Schulplatz fehlt immer noch. Seine Mutter Dagmar Neffgen findet, die Schulplatzsuche in der Stadt sei eine „Zumutung“. Auch Emils Klassenkamerad Paulo hat noch keinen Schulplatz.
Emil (r.) mit seinem Schulranzen – nur der Schulplatz fehlt immer noch. Seine Mutter Dagmar Neffgen findet, die Schulplatzsuche in der Stadt sei eine „Zumutung“. Auch Emils Klassenkamerad Paulo hat noch keinen Schulplatz. Foto: Matthias Ahlke

In der vierten Klasse der Hermannschule im Südviertel freuen sich fast alle Schulkameraden von Emil Neffgen auf ihre neuen weiterführenden Schulen, die sie nach den Sommerferien besuchen werden. Der neun Jahre alte Emil hat noch kein Ziel, dem er erwartungsfroh entgegenblicken kann. Er hat noch keinen Schulplatz, auch fast drei Wochen nach Ende des Anmeldeverfahrens nicht.

Vier Schulen haben Emil schon abgelehnt, obwohl er, wie seine Mutter betont, „ein gutes Zeugnis hat, Zweier, Dreier, auch Einser“. Emil bekam von seiner Grundschule eine Realschulempfehlung, seine Eltern favorisierten eine Gesamtschule. Von der bischöflichen Friedensschule gab es die erste Absage, auch an der städtischen Mathilde-Anecke-Gesamtschule entschied das Los gegen Emil. Dann versuchte es seine Mutter an der Erich-Klausener-Realschule – wieder umsonst.

Nach drei Absagen entschied die Familie, Emil solle es trotz Realschul-Empfehlung am Schlaun-Gymnasium versuchen, wo auch seine ältere Schwester zur Schule geht. „Aber die drei Eingangsklassen dort waren mit 92 Kindern zu diesem Zeitpunkt auch schon restlos voll“, so die Mutter. Jetzt ist Emil an der Erna-de-Vries-Realschule angemeldet – aber auch von hier gibt es noch keine Zusage. „Die Schulplatzvergabe an den Realschulen ist noch unklar“, erklärt Wolfgang Wimmer vom Schulamt.

Verzweifelte Suche nach Schulplatz

Der Grund: Die Bezirksregierung hat noch nicht da­rüber entschieden, ob die ­Erich-Klausener-Realschule statt der drei von der Schulaufsicht vorgesehenen Klassen vier bilden darf. Das muss die für die Lehrerversorgung zuständige Behörde bewilligen. „Voraussichtlich in der kommenden Woche wird eine Entscheidung erarbeitet sein“, heißt es dazu aus der Bezirksregierung.

Eine Zumutung: So kann man mit kleinen Kindern nicht umgehen.

Dagmar Neffgen, Mutter

Und wenn entschieden wird, dass die Klausener-Schule, wo 125 Kinder angemeldet wurden, nur drei Klassen bilden darf, dann müssten noch rund 20 weitere Kinder auf andere Schulen verteilt werden, bestätigt das Schulamt. Weshalb unter anderem auch Emils Übergang zur ­Erna-de-Vries-Schule weiter fraglich bleiben muss. Dort sollen laut Schulamt drei Klassen gebildet werden. Nach der Anmeldephase gab es noch freie Plätze.

Gesamtschulen völlig überlaufen

Zu wenige Plätze an Gesamtschulen

Nicht nur in Münster, auch in ganz Nordrhein-Westfalen gibt es nach Auffassung der Landes­elternschaft der integrierten Schulen viel zu wenige Gesamtschulen. Derzeit müssten Gesamtschulen fast überall im Land Anmeldungen abweisen, kritisiert jetzt der Elternverein in einem Brandbrief an Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

In der Praxis werde der Zugang der Schüler zu der von ihnen gewählten Schulform vielerorts verwehrt. In Köln, so der Elternverein, seien 1100 Schüler von den Gesamtschulen abgewiesen worden. In Münster waren es an den beiden städtischen Gesamtschulen fast 250.

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Dagmar Neffgen empfindet das Verfahren als „echte Zumutung: So kann man nicht mit kleinen Kindern umgehen“, schimpft die Mutter und erzählt, wie sie mit Emil auf der Suche nach einem Platz von Schule zu Schule gezogen ist, wie die Enttäuschung des Jungen jedes Mal wuchs. Die Gesamtschulen sind völlig überlaufen, die Realschulen weitgehend ausgelastet: „Von einer echten Schulwahl kann angesichts unserer Odyssee nicht die Rede sein.“ Dagmar Neffgen hofft, dass Emil nun nicht zu einer weit entfernten Realschule in einem Vorort fahren muss, „wir wohnen ja in der Innenstadt“.

Paulo müsste weit fahren

Minda Nascimento stand zu Beginn der jeweiligen Anmeldefristen als eine der ersten vor den Schultüren der Friedensschule und der Gesamtschule Mitte. Einen Platz hat ihr Sohn Paulo, bisher noch Viertklässler der Hermannschule, nicht bekommen. Auch die Primusschule, die in den fünften Jahrgang noch einige Kinder aufnehmen konnte, hatte keinen Platz mehr frei. Nun hoffen seine Eltern auf einen Platz in der Erna-de-Vries-Realschule. Auf Paulos Zeugnis steht eine Hauptschulempfehlung – die hat der Junge wegen seiner diagnostizierten Lese- und Rechtschreibschwäche von den Lehrern erhalten, so die Mutter. In den sprachlichen Fächern hat Paulo keine Zensuren auf dem Zeugnis bekommen, sonst, sagt die Mutter, seien die Noten ganz gut. Hauptschulen gibt es in Münster nur noch in den Außenstadtteilen, nicht in Nähe der Innenstadt. Paulos Familie wohnt an der Hammer Straße im Südviertel. Minda Nascimento macht, abgesehen davon, aber keinen Hehl daraus, dass sie ihren Sohn nur sehr ungern an einer der Hauptschule anmelden würde. „Es gibt da zu viele Probleme“, sagt sie. Platz wäre für Paulo noch an der Sekundarschule in Roxel, die nach Lehrplänen der Gesamtschulen unterrichtet und bis zur zehnten Klasse führt. Die Fahrt von Paulos Zuhause mit dem Stadtbus dorthin dauert 70 Minuten pro Fahrt. „Das schafft er noch nicht allein“, meint seine Mutter. Zu der ebenfalls relativ weit entfernten Friedensschule hätte sie ihn auf dem Weg zu ihrer Arbeit mit dem Fahrrad begleiten können. Kinder mit Hauptschulempfehlungen haben an den Gesamtschulen statistisch die geringste Chance, einen Platz zu bekommen. Bei der Auslosung werden nur 15 Prozent der Plätze an sie vergeben, weil die Schülerschaft von Gesamtschulen der Verteilung auf die Schulformen in der ganzen Stadt entsprechen soll. Das Gros der Plätze (60 Prozent) geht deshalb an Kinder mit Gymnasialempfehlung.

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