Fr., 27.04.2018

Antisemitismus-Debatte Junge Juden aus Münster wollen keine Opfer sein

Studieren zurzeit in Münster: Tabea (l.) und Dana (r., beide wollen nicht ihren Nachnamen nennen) sowie Julian Deterding. Im Hintergrund ist die münsterische Synagoge zu sehen.

Studieren zurzeit in Münster: Tabea (l.) und Dana (r., beide wollen nicht ihren Nachnamen nennen) sowie Julian Deterding. Im Hintergrund ist die münsterische Synagoge zu sehen. Foto: kal

Münster - 

In Berlin wird ein Kippa-Träger angegriffen, zwei umstrittene Rapper bekommen einen Musikpreis: Wie fühlen sich junge Juden angesichts solcher Vorkommnisse? Drei Studenten der Uni Münster berichten.

Von Martin Kalitschke

Als Julian Deterding sein Rad abschließt, wird er von einer älteren Frau angesprochen. Ob er keine Angst habe, eine Kippa zu tragen. Nein, sagt Deterding – in Münster sei das in der Regel kein Problem.

In der Regel. Aber er hat auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Nachdem er die Leitung der jüdischen Hochschulgruppe an der Universität übernommen hatte, erreichte ihn an seiner Privatadresse ein Brief ohne Absender mit dem Satz „Du Zionistenschwein, wir kriegen dich“. „Das war ein schlimmer Moment“, sagt Deterding. Er ging zur Polizei, doch die konnte ihn nur vertrösten. „Das sei halt so“, sagten die Beamten.

Auf Kippa-Träger eingeschlagen

Julian Deterding ist 24 Jahre alt, kommt aus Düsseldorf und studiert in Münster Zahnmedizin. Ebenfalls aus Düsseldorf kommt Chemie-Studentin Dana (25), die Heimat von Jura-Studentin Tabea (27) ist Hamburg. Dana und Tabea wollen ihren Nachnahmen nicht in der Zeitung lesen, sie sind vorsichtig, denn wie Julian sind auch sie jüdisch.

Vor einer Woche schlug ein syrischer Flüchtling in Berlin auf einen Kippa-Träger ein, und zwei Rapper, deren Texte Auschwitz-Opfer verhöhnen, wurden mit dem inzwischen abgeschafften Musikpreis „Echo“ ausgezeichnet. Keine guten Zeiten für junge Juden, in Deutschland zu leben, möchte man meinen. Oder etwa doch?

Schon mal als "Scheißjude" beschimpft worden

Erfahrungen mit Antisemitismus haben bereits alle drei gemacht. Julian ist schon mal als „Scheißjude“ beschimpft worden, Tabea zu Hause in Hamburg als „Parasit“. Auf die Kippa, die er meist nur am Schabbat trägt, mag Julian allerdings nicht verzichten: „Sie gehört zu meiner Identität.“ Auch Dana gibt sich selbstbewusst, will sich durch versteckten oder offenen Antisemitismus nicht einschüchtern lassen: „Ich will kein Opfer sein, sondern ein Mensch wie alle anderen.“

Julian sagt, dass er sich trotz allem nach wie vor sicher fühle. Doch er weiß nicht, ob das auch noch in ein paar Jahren der Fall sein wird. „Ich habe Angst, dass die Stimmung wieder kippt, so wie 2014 beim Gazakrieg.“ Damals demonstrierten – auch in Münster – Palästinenser gegen Israel, das auf wiederholte Attacken aus dem Gazastreifen mit Luftangriffen reagiert hatte. Bundesweit wurden antiisraelische Parolen skandiert.

Staat soll stärker durchgreifen

„Es gibt rechten Antisemitismus, linken Antisemitismus und muslimischen Antisemitismus“, sagt Julian. Er wünscht sich, dass der Staat, wenn nötig, stärker gegen Täter durchgreift. Den Syrer, der in Berlin auf einen Kippa-Träger eingeschlagen hatte, würde er ausweisen. Dana macht sich hingegen für mehr Projekte stark, die Juden und Nichtjuden zusammenbringen.

In ihrem Freundeskreis in Münster hätten sie nur selten schlechte Erfahrungen gemacht, sagen die drei. Sicher, man werde mal auf einer Party angesprochen, müsse zuweilen für die Politik Israels geradestehen.

Dennoch: Ob sie auch in zehn Jahren noch in Deutschland leben werden, wissen sie nicht. „Wenn den Lippenbekenntnissen nach antisemitischen Vorfällen keine Taten folgen“, sagt Julian, „dann bin ich irgendwann weg.“



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