Kleists „Amphitryon“ in Münsters Kleinem Haus
Zwischen Gott und Gatte

Münster -

Mein Name ist Nobody, sagt die eingespielte Musik. Mein Name ist Amphitryon, sagt sinngemäß der Göttervater Jupiter. Sind wir nicht alle ein bisschen Amphitryon?, fragt Regisseurin Caroline Stolz.

Sonntag, 06.05.2018, 17:30 Uhr
Merkur (Bálint Tóth, l.) und Charis (Natalja Joselewitsch, r.) staunen, wie ungestüm Amphitryon (Jonas Riemer) Alkmene (Claudia Hübschmann) herzt.
Merkur (Bálint Tóth, l.) und Charis (Natalja Joselewitsch, r.) staunen, wie ungestüm Amphitryon (Jonas Riemer) Alkmene (Claudia Hübschmann) herzt. Foto: Oliver Berg

In Münster Kleinem Haus hat sie aus dem Lustspiel des Heinrich von Kleist einen kleinen Theaterabend gemacht: Nicht einmal fünf Viertelstunden dauert er und ist tatsächlich extrem lustig. Aber eben auch extrem: Wer in diese Aufführung geht, um Kleists Klassiker kennenzulernen, sollte zumindest wohlpräpariert sein.

Denn das Verwirrspiel um Jupiter, der in Gestalt des Thebaner-Feldherrn Amphitryon eine Nacht mit dessen Frau Alkmene verbringt, ist hier noch um einen entscheidenden Dreh zugespitzt. Vier Männer und eine Frau wurden vom Ausstatterteam Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert zum Verwechseln ähnlich gestylt, nur Alkmene als Opfer der Intrige wahrt Individualität. Wobei das Wort Opfer in dieser Inszenierung relativiert werden darf, denn Claudia Hübschmann spielt eine ebenso selbstbewusste wie gewitzte Frau, die das finale Rätselraten um den wahren und falschen Amphitryon sogar zu genießen scheint und mit einem recht schnippischen „Ach!“ verhindert, dass die ganze Chose von vorne losgeht. All das ist punktgenau gestaltet, angefangen von der Bühne als große Drehtür, die über ihre Symbolkraft hinaus boulevardeskes Tempo erlaubt, bis hin zur Gestik und Mimik der Schauspieler, die jedem Stummfilm zur Ehre gereichen würden. Zugleich schmecken vor allem Christoph Rinke und Jonas Riemer als Gegenspieler Gott und Feldherr die kleistschen Blankverse lustvoll ab, Bálint Tóth und Garry Fischmann stehen ihnen nicht nach, und bei Natalja Joselewitsch sind vor allem jene Gags bestens aufgehoben, die auf gesteigerter Wiederholung fußen: Ihre große Weinszene ist herzzerreißend komisch.

Die chorischen Szenen – mal sieht sich Merkur, mal Amphitryon mit seinen eigenen Spiegelbildern konfrontiert und entsprechend verwirrt – sind ebenso perfekt einstudiert wie die imaginären Prügel, zu denen lustige Geräusche aus dem Lautsprecher tönen. Und immer wieder mal tritt das Ensemble aus dem stark gestrafften Kleist-Text heraus, um ihn auf einer Meta-Ebene mit klassischen Zitaten von Goethe über Gernhardt bis hin zur Werbesprache zu durchpflügen; auch Anspielungen auf Kleists Aufsätze kann der eifrige Zitate-Sammler finden. Das ist keck und holt den Dichter kurz entschlossen vom marmornen Klassiker-Sockel: Willst du viel, spül mit Pril. Ach!

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Die nächsten Termine: 24. Mai, 1. und 14. Juni   | www.theater-muenster.com

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