Geschichte auf vier Rädern
Der Dienstwagen des früheren Oberbürgermeisters Dr. Busso Peus

Münster -

Wenn Dr. Busso Peus Anfang der 60er-Jahre in Münster einen Termin hatte, dann setzte er sich in den letzten Jahren seiner Amtszeit auf die Rückbank eines Mercedes-Benz W111 und ließ sich fahren. Denn CDU-Politiker Peus war von 1952 bis 1964 Oberbürgermeister der Stadt Münster. Und im Frühjahr 1961 hatte die sich einen neuen Wagen für den Fahrdienst angeschafft – eben jenen Mercedes. Offenbar war das eine kluge Wahl, denn noch heute, fast 60 Jahre später, ist der Wagen auf deutschen Straßen unterwegs. Ein Oldtimer-Freund aus Jülich ließ ihn technisch aufbereiten und nutzt ihn seitdem.

Samstag, 12.05.2018, 16:00 Uhr
Die Heckflosse, von Mercedes-Benz seinerzeit als Einparkhilfe bezeichnet, ist das Markenzeichen des W111. Rundes Bild: Dr. Busso Peus bei einer Festveranstaltung 1958.
Die Heckflosse, von Mercedes-Benz seinerzeit als Einparkhilfe bezeichnet, ist das Markenzeichen des W111. Rundes Bild: Dr. Busso Peus bei einer Festveranstaltung 1958. Foto: privat/Stadtmuseum Sammlung Hänscheid

„Ich wollte schon immer eine Heckflosse haben, aber ich brauchte erst das Geld dafür“, sagt Reinhard Windt (47), ein Architekt aus Jülich in Anlehnung an den Spitznamen der Mercedes-Baureihe. Vor fünf Jahren war es dann soweit. Für 14.500 Euro kaufte Windt das Fahrzeug von einem Händler im holländischen Almelo. Dieser wies Windt bereits beim ersten Kontakt am Telefon darauf hin, dass die Erstzulassung auf den Oberbürgermeister der Stadt Münster erfolgt sei.

Äußerlich war der Wagen zu diesem Zeitpunkt in blendender Verfassung, die Technik jedoch benötigte eine komplette Überholung: „Ich gehe deshalb davon aus, dass es sich um einen Ausstellungsstück gehandelt hat“, erzählt Windt.

Selbstverständlich aber musste der Namen in der Erstzulassung nicht bedeuten, dass der Oberbürgermeister auch wirklich in dem Fahrzeug gefahren wurde. Windt begann zu recherchieren, und tatsächlich erzählen auch die im Fahrzeugbrief vermerkten Halter zwei und drei etwas über die Geschichte des Wagens. Denn die Zweitzulassung erfolgte im Jahr 1966 auf Stadtamtmann Ferdinand Stolle, viele Jahre Fuhrparkleiter der Stadt Münster und seinerzeit als leidenschaftlicher Karnevalist und langjähriger Rosenmontagszugkommandant bekannt. Fast 20 Jahre blieb der Wagen in seinem Besitz.

Bis Stolle 1984 starb. Danach übernahm seine Tochter, Zahnärztin Dr. Ursula Kuhlmann, den Wagen. Allerdings nur für ein paar Jahre: „Denn für mich war der nicht wirklich alltagstauglich“, sagt Kuhlmann heute in Erinnerung an „das große Schiff.“

Dennoch verbindet sie mit dem Wagen viele Erinnerungen. „Ja“, bestätigt sie „das war wirklich der Wagen des Oberbürgermeisters. Und später dann unser Familienauto. Wir sind damit in den Urlaub gefahren. Hinten dran hing dann ein kleines Motorboot“, so Kuhlmann. Sie erinnert sich daran, wie der Wagen „gehegt und gepflegt wurde“. Erst im Fuhrpark, später dann im Familienbesitz. Ihr Vater habe beispielsweise, nachdem er das von der Stadt 1966 aussortierte Fahrzeug erstanden hatte, alle Karosseriehohlräume aufgebohrt und „Dr. Nüsken Antirost“ durchlaufen lassen, erzählt Kuhlmann mit einem Lachen.

Die Suche im Stadtarchiv nach einem Foto von Busso Peus und seinem Dienstwagen bleibt allerdings erfolglos. Dort ist lediglich ein einziges Bild hinterlegt, das den damaligen Oberbürgermeister gemeinsam mit Autos zeigt. Im Vordergrund ist auf diesem Bundespräsident Theodor Heuss zu sehen, der Münster im September 1953 besuchte. Und auch im Stadtmuseum existiert kein Bild mehr, das Peus mit dem fraglichen Mercedes zeigt, wohl aber ein Bild von ihm im Fuhrpark, das Anfang der 60er-Jahre aufgenommen wurde. Dort sind allerdings nur die Vorgängermodelle des W111 mit den Nummernschildern „MS 2006“ und „MS 2013“ zu sehen. Die Heckflosse des Oberbürgermeisters wurde auf das Kennzeichen „MS 2001“ angemeldet.

Architekt Windt ist, auch wenn sich nur Teile der Geschichte des Wagens klären lassen, mit seinem Oldtimer glücklich: „Ich bin wirklich sehr zufrieden mit dem Wagen.“ Vor allem auf Oldtimer-Rallyes sei er damit unterwegs. Demnächst etwa bestreitet er die Lions Voreifel Classic, die am 1. Juli in der rheinischen Kleinstadt Zülpich startet.

In Münster war Windt derweil noch nicht wieder mit dem Wagen unterwegs. „Ich kenne dort nur den Zoo“, gesteht er. Vielleicht aber verschlägt es ihn in Zukunft doch mal mit der Heckflosse auf die Straßen, auf denen der W111 sein langes Fahrzeugleben begann.

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Die Heckflossen: Wer an amerikanische Straßenkreuzer der 50er- und 60er- Jahre denkt, der denkt auch an viel Chrom und natürlich riesige Heckflossen, die die Autodesigner damals ihren Modellen verpassten. Diesem Trend wollten sich auch die sonst eher zurückhaltenden Entwickler bei Mercedes-Benz nicht ganz verschließen. 1959 brachten die Schwaben den Mercedes W111 auf den Markt – sein Markenzeichen ist bis heute die Heckflosse. Die allerdings wurde von Seiten des Herstellers „Peilstäbe“ genannt und galt als Einparkhilfe. Heute nennt man das Modell „Große Heckflosse“, denn im Zuge der Entwicklung, brachte Mercedes-Benz auch den W110 auf den Markt, der sich optisch kaum vom W111 unterschied, aber eine kleinere Motorisierung aufwies und daher heute als „Kleine Heckflosse“ firmiert.

Städtischer Fuhrpark: Der in den 1920er-Jahren errichtete Fuhrpark der Stadt teilte sich mit der Hauptfeuerwache ein 7000 Quadratmeter großes Gelände zwischen Albersloher Weg, Hafenweg und Hafenstraße. 1953 wurde das letzte dort stehende Pferd verkauft, seitdem beherbergte der Fuhrpark ausschließlich Fahrzeuge. Rund 100 waren es im Jahr 1963. Ihr Wert gehe in die Millionen schrieb unsere Zeitung seinerzeit. Schon damals mussten einzelne Fahrzeuge aber auf ehemaligen Kasernengeländen untergestellt werden, weil der Fuhrpark zu klein geworden war. Daher plante die Stadt  1963 einen neuen Fuhrpark, der bis zu 25 000 Quadratmeter groß sein sollte.

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