Polizeipräsident im Interview
"Subjektives Sicherheitsgefühl hat sich verändert"

Münster -

Eine Woche nach der Amokfahrt von Münster scheint der Sachverhalt klar. Jens R. war ein Einzeltäter, der seine Tat offenbar nicht angekündigt hat. Offen bleibt, warum er zwei Menschen mit in den Tod gerissen hat. Im Interview berichtet Münsters Polizeipräsident vom Stand der Ermittlungen.

Samstag, 14.04.2018, 10:00 Uhr
Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch (l., neben der Leitenden Oberstaatsanwältin Elke Adomeit) gibt am Sonntag nach der Amokfahrt eine Pressestatement in der Altstadt ab.
Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch (l., neben der Leitenden Oberstaatsanwältin Elke Adomeit) gibt am Sonntag nach der Amokfahrt eine Pressestatement in der Altstadt ab. Foto: dpa

Über die Stand der Ermittlungen sprach unser Redakteur Ralf Repöhler mit Münsters Polizeipräsidenten Hans-Joachim Kuhlisch.

Herr Kuhlisch, wäre die Amokfahrt aus Sicht der Polizei zu verhindern gewesen?

Kuhlisch: Eindeutig nein. Und das ist keine Antwort, die wir schnell geben. Nach allen jetzigen Erkenntnissen gab es in den vorliegenden Dokumenten keinen Hinweis auf eine konkrete Eigengefährdung und schon gar nicht auf eine Fremdgefährdung.

Der Polizei war vor der Amokfahrt eine Mail von Jens R. bekannt, in der sein psychisch labiler Zustand deutlich wurde. Hat die Polizei richtig reagiert?

Kuhlisch: Uns lag vor der Tat eine Mail vom 29. März vor, die uns über die Feuerwehr erreicht hatte. Es gab darin keinen Hinweis auf eine Fremdgefährdung. Im Gegenteil: Der Mann beteuert darin, dass er vielleicht für aggressiv gehalten werde, aber nie jemand anderem Gewalt angetan habe. Es gab familiäre Streitigkeiten, bei denen er Mobiliar zerstört hat. Jahre vorher. Ganz zum Schluss findet sich ein Satz, ich übersetze ihn: Nicht dass diejenigen, die mir das angetan haben, für meinen Tod verantwortlich sind. Da er ohnehin nach einer Operation viele körperliche Leiden hatte, ließ sich damals daraus nichts ableiten.

Die Polizei war aufgrund der Mail an der Wohnung des späteren Amokfahrers, hatte ihn aber nicht angetroffen. War das ausreichend?

Kuhlisch: Nach dem damaligen Anruf der Feuerwehr, sind wir zur Wohnung gefahren. Als wir ihn nicht angetroffen hatten, haben wir die Dresdener Kollegen informiert, die ihn in seiner anderen Wohnung dort auch nicht antrafen. Damit war der Sachverhalt für diesen Augenblick ausermittelt, weil es in der Mail und auch vor Ort keine konkreten Hinweise gab. Zumal der Mann nachmittags beim Gesundheitsamt war, um etwas abzugeben. Gingen wir an solchen Stellen weiter, würden wir ständig Hausfriedensbruch begehen.

Einen Abschiedsbrief haben die Ermittler nicht gefunden?

Kuhlisch: Nein.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Noch am Abend werden Kerzen angezündet und Blumen für die Opfer niedergelegt.

    Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Wer war Jens R.?

Kuhlisch: Wenn wir das wüssten, dann wüssten wir, warum er die Tat in dieser Form und in diesem Augenblick gemacht hat. Fachleute sagen uns, dass sich dieses Bild nicht mehr rekonstruieren lässt. Wir können Jens R. nicht befragen, nicht beobachten. Es bleibt Spekulation. Und es stellt sich am Ende die Frage, was bringt es uns noch konkret, genau zu wissen, was in ihm vorging. Wir scheuen uns auch zu sagen, er sei labil oder anderes gewesen. Das ist eine sehr schwierige fachärztliche Entscheidung.

Was war das Motiv?

Kuhlisch: Das Motiv lag in der Persönlichkeit des Täters. So unkonkret der Satz ist, so wenig stigmatisiert er andere, die ähnliche Verhaltensweisen zeigen, aber niemals eine solche Tat begehen.

Also keine terroristischen, rechtsradikalen oder satanistischen Hintergründe?

Kuhlisch: Wir mussten in der unmittelbaren Situation ausschließen können, ob es mehrere Täter gibt. Es gab solche Zeugenaussagen. Oder gab es einen politischen Hintergrund? Das konnte erst im Laufe des Nachmittags und der Nacht ausgeschlossen werden. Die Kernergebnisse sind: Einzeltäter, kein politischer Hintergrund, keine Ankündigung der Tat, keine Beziehung zu den Opfern und zum Tatort, keine Erklärung, warum in dieser Form.

Das Ziel der Amokfahrt war also zufällig gewählt?

Kuhlisch: Nachdem, was wir jetzt wissen, ja. Der Kiepenkerl-Platz ist gerade an solchen Sonnentagen sehr beliebt und ein absoluter Traditionsort. Es gibt aber keine Anhaltspunkte dafür, dass ihn das gelenkt hat.

Es hätte sein können, dass er das woanders macht?

Kuhlisch: Das ist Spekulation. Aber allein die Tatsache, dass wir in seiner Wohnung Gas, Benzin, Ethanol und einen Strick gefunden haben, zeigt, dass er möglicherweise Alternativen erwogen hat. Ärzte könnten sagen, dass er besonders auf sich aufmerksam machen wollte. Solche Hinweise ergeben sich nicht direkt aus den Unterlagen. Vielmehr ist es das Verschicken der vielen Dokumente mit dem Bedürfnis, dass sich viele Menschen mit seiner Situation befassen sollen.

Der Bulli ist vorher an mehreren Stellen in der Stadt gesehen worden.

Kuhlisch: Es scheint nach Zeugenaussagen so zu sein, dass er nicht gezielt zum Tatort gefahren ist. Fachleute sagen, der konkrete Entschluss fällt manchmal innerhalb von Augenblicken. Aber auch das ist in diesem Fall nur Spekulation.

Was passierte dann?

Kuhlisch: Er fuhr in Richtung Kiepenkerl, erhöhte die Geschwindigkeit, fuhr auf den Platz und hat sich sofort, nachdem das Fahrzeug stand, durch einen Schuss selbst getötet.

Welche Auswirkungen hat die Amokfahrt auf die Sicherheitslage in Münster?

Kuhlisch: Sie hat keine Auswirkungen auf die objektive Sicherheitslage, die von der abstrakten Terrorgefahr bestimmt ist. Das subjektive Sicherheitsgefühl hat sich verändert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Polizei durch sichtbare Präsenz darauf einwirken kann.

Hat der vergangene Samstag Einfluss auf das Sicherheitskonzept beim Katholikentag im Mai?

Kuhlisch: Das Sicherheitskonzept einer Veranstaltung wie dem Katholikentag musste und muss immer hinterfragt werden. Wir werden noch mal mehr Polizei auf die Straße bringen. In Uniform, nicht mit Maschinengewehren. Es gab immer wieder kleinere Veränderungen im Sicherheitskonzept, das bald vorgestellt wird. Der Vorfall von Samstag war unvorhersehbar. Es gibt keine Wiederholungsgefahr in konkreter Form. Städte und Gesellschaften dürfen nicht anfangen, sich einzukasteln. Der Katholikentag war sicher, ist sicher, bleibt sicher. Wichtig ist, dass die Menschen ihn besuchen und ohne Angst dorthin gehen.

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