Sozialmonitoring in Münster
Stadt der schroffen Gegensätze

Münster -

Die Stadt Münster erhebt neuerdings Daten zur Sozialstruktur in ihren Stadtvierteln. Die Analyse zeigt, wie sich Münster in arm und reich teilt.

Dienstag, 22.05.2018, 20:16 Uhr aktualisiert: 22.05.2018, 21:20 Uhr
Sozialmonitoring in Münster: Stadt der schroffen Gegensätze
In Coerde leben 43,88 Prozent aller Kinder unter 14 Jahren in Hartz-IV-Familien. Foto: colourbox.de

Hamburg tut es schon lange, ebenso die Nachbarn Osnabrück und Bielefeld. Auch Münster macht die Erhebung sozialer Daten, bezogen auf kleinere Stadtgebiete, jetzt zur Grundlage der Stadtplanung und des Einsatzes sozialer Hilfsmaßnahmen. Das erste Sozialmonitoring für Münster, bezogen auf die Jahre 2014 bis 2016, liegt vor – und die öffentlich zugänglichen Zahlen der 45 Stadtbezirke illustrieren vor allem: Münster ist, sozial betrachtet, eine Stadt schroffer Gegensätze.

Armut beziehungsweise Armutsgefährdung hängt nach Erkenntnissen von Sozialwissenschaftlern von Faktoren wie langfristiger Arbeitslosigkeit und dem Anteil von Kindern aus davon betroffenen Familien, die von SGB II (Hartz IV) leben, ab. Auch der Anteil von Minderjährigen mit Migrationsvorgeschichte ist nach der Sozialforschung ein aussagekräftiges Kriterium.

Die Stadtteile mit den höchsten Anteilen armutsgefährdeter Menschen in Münster sind die Gebiete, die schon seit Jahrzehnten als soziale Brennpunkte wahrgenommen werden: Coerde, Kinderhaus-West und Berg Fidel. Bei näherem Hinsehen verraten die Daten aussagekräftige Details: Danach ist Coerde klar der Stadtteil mit den alarmierendsten Daten . Dort leben 43,88 Prozent aller Kinder unter 14 Jahren in Hartz-IV-Familien, bei den 15 bis 64 Jahre alten Bewohnern des Stadtteils waren es im Jahr 2016 (aus dem die aktuellsten Daten vorliegen) 22,96 Prozent.

In Kinderhaus-West mit dem Straßenzug Brüningheide, der traditionell als sozial problematischster Bezirk Münsters galt, deuten die Zahlen eine Trendwende an. Der Anteil der Menschen im Hartz-IV-Bezug sinkt. Thomas Kollmann, SPD-Ratsherr und Vorsitzender des Sozialausschusses, führt dies darauf zurück, dass die Maßnahmen des von Land und Bund finanzierten Programms „Soziale Stadt“ wirken. Innerhalb von zehn Jahren sei die Quote der Arbeitslosen in Kinderhaus-West halbiert worden. Coerde soll nun in das Programm aufgenommen werden.

Weitere Beobachtungen:

► In Berg Fidel lebt mit 33,93 Prozent ein Drittel aller unter 14-Jährigen im Bezug von SGB II, der Anteil minderjähriger Migranten ist hier mit 73,39 Prozent in ganz Münster am höchsten.

► Besonders viele Minderjährige aus Migrantenfamilien gibt es abseits von Berg Fidel, Coerde und Kinderhaus-West im Bezirk Bahnhof (61,97 Prozent), rund ein Viertel aller unter 14-Jährigen lebt hier von staatlichen Sozialleistungen.

►Erhöht ist der Anteil von SGB-II-Empfängern (13,26 Prozent) und jungen Mi­granten (52,96 Prozent) auch in Angelmodde mit dem Wohngebiet Osthuesheide. Hier beobachtet die Stadt seit der Sanierung der dortigen Häuser eine sich positiv verändernde Sozialstruktur.

► Die Tabelle des Sozialmonitorings dokumentiert, wie unterschiedlich die Bevölkerungsstruktur in den einzelnen Gebieten ist. Im gutbürgerlichen Bezirk Kreuz leben nur zwei von 100 Kindern unter 14 Jahren in Hartz-IV-Familien. Der Anteil der Jugendlichen aus Migrantenfamilien liegt in Kreuz bei 18 Prozent.

► Als weiteres Anzeichen von Armutsgefährdung gilt der Anteil der Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen. Den höchsten Anteil hat Coerde mit 30,96 Prozent aller Kinder, in Nienberge leben stadtweit die wenigsten Kinder mit nur einem Elternteil (11,34 Prozent). 

www.stadt-muenster.de/ stadtentwicklung/zahlen-  daten-fakten.html#c36304

Drei Fragen an Thomas Kollmann

Das Verfahren des Sozialmonitorings war in der Politik mit Blick auf mögliche Stigmatisierung einzelner Stadtviertel zuerst umstritten. Gibt es noch Skepsis?

Thomas Kollmann, ­Vorsitzender des Sozialausschusses: Ich nehme wahr, dass Verwaltung und Politik das Verfahren nun begrüßen. Es ist in weiteren größeren Städten ein bewährtes Instrument der Hilfeplanung im sozialen Bereich. Und es wird auch noch hilfreich, wenn es an die Planung neuer Wohnbebauung geht.

Enthalten die Daten für Sie Überraschungen?

Kollmann: Ich finde die Beobachtung über mehrere Jahre hinweg am spannendsten. In Kürze sollen übrigens die Daten von 2017 ergänzt werden. Da werden möglicherweise neue Entwicklungen deutlich.

Die aufgeführten Stadtgebiete sind teilweise sehr großräumig. Existieren keine Daten für kleinere Gebiete, etwa einzelne Straßenzüge?

Kollmann: Diese Daten gibt es – und über die im Sozialmonitoring erfassten Aspekte hinaus auch etwa bei Schuleingangsuntersuchungen erfasste Daten. Man muss in der Tat in den Stadtteilen sehr genau hinsehen. Beispiel Kinderhaus-West: Dazu gehören sehr unterschiedliche Wohngebiete wie etwa Wilkinghege oder Brüningheide.

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