„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ nach Joël Pommerat
Die schwierigen Wege der Liebe

Münster -

Am Ende schwebt einer der herzförmigen Ballons sanft Richtung Parkett. Die Schauspielerin Andrea Spicher hat ihm einen Stups gegeben, nachdem sie zuvor eine junge Frau verkörperte, die sich ganz entschieden für ihre Liebe einsetzt.

Sonntag, 29.04.2018, 14:28 Uhr aktualisiert: 29.04.2018, 18:48 Uhr
Ein Mann (Christian Bo Salle) will eine Frau (Andrea Spicher) von ihrem Liebesweg abbringen ...
Ein Mann (Christian Bo Salle) will eine Frau (Andrea Spicher) von ihrem Liebesweg abbringen ... Foto: Oliver Berg

Sie ist so schön und so schwebend, so unwägbar und gefährdet wie dieser Ballon – die Liebe. Um nichts Geringeres geht es dem französischen Autor Joël Pommerat in seinem Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“. Wer nach Pommerats fulminantem Revolutionsstück in Münsters Großem Haus einen weiteren politischen Abend erwartet, darf sich wundern: Das Korea-Bild dient in diesem Stück einem Ehemann allein dazu, den unfassbar glückhaften Beginn einer Liebesbeziehung zu beschreiben. Einer Beziehung, die sich später durch die Demenz der Frau radikal verändert.

Glück und Schmerz liegen eng beieinander in den kurzen Szenen, die der französische Autor wie ein Filmregisseur zusammengefügt hat: Short Cuts der Liebe. Bisweilen scheint es, als wolle er das Scheitern feiern. Eifersüchteleien und eine Scheidung gibt es da, dramatische Auseinandersetzungen mit tödlichem Ausgang, pathologische Versuche, Liebe zu erzwingen. Und eine wunderliche Hochzeitsszene, in der die Schwestern der Braut von ihren Erlebnissen mit dem Bräutigam berichten.

Hier setzt Regisseurin Anne Bader mit ihrer Bearbeitung an und überwölbt die Szenen mit einem von Sylvia Rieger geschaffenen Mehrzwecksaal, in dem die Hochzeitsfeier stattfinden soll. Dort gehen auch andere Personen aus und ein, zicken Musiker, Komödianten oder Zauberkünstler einander an. Hinreißend gibt Sandra Bezler die Braut, die in zunehmender Verzweiflung den Hochzeitskuchen in sich hin­einstopft, während Bräutigam Ilja Harjes Zuflucht bei der Musik sucht und fortan mit allerlei Songs zum Thema zwischen den Szenen vermittelt. Was schon deshalb wichtig ist, weil skurriler bis schwarzer Humor auf heikle Problemstellungen trifft: So muss ein Lehrer (Joachim Foerster) händeringend vor einem Elternpaar rechtfertigen, dass er sich besonders intensiv um dessen Sohn gekümmert hat – ein extremer Fall von Liebe.

Nicht alle Szenen fügen sich dem Regiekonzept, die Episode „Liebe reicht nicht“ etwa verlangt nach einem intimeren Rahmen. Dafür schafft Anne Bader, auch dank der Kostüme von Luisa Wandschneider, einige optische Klammern. Und die Stärke der Dialoge ist beim zehnköpfigen Ensemble bestens aufgehoben. Bemitleidenswert etwa, wie Regine Andratschke den Preis für ihre Liebesdienste immer weiter herunterschraubt. Die traurigste Szene gab dem Stück seinen Titel: Wilhelm Schlotterer als Ehemann muss seiner Frau (Carola von Seckendorff in naiv anmutender Demenz) täglich neu ihre Liebesbande ins Gedächtnis zurückrufen. Aber mit welcher Kraft die Liebe sich selbst in scheinbar aussichtsloser Lage behaupten kann, zeigt die Schlussszene der Bearbeitung. Auch dafür gab es großen Applaus.

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Nächste Aufführungen: 4., 11. 18. und 30. Mai

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