Alte Philharmonie mit Uraufführung von Christian Kiefer
Jubel für ein superlatives U-Konzert

Münster -

Wahre Beatles-Tumulte schienen entfesselt, kaum dass Christian Kiefer den Griffkopf seiner E-Gitarre wie in Trance sinken ließ: Die Uraufführung seines „Konzert für Münster“ in der Konzertaula der Waldorfschule ließ die Zuhörer nach dem Schlussakkord in jugendbeschwipsten Jubel ausbrechen.

Montag, 23.04.2018, 18:57 Uhr aktualisiert: 23.04.2018, 19:01 Uhr
Christian Kiefer (E-Gitarre) mit der Alten Philharmonie
Christian Kiefer (E-Gitarre) mit der Alten Philharmonie Foto: Moseler

Wahre Beatles-Tumulte schienen entfesselt, kaum dass Christian Kiefer den Griffkopf seiner E-Gitarre wie in Trance sinken ließ: Die Uraufführung seines „Konzert für Münster“ in der Konzertaula der Waldorfschule ließ die Zuhörer nach dem Schlussakkord in jugendbeschwipsten Jubel ausbrechen. Der Gitarrist hatte Thorsten Schmid-Kapfenburg drei jazzige Gitarrenkonzerte vorgeschlagen: „Aber keines von denen war sexy genug. Also schrieb ich selber eins!“ Der Dirigent sekundierte: „Wir hatten bei den Proben alle mordsmäßig Spaß!“ Das erste Halbjahreskonzert der Alten Philharmonie bot originelle Stücke – und keines im Routine-Koma gespielt.

Es begann mit Franz Schuberts Fantasie f-moll für Klavier zu vier Händen. In der opulenten Orchesterfassung von Felix Mottl (1856-1911) verwandelte sich der intim-melancholische, dramatische wie kapriziöse Charakter dieser Musik in eine Sinfonie voll theatralischer Seufzer und existenziellem Furor. Flüssige Tempi ohne narkotisierenden Tiefsinn bewirkten Geschlossenheit, die farbige Instrumentation ließ formale Entwicklungen wie motivische Zusammenhänge präzise hörbar werden. An allen Pulten herrschte solistisches Temperament und furchtlose Tapferkeit. Kantabel und zart intonierte die Soloklarinette das Hauptthema. Sinnstiftend süffig waren die Streicher, denn Mottls spätromantische Orchestrierung pointiert rigoros das Klischee vom Romantiker Schubert. Einzig die Pianissimo-Reprise im „Largo“ mit ihren exzessiven Punktionen und delirierenden Trillern schwächelte. Unwider­stehlich das Accelerando im Finish, hier triumphierte in Schmid-Kapfenburg der intuitive Sinn romantischer Aufführungspraxis für finale Zuspitzung.

Durch Kiefers Gitarrenkonzert hausten vom ersten Takt an Echos, Halleffekte, Glissandi und Orgelpunkte: sphärische Stimmen der Elektronik. Der Dirigent taktierte die komplexen Rhythmen in Großbuchstaben, eine Schlagzeug-Armee befeuerte Dschungelklänge, eine Fußspitze Kiefers angelte nach dem am Boden liegenden Schaltkasten, Technicolor-Harmonien fluteten den langsamen Mittelsatz, im Finale klatschten die Orchestermusiker den Grundrhythmus. Ein paar Paten waren nicht zu überhören, speziell aus Lateinamerika. Egal: ein superlatives U-Konzert!

Nach elanvoll interpretiertem Manuel de Fallas „Interlude et Danze Espangnola“ markierte die „Sinfonie Sevillana“ von Joaquin Turina das konzertante Finale. Turianas „andalusischer“ Tonfall geistert mitunter zu notorisch durch seine Partituren, die „Sevillana“ scheint eher zum Touristischen der Andalusien-Metropole zu tendieren, dem Orchester fehlte es nicht an Turbulenz und Rasanz: Fabelhaft!

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