„Klangzeit“-Werkstatt der Musikhochschule eröffnet
Klavierstück 840 Mal wiederholt

Münster -

„Play it again, Sam!“, bittet Ingrid Bergmann den Barpianisten im Filmklassiker „Casablanca“; die „Klangzeit“-Werkstatt verschmähte dessen Namen in ihrem Motto: „Play it again!“. Tatsächlich bedeutete es weniger Vergangenheitsverklärung als Zukunftsmotto, Wiederholung als Veränderung.

Montag, 14.05.2018, 18:16 Uhr
Auch der beherzte Griff ins Klavier kann in der „Klangzeit“-Werkstatt zum Stück gehören.
Auch der beherzte Griff ins Klavier kann in der „Klangzeit“-Werkstatt zum Stück gehören. Foto: Günter Moseler

In der ersten Konzerthälfte wurden vier Stücke orthodox nach Noten gespielt, die später einem improvisierten Generalangriff aller Instrumentalisten auf ihr Material ausgesetzt wurden. Schon Michael Edwards (Jahrgang 1968) „Durchhaltevermögen“ (2017) für Violine solo jedoch schien trotz Noten und abhörbarer Struktur bereits von improvisierenden Elementen heimgesucht. Den Bogen hart am Steg, spielte Mieko Kanno zunächst eine Art Volksmelodie, deren Klänge zunehmend fragmentierten, vereinzelt von tonalen Splittern ahnungsvoll vernetzt. Später wechselte die Geigerin vom Bogen zur freien Hand und zupfte die Saiten „a la guitarra“: Musik in einem Erlebnispark fremdartiger Kombinationsklänge. Daichi Hisadas (Jahrgang 1991) „Duo“ für Gitarre und kleine Trommel verdichtete Tempo und Dynamik zu einem scheinbaren Flirt mit „minimal music“, schienen Pausen wie ein letztes Atemholen, Trommelwirbel wie Herzrasen und riskierten rabiate Kurswechsel Geistersprünge über musikalische Kontinente.

„Rehearse the time“ für Ensemble von Bijan Tavili (Jahrgang 1975), wie Hisadas „Duo“ eine Uraufführung, eröffnete Klarinette, Saxofon, Violine und Violoncello, je zwei Gitarren und Klavieren sowie Schlagzeug eine Variante des Mikado: die Musiker intonierten mit ihren Instrumenten morphologische Gesten, die mit geringsten Nuancen einen teils bizarren und sich selbst ungewissen Geräuschkosmos eroberten. Dimitris Papageorgious (Jahrgang 1984) „Deti“ für elektronisch verkabelte Violine und Computer verfremdete den Klang restlos: Sinustöne wie aus dem Bauch eines riesigen Schiffes, aus dem unerklärliche Echos nach außen dringen.

Die Improvisationen auf die Kompositionen forcierten die Dialektik von Notentext und Improvisation radikal; die Musiker wirkten wie Herren des Geschehens und wurden doch gleichzeitig von ihm überwältigt. Direkt daran schlossen sich die „Vexations“ (1893) von Erik Satie an: zwei Notenzeilen (Klavier-)Musik, die 840 Mal (!) wiederholt werden, ohne Takt und Tonart und mit Tritonus: Nirwana-Ekstase für 17 Stunden. Prof. Clemens Rave hatte 14 Studenten ins Lindwurm-Rennen geschickt, im Foyer bei Bier und Knabber-Cocktail. Narkotika von einem Gründungsvater der Moderne: „Play it again, Erik!“

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