Das Marienrelief im Dom-Paradies hat eine antijudaistische Schattenseite
Mit den Füßen niedergedrückt

Münster -

Weder regelmäßige Dombesucher noch Kunstkenner dürften es bemerkt haben: Das Marien-Relief im Paradies des Paulus-Doms in Münster hat eine antijudaistische Schattenseite. Die ist allerdings, wie Dompropst Kurt Schulte und Domkustos Dr. Udo Grote gestern beim Pressegespräch im Kachelzimmer der Mutterkirche des Bistums Münster bestätigten, mit bloßem Auge und im Zwielicht von unten kaum zu erkennen. Dennoch: Bei genauem Hinschauen und mit Hilfe von Hochglanzfotos kann man es sehen: Da winden sich unter den Füßen der Muttergottes zwei niedergedrückte Gestalten am Boden. Die linke allegorische Figur symbolisiert das Judentum, die rechte das Heidentum. Die thronende Maria mit dem Jesusknaben auf den Knien hält die beiden sozusagen triumphierend mit den Füßen nieder.

Donnerstag, 05.04.2018, 16:20 Uhr aktualisiert: 05.04.2018, 16:45 Uhr
Das Marienrelief im Paradies des Paulus-Doms: Unter den Füßen der thronenden Muttergottes sind niedergedrückte Figuren zu sehen, die das Judentum (kleines Bild links, erkennbar an dem spitzen Judenhut) und das Heidentum symbolisieren.
Das Marienrelief im Paradies des Paulus-Doms: Unter den Füßen der thronenden Muttergottes sind niedergedrückte Figuren zu sehen, die das Judentum (kleines Bild links, erkennbar an dem spitzen Judenhut) und das Heidentum symbolisieren. Foto: Matthias Ahlke

„Es kommt mitunter zu Entdeckungen, die uns heute nicht nur unverständlich, sondern auch zuwider und theologisch nicht mehr zu halten sind“, erläutert Dompropst Kurt Schulte den Befund. Als im Kreise des Domkapitels dieses seltsame Detail der um 1225 entstandenen Bildhauerarbeit angesprochen wurde, war nach einigem Hin und Her schnell klar, dass es an der Zeit sei, auch diese Darstellung im Paulus-Dom „kritisch zu betrachten und zu entschlüsseln“, so Kurt Schulte. „Der Steinmetz, der den ehemaligen Paulusaltar im 13. Jahrhundert geschaffen hat, der jetzt als Türsturz zwischen Paradiesvorhalle und Dom dient, war eben auch Kind seiner Zeit.“

Domkammer

Die seit Monaten geschlossene Domkammer, 1981 fertiggestellt, als bauliche Meisterleistung gefeiert und nun offenbar nach nur gut 35 Jahren baulich-klimatechnisch marode, wird in den nächsten Tagen wieder auf der Tagesordnung des Domkapitels stehen. Dompropst Kurt Schulte und Domkustos Dr. Udo Grote verwiesen gestern wortkarg, aber mit sichtbarer Sorge auf laufende Untersuchungen. Wer letztlich für den offenbar nicht besonders nachhaltig und beständig wirkenden Bau und die Mängel aufkommen wird, ob eine Sanierung überhaupt möglich ist und was diese kostet, ist weiterhin offen. Die Domkammer bleibt also ein Dauerthema. loy

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Die Darstellung zu erkennen, sie aber nicht zu verhüllen, sondern in ihrem Zeitkontext zu erklären, ist zugleich das Ziel der 26. Ausgabe der Kunstblätter des Domes, die jetzt das Marienrelief in Bild und Text vorstellen. Nicht zuletzt geht es dem Domkapitel darum, den lange in der Kirchengeschichte nachwirkenden Antijudaismus, der letztlich auch in den Antisemitismus mündete, zu entlarven und das nach dem Grauen der Shoah durch Konzilstexte und päpstliche Dokumente grundgelegte neue christlich-jüdische Verhältnis hervorzuheben. Daher zeigt sich auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Münster, Sharon Fehr, angetan von der offensiven Aufklärungsarbeit: „Es ist gut, mutig und konsequent, sich im Dialog mit der antijudaistischen Kunstdarstellung zu befassen und zu erklären, dass dies heute nicht mehr Haltung der Kirche ist.“

Übrigens handelt es sich bei der Skulpturengruppe im Paradies des Doms nicht um die einzige antijudaistische Darstellung im reichen kunsthistorischen Bestand der Stadt Münster. Domkapitular Ferdinand Schumacher, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, verweist auf die – mittlerweile auch textlich kritisch eingeordnete – antijudaistische Darstellung mit den allegorischen Frauengestalten „Ecclesia und Synagoge“ an der Lambertikirche oder auch auf die despektierliche Abbildung eines jüdischen Kaufmanns auf einem Taufstein in der Aegidiikirche. Auch eine Zwergengestalt an der Dom-Decke, von unten aus kaum auszumachen, stellt offenbar einen Juden dar. Schumacher erinnert in dem Text des Kunstblattes daran, dass 1234, kurz nach Entstehung des Reliefs in Münster, Papst Gregor IX. verbindlich für die ganze Christenheit Folgendes festlegte: „Die Juden müssen bis zum jüngsten Tag in politischer Knechtschaft verharren und im Zustand der Untertänigkeit verbleiben!“ Zwar habe es auch päpstlichen Schutz für die Juden gegeben. Das allerdings habe nichts daran geändert, dass sie „nur als Bürger zweiter Klasse geduldet“ wurden und „wiederholt Opfer von Verdächtigungen, Hetzjagden, Mord und Vertreibungen“ wurden, so Schumacher. Auch die Gleichstellung von Juden und Heiden, die in der zu Stein gewordenen Darstellung zum Ausdruck komme, verletze heute jeden jüdischen Betrachter und müsse Christen „zumindest irritieren“.

In den Führungen im Dom dürfte das Thema des jahrhundertelangen Antijudaismus in der Kirche jetzt eine hervorgehobene Rolle spielen. Und zwar immer dann, wenn der Domführer auf die Marienstatue und die kleinen Figuren unter ihren Füßen hindeutet. Man muss nur genau hinschauen ...

Zum Thema

Kunstwerke des St. Paulus-Domes zu Münster, Nr. 26: Das Marienrelief im Paradies

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