Mo., 16.04.2018

Eine Woche nach der Amokfahrt in Münster „Wir lassen uns nicht vertreiben“

Die Gäste in der Außengastronomie vom Restaurant Stuhlmacher am Prinzipalmarkt wollen sich nicht vertreiben lassen. „Jetzt erst recht“, sagen sie nach den schrecklichen Ereignissen vor einer Woche am Kiepenkerl.

Die Gäste in der Außengastronomie vom Restaurant Stuhlmacher am Prinzipalmarkt wollen sich nicht vertreiben lassen. „Jetzt erst recht“, sagen sie nach den schrecklichen Ereignissen vor einer Woche am Kiepenkerl. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Die Stadt ist eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl voll. Manche Besucher vermissen die gewohnte Fröhlichkeit, spüren immer noch eine bedrückende Stimmung. Viele Menschen, die in der Sonne vor den Cafés sitzen, betonen ausdrücklich: „Wir lassen uns nicht vertreiben.“

Von Gabriele Hillmoth

Die Innenstadt ist am Samstag voller Menschen. Eigentlich sieht es so aus wie immer an den Wochenenden: Die Straßencafés sind vor allem am Nachmittag gut besucht, viele Touristen schauen sich die Stadt an – und doch ist Münster eine Woche nach der schrecklichen Tat am Kiepenkerl stiller geworden. Immer noch legen viele Menschen dort Blumen nieder und zünden Kerzen an. Viele halten kurz inne.

„Das Leben geht weiter“

„Ich bin heute das erste Mal in der Stadt“, sagt Eva-Maria Bruns, die eines der Todesopfer persönlich kannte. „Der 65-jährige Ahauser war ein Kartellbruder meines Mannes“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber das Leben geht weiter.“ Das meint auch Reinhard Fehige: „Egal wo, ich würde nach wie vor ein Bier trinken gehen.“ Es mache keinen Sinn, sich jetzt Gedanken zu machen, sagen zwei Gäste, die in der ersten Reihe vor dem Marktcafé am Domplatz sitzen, das an diesem Samstagmittag noch einige Plätze frei hat. Wie gesagt: „Das Leben geht weiter“, betont Christian Niehoff.

Auch vor der Gaststätte Stuhlmacher auf dem Prinzipalmarkt füllen sich mittags die Tische der Außengastronomie. „Ich lasse mich nicht vertreiben“, meint ein 74-jähriger Münsteraner. Nebenan sitzt eine Volleyballmannschaft von Borkum. Irgendwie ist das Team aber doch froh, erst eine Woche später hier zu sein. Aber den Kopf in den Sand stecken, das möchte niemand. „Das schöne Unberührte von Münster ist verloren, das Unschuldige ist weg“, fasst ein Stuhlmacher-Gast seine Gefühle zusammen.

Erleichterung nach Schweigeminute

Die Menschen gehen unterschiedlich mit der Tat um. „Nach der Schweigeminute am vergangenen Mittwoch spüre ich so etwas wie Erleichterung“, sagt Agathe Dopp aus einem Modehaus am Spiekerhof. Sie steht am Samstag gemeinsam mit Sabine Bühring im Laden – wie vor einer Woche.

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Sie sollen mitbekommen, ihr seid nicht alleine, wir sind bei Euch.

Peter Schlüter

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Die Lebenshilfe aus Hameln besucht Münster. „Es ist so beklemmend“, so Brigitte Wallbaum. Eine Gruppe, die mit Gunnar Weiper durch die Stadt spaziert, ist nur gekommen, um Münster kennenzulernen. Die ehrenamtlichen Helfer aus Zürich, Chemnitz, Neumarkt und Köln wollen beim Katholikentag mitwirken – in einer Stadt, die einige von ihnen schon anders kennengelernt haben. „Eigentlich passt die bedrückende Stimmung nicht in die heile Welt von Münster“, sagen Gäste.

Fotostrecke: Chronologie der Amokfahrt in Bildern

Auch Peter Schlüter ist am Samstag in die Innenstadt zurückgekehrt. Der 66-Jährige saß am Tag der Amokfahrt ganz vorne auf der Außenterrasse vom Großen Kiepenkerl und wollte einfach nur die Sonne genießen. Er sei dann aber früher gegangen, weil er noch schnell zum Markt wollte. Jetzt steht er vor dem Blumenmeer und hat selbst eine Kerze angezündet. Diese sind für ihn ein Zeichen an die Verletzten in den Krankenhäusern. „Sie sollen mitbekommen: Ihr seid nicht alleine, wir sind bei euch.“

„Wir lassen uns nicht beeindrucken“

Ein Freundeskreis steht etwas abseits und schaut zum Platz. Wilfried Parkner fragt sich: „In gut einem halben Jahr findet hier der Weihnachtsmarkt statt, geht das noch?“ Stefanie Bültel: „Das zeigt aber auch, wie schnell etwas zerstört werden kann.“

„Die 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, meint Behzat Azamat. Er schlägt jede Woche mittwochs und samstags seinen Kaffeestand „Café e più“ am Marktrand auf. Ein sensibler Ort, trotzdem lässt sich der Gastronom nicht vertreiben. Er sei nur froh, sagt er, dass der Täter kein Ausländer, kein Perser, kein Moslem gewesen sei.



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