Erdmöbel im Interview
Töchter, Tutorials und Trivialität

Münster -

Fünf Jahre sind seit dem letzten Studio-Album vergangen, jetzt kehrt die Band Erdmöbel mit „Hinweise zum Gebrauch“ ins Rampenlicht zurück. Denn Exil-Münsterländer wollen ihre neuen Songs natürlich auch live zum Besten geben. Ende April kann man die Band in der Sputnikhalle bewundern.

Donnerstag, 05.04.2018, 11:00 Uhr aktualisiert: 05.04.2018, 15:13 Uhr
Erdmöbel kommen mit ihrem neuen Album im Gepäck auf Tournee und spielen live in der Sputnikhalle.
Erdmöbel kommen mit ihrem neuen Album im Gepäck auf Tournee und spielen live in der Sputnikhalle. Foto: Matthias Sandmann

Es ist ja auch acht Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesprochen haben. Was ist bei euch Einschneidendes passiert?

Ekki Maas: Die veränderte politische Lage. Man muss inzwischen vor den rechtsgerichteten Kräften in ganz Europa ein bisschen Angst haben.

Markus Berges: Auch in künstlerischer Hinsicht ist es eine einschneidende Angelegenheit, was wir während unserer Arbeit erst gemerkt haben, weil sie sich dadurch verändert hat. Nicht konzeptionell, sondern weil sich unser Lebensgefühl geändert hat und das einfach miteingeflossen ist.

Bedarf es aufgrund der vielen Rechtsrucke eurer Meinung nach so etwas wie eine „Hoffnungsmaschine“?

Ekki: Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es nicht in Ordnung ist, was gerade passiert und vor allem, dass man sich nicht daran gewöhnt. Es war falsch zu glauben, dass es keine Rechten mehr gäbe. Und jetzt werden sie auch noch gewählt. Vielleicht haben wir uns zu sehr in Sicherheit gewiegt.

Markus: Es gibt leider eine Menge beleidigter Leberwürste, die jetzt Politik machen. Und dabei darf man nicht einfach nur zugucken. Deshalb brauchen wir weniger eine „Hoffnungsmaschine“ , als Leute, die sie laufen lassen. Wie es auch im Song heißt.

Ekki: Unser Song „Hoffnungsmaschine“ hat eine Menge Widerspruch ausgelöst. Denn diejenigen wissen genau, das sie gemeint sind. Ich lösche jeden Tag unter dem Video ganz fiese Kommentare. Richtig ekelhafte Sachen wie „Was wollt ihr Scheiß-Ökos überhaupt, lasst uns in Ruhe mit dem Kack und überhaupt, ihr lügt ja nur.“

Jetzt habt ihr auf dem Album mit Barack Obama ja eine Art „Hoffnungsmaschine“ abgebildet...

Ekki: Leider eine gescheiterte. Er hat ja mal für etwas gestanden, was jetzt aber in Trump geendet ist.

Ist es eine normale Reaktion, dass etwas Hoffnungsvolles immer danach durch das andere Extrem wieder zunichte gemacht wird?

Ekki: Das, was wir gerade im Kleinen erleben, ist in Amerika im ganz Großen passiert. Erst ist jemand da, der alles versucht positiv anzugehen. Das hat aber so viele Leute genervt und jetzt mündet es in Massakern und in Vorschlägen, Lehrer zu bewaffnen: Hoffnungslosigkeit pur. Selbst die dümmsten Leute müssten wissen, dass es falsch ist, wenn reiche Leute nur versuchen, immer mehr Geld zu beschaffen.

Markus: Es ist ja lediglich eine vom Cover des Albums ausgehende Interpretation. Es hat übrigens auch in der Band unterschiedliche Haltungen und Gefühle ausgelöst. Das Album besteht aber nicht aus Feuilletonbeiträgen zur Lage der Nation oder Amerikas. Wir vertreten weniger Meinung, sondern machen eher Kunst. Ich könnte die Frage gar nicht beantworten, ob er eine gescheiterte Hoffnungsmaschine ist...

Ekki: ... nein, der springende Punkt ist, dass Obama ein politischer Führer gewesen ist. Eine „Hoffnungsmaschine“ wird von “Leuten wie Du und ich” gefüttert.

Fans von Trump sind doch unbelehrbar, oder? Sie werden ihn jederzeit wieder wählen. Aber auch in Deutschland sind Menschen wie Uwe Tellkamp unbeeindruckt von gut vorgebrachten Faktenchecks der FAZ oder Spiegel, beharren aber auf ihrer Meinung anstatt Konsequenzen daraus zu ziehen.

Ekki: Tellkamp geht es wahrscheinlich nicht um Fakten, sondern um seine Haltung. Die er übrigens bereits in seinem Buch „Der Turm“ eingenommen hat. Ich konnte das nicht lesen. Diese elitäre Haltung des Bildungsbürgertums, das sich als Widerstand selbst feiert. Mich wundert, dass die Leute jetzt so überrascht sind, dass Tellkamp eher ein Rechter ist, weil man dem Buch relativ schnell anmerkt, wo der Hase langläuft.

Markus: Ich habe mir heute sogar noch zehn Minuten von der Veranstaltung mit Durs Grünbein auf Youtube angeschaut. Natürlich findest du immer irgendwelche Belege, für das, was du vertreten willst, aber interessant ist doch der verunsichert vorgetragene beleidigte Unterton, mit dem er dann „die Ostdeutschen“ thematisiert und von den „Armen“ spricht, die vom Meinungs-Mainstream niedergemacht werden. Nicht, dass ich nicht mit ihm diskutieren wollen würde. Aber allein der Ton seines Vortrags und diese abtörnende Lebenshaltung.

Aber nur weil man notorisch beleidigt ist, heißt das doch nicht automatisch auch resistent gegenüber Fakten zu sein, oder?

Markus: An dem Beleidigtsein ist ja einerseits auch etwas dran. Und es schafft ein Wir-Gefühl. Tellkamp beschwört ja „den Druck der Straße“. Andererseits sollte man aufpassen, ihnen nicht auf den Leim gehen und sie als „Die“ zu stigmatisieren, sondern wirklich sehr genau hinsehen.

Ekki: Dass es Leute gibt, die jetzt genau das wieder machen, was im Dritten Reich bereits funktioniert hat, anstatt auf der Hut zu sein, das ist nicht in Ordnung.

Zurück zum Album. Was war eure Idee dahinter, Jenna Larssons “Acting Tip” auf Youtube „How to cry in 10 Seconds“ einzudeutschen und in dem Song „Tutorial“ zu verarbeiten?

Ekki: Wir haben Töchter in dem Alter, um Tutorials kommen wir nicht drumrum (lacht).

Markus: Es ist ja nicht so, dass wir kein Youtube gucken würden. Ich habe letztens erst ein kleines technisches Problem mit dem Aufbau eines Ikea-Schranks mit Hilfe eines Tutorials gelöst. Es ging um ein Scharnier. Das Schöne an Tutorials ist doch, dass sie - trotz aller Trivialität - versuchen, eine menschliche Frage zu beantworten, die jeden interessiert. In diesem Fall, wie man es schafft, in zehn Sekunden zu weinen. Eine Frage die Schauspieler auf der einen Seite nervt, auf der anderen aber auch so interessiert hat, dass sie bei uns im Video mitmachen wollten (lacht).

Ihr wolltet es also gar nicht bloßstellen?

Ekki: Wir machen uns nicht lustig darüber. Auch beim Drehen haben wir festgestellt, dass es eine existenzielle Frage für Schauspieler ist, ob sie echte Gefühle haben und ausdrücken, denn weinen kann man eigentlich nicht, ohne traurig zu sein. Das ist ziemlich irrational und anfangs haben sich einige geziert.

Markus: Die Neigung, sich darüber lustig zu machen, war anfangs schon da. Aber der Text ist nicht eins zu eins, sondern frei übersetzt. Wörter wie Glücklichkeitsersatz wecken Assoziationen. Mit der Musik zusammen entsteht eine Art eigener Film - auch ohne das Video -, der weit weg ist vom Youtube-Original. Das ist das, was uns gereizt hat.

Vielleicht erinnert es mich wegen des Sprechgesangs an den Song „Busfahrt“. Musikalisch zeigt es aber eine Entwicklung: von rockigen Stücken wie das frühe „Wurzelseliger“ bis hin zu Towa Tei.

Ekki: Wir versuchen, uns nicht zu langweilen. Ich bin ja im Wesentlichen für die Ingredienzen verantwortlich. Und ich bin im Laufe der Jahre immer mutiger geworden. Ein Album muss nicht nur aus einem Stil bestehen, damit es zusammenhält. „Hinweise zum Gebrauch“ ist ein gutes Beispiel dafür : Bei jedem Song haben wir eine neue Kiste aufgemacht und trotzdem ist immer Erdmöbel drin.

Wie muss man sich das Songwriting vorstellen? Bei Songs wie „Busfahrt“, „Barack Obama“ und „Tutorial“ klingt es so, als sei erst der Text fertig gewesen.

Markus: Das ist unterschiedlich. Bei „Busfahrt“ erinnere ich mich dunkel, dass es so gewesen ist. Aber im Grunde versuche ich erst, ob es mit der Musik funktioniert, sonst mache ich mir gar nicht die Mühe, es fertigzustellen. Aber letztlich geht es immer um die Musikalität des Textes. Das ist wichtiger als das, was er aussagt.

Ekki: Ein gutes Beispiel ist „Veloso Bar“. Es gab ein 20 Jahre altes Demo zu dem Song, aber der Text war so, dass Markus damit absolut nichts machen konnte. Der musste komplett neu geschrieben werden.

Live

25. April, 20 Uhr, Sputnikhalle, Am Hawerkamp 31: Tickets gibt es hier .

...

Mit eurem Album „Krokus“ habt ihr im Kleinen Haus gespielt. Das war etwas ganz Besonderes. Die Sputnikhalle ist im Vergleich dann doch eher unspektakulär, oder?

Ekki: Wir haben bestimmt 20 Mal im Gleis gespielt, wir waren im Jovel Club, jetzt freuen wir uns auf die Sputnikalle. Wir haben da noch nie gespielt, und dabei gab es die schon, als wir noch in Münster gewohnt haben.

Markus: Da haben wir selbst schon Konzerte gesehen. Zum Beispiel Blumfeld. Und wir freuen uns darauf das neue Programm mal in einem klassischen Rockschuppen zu spielen.

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