Radfahrer im toten Winkel
Gefahr durch abbiegende Lastwagen

Köln -

Zusammenstöße zwischen Lastwagen und Radfahrern enden für die Radler oft tödlich. Abbiege-Assistenten könnten viele Unfälle verhindern. Deshalb sind sich im Grunde alle einig: Die Systeme sollten verpflichtend werden. Aber so einfach ist das leider nicht.

Donnerstag, 14.06.2018, 07:30 Uhr
Radfahrer im toten Winkel: Gefahr durch abbiegende Lastwagen
Ein Radfahrer steht mit seinem Fahrrad in der Versuchsabteilung von Mercedes Benz neben einem LKW mit einem Abbiegeassistenten. Zusammenstöße zwischen Lastwagen und Radfahrern enden für die Radler oft tödlich, Abbiege-Assistenten könnten viele Unfälle verhindern. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Ein Müllwagen überrollt beim Rechtsabbiegen einen kleinen Jungen, der mit seinem Fahrrad unterwegs ist - der Siebenjährige kommt ums Leben. Der Unfall Ende Mai in Köln sorgte überregional für Entsetzen. Kein Einzelfall: Immer wieder werden Radfahrer bei Zusammenstößen mit rechts abbiegenden Lastwagen getötet. Oft geraten sie in den tückischen „toten Winkel“, so dass die Lkw-Fahrer sie nicht rechtzeitig sehen.

Allein in diesem Jahr sind nach einer Auflistung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bundesweit bereits mindestens 19 Radfahrer bei solchen Unfällen gestorben, davon sechs in Nordrhein-Westfalen. „Abbiegende Lkw sind eine Todesfalle für Radfahrende“, sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork. Er verlangt, dass Abbiege-Assistenten für Lkw verpflichtend vorgeschrieben werden. Eine Forderung, die auch in Politik und Wirtschaft breite Unterstützung findet.

Unfälle könnten verhindert werden

Nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer (UDV) könnten in Deutschland durch elektronische Abbiege-Assistenten jährlich fast 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden. Das Assistenzsystem warnt den Lkw-Fahrer mit einem Signalton, wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger neben dem Fahrzeug befindet. Im Idealfall würde es bei Gefahr sogar eine Notbremsung einleiten.

Münsters Fahrrad-ABC: Von A wie Ampel bis Z wie Zeit

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  • Alle Jahre wieder, zum Start des Wintersemesters, ist die Zeit der Frischlinge auf den Radwegen. Mit den neuen Studentinnen und Studenten erobern Tausende Neumünsteraner für sich die deutsche Fahrradhauptstadt. Für viele eine mitunter abenteuerliche Begleiterfahrung des Studienstarts. Hier für die Anfänger auf den Radwegen und alle Leezenliebhaber ein kleines Alphabet des Radverkehrs in Münster von unserer Redakteurin Karin Völker.

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  • A wie Ampel: Unbedingt beachten! Ampeln haben in Münster für Fahrradfahrer nicht bloß Empfehlungscharakter. Bei Rot also besser stehenbleiben. Erstens, weil alles andere gefährlich sein kann. Zweitens, weil als Strafe ein Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei und 100 Euro Strafe drohen. Sehr empfindlich fürs studentische Portemonnaie.

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  • B wie Bürgersteig: Er ist in Münster den Fußgängern vorbehalten. Es gibt ja auch meistens Radwege.

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  • C wie cholerische Anfälle: Sie sind trotz des hier verbreiteten gemäßigten westfälischen Temperaments bei diversen Verkehrsteilnehmern bisweilen zu beobachten. Gilt das Geschimpfe einem selbst, am besten die Ruhe bewahren.

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  • D wie Diskussionen: Sollte man als Fahrradfahrer besser mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht anfangen, erst recht nicht mit Polizisten. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln sind zwecklos.

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  • E wie E-Bike: Das Fahrrad mit Batterieverstärkung ist auf Münsters Radwegen schwer im Kommen. Vorsicht vor dem beachtlichen Tempo – wenn sportliche junge Menschen von älteren Herrschaften überholt werden, ist oft ein Akku im Spiel.

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  • F wie Fußgänger: Sie verdienen Rücksicht und Freundlichkeit – auch wenn es mitunter erscheint, die Fußgänger liefen prinzipiell auf Radwegen.

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  • G wie Geschwindigkeit: Tempo 30 in Wohngebieten gilt auch für Radler!

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  • H wie Hamburger Tunnel: Er ist während des Bahnhofsumbaus zentrale Verkehrsachse von und zum Gleis und Ort der friedlichen Koexistenz zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern.  Skeptiker staunen: Es funktioniert.

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  • I wie Irren: Es ist menschlich und kommt bei allen Verkehrsteilnehmern vor. Auch wenn das Fahrrad bewegungsfördernder und umweltfreundlicher ist als das Auto: Auch Autofahrer haben im Verkehr manchmal Recht.

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  • J wie Jugend: Das Radfahren in Münster ist keineswegs nur ihr Privileg. In Münster strampeln  auch viele über 80-Jährige noch durch die Stadt. Fahrradfahren ist hier eine generationsübergreifende Angelegenheit – mit vielen Geschwindigkeiten.

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  • K wie Klauen: Der Fahrradklau ist in Münster ein verbreitetes Übel, das die Stadt in der Kriminalitätsstatistik regelmäßig schlecht aussehen lässt. Ein wenig helfen solide Schlösser.

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  • L wie Ludgerikreisel: Für viele Radler ein neuralgischer Punkt. Die Polizei empfiehlt: beherzt auf der Mitte der Spur fahren. Autos kommen meistens auch nicht schneller vorwärts als Radler.

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  • M wie Meimel: Ein münsterischer Ausdruck für Regen – und zwar dessen langanhaltende Form, und damit einer der natürlichen Feinde des Fahrradfahrers. Trotz häufiger Meimelgefahr lässt man sich in Münster nicht so leicht aus dem Sattel vertreiben. Viele auch nicht durch Schnee und Frost: Es gibt hier extra Streufahrzeuge für die Radwege.

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  • N wie Nase: Sie hat der Radfahrer immer im Wind. Nicht ausgeschlossen, dass im Winter dabei mal eine Erkältung rauskommt. Aber was gibt es Schöneres, als im Frühling unter den blühenden Silberlinden auf der Promenade herzuradeln? 

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  • O wie Ordnungshüter: Die Kräfte von Stadt und Polizei schenken dem Radverkehr sehr viel Aufmerksamkeit, besonders zu Semesterbeginn. 

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  • P wie Parken: In Münster bisweilen auch für Fahrradfahrer nicht unproblematisch. Merke: Bürgersteige  gehören nicht zugestellt und immer merken, wo das Rad steht. Es soll Studenten geben, die ihre Leezen semesterlang gesucht haben.

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  • Q wie Quälerei: Kommt sogar im Fahrradparadies Münster vor – vor allem immer dann, wenn man Pannen hat.  Zum Glück gibt es an fast jeder Ecke einen Fahrradladen, der helfen kann.

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  • R wie Rücklicht: Sollte unbedingt ebenso wie das Vorderlicht funktionieren. Wenn man nicht selbst kontrolliert, ob es brennt – die Polizei tut es ohnehin und verteilt gegebenenfalls Knöllchen.

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  • S wie Stau: Gibt es in Münster, speziell während der Semesterzeiten auch auf Radwegen. Hier hilft nur Geduld.

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  • T wie Trunkenheit: Auch wer sich noch mit 1,6 Promille Alkohol im Blut für fahrtüchtig hält: Lieber das Rad schieben! Denn auch Fahrradfahrer erwarten Alkoholkontrollen durch die hiesige Polizei. Kein Scherz: Im Extremfall werden Fahrradfahrverbote verhängt.

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  • U wie Unfälle: Sie passieren leider – trotz vieler Maßnahmen der Verkehrsplaner und Polizei immer noch zu häufig. Ein Helm kann manchmal das Schlimmste verhindern. 

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  • V wie Vorsicht: Auch defensive Radfahrer kommen ans Ziel, mitunter sogar schneller als die Draufgänger.

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  • W wie Waschanlage: Luxus, wenn man seinem Drahtesel mal was Gutes will. Gibt es tatsächlich speziell für Fahrräder – im Fahrradparkhaus am Bahnhof.

    Foto: Presseamt/Joachim Busch
  • X&Y sind die Unbekannten und stehen für das Unerwartete beim Radfahren – zum Glück ist das nicht nur der plötzliche Plattfuß. Es gibt auch den Flirt beim Warten an der roten Fahrradampel. . .

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  • Z wie Zeit: Wer in Münster Rad fährt, spart meistens kostbare Minuten. Faustregel: Je näher man sich im Stadtkern bewegt, desto größer die Zeitersparnis. Autofahrer kommen fast immer langsamer ans Ziel.

    Foto: Colourbox.de

Problem: Deutschland kann nicht im Alleingang Gesetze über die Ausrüstung von Lkw erlassen, sondern dafür ist eine EU-weite Regelung erforderlich. Die Bundesregierung hat schon im vorigen Jahr einen entsprechenden Vorschlag bei der zuständigen Europa-Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen (UNECE) eingereicht. Dieser werde auch von den deutschen Nutzfahrzeugherstellern unterstützt, betont der Verband der Automobilindustrie (VDA).

NRW macht Druck

„Ich habe kein Verständnis dafür, dass es auf internationaler Ebene immer noch keine verpflichtenden Abbiege-Assistenten gibt“, teilt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf Anfrage mit. „Es kann nicht schnell genug gehen.“

Die Bundesländer machen ebenfalls Druck. Der Bundesrat sprach sich jüngst zudem für eine Nachrüstpflicht für ältere Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen aus. Auch NRW stimmte für den Entschluss. „Jede Chance, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, muss genutzt werden“, heißt es aus dem Verkehrsministerium in Düsseldorf.

Speditionen scheuen Kosten für Umrüstung

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung UDV, schätzt, dass eine EU-Regelung für Neufahrzeuge bestenfalls in etwa fünf Jahren in Kraft treten könnte. Bis dann letztlich fast alle Lkw, die auf den Straßen unterwegs sind, mit Assistenzsystemen ausgestattet sind, würden weitere fünf Jahre vergehen.

Wovor sich Radfahrer fürchten

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  • Eine repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag des Versicherungsunternehmens CosmosDirekt zeigt, wovor sich Fahrradfahrer am meisten fürchten. Dazu wurden im April 1.504 Personen ab 18 Jahren in ganz Deutschland befragt, darunter 1.113 Fahrradfahrer.

    Foto: Markus Lütkemeyer
  • Platz 7: Technischer Defekt

    Die Gefahr kann auch vom eigenen Gefährt ausgehen. Etwa, wenn die Bremse versagt, die Kette reißt oder die Lenkstange bricht: für 10 Prozent der Befragten Grund zur Sorge.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Platz 6: Andere Radfahrer

    Auch andere Radler können zur Gefahr werden, wenn sie zu dicht überholen. 18 Prozent haben vor dieser Situation Angst. 

    Foto: Oliver Hengst
  • Platz 5: Radwegschäden

    Unfälle wegen beschädigter Radwege fürchten 22 Prozent.

    Foto: Thomas Schubert
  • Platz 4: Schienen

    28 Prozent der Befragten haben Angst davor, in Straßenbahnschienen zu geraten. Ein in Münster eher zu vernachlässigendes Problem.

    Foto: Günter Benning
  • Platz 3: Autotüren

    Auch bei parkenden Fahrzeugen ist Vorsicht geboten. Etwa, wenn Pkw-Halter am Straßenrand parken und die Tür zum Aussteigen öffnen. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) haben davor Angst. Um einen Unfall zu vermeiden, sollten Radfahrer wenn möglich Abstand zu parkenden Wagen halten. Autofahrer sollten vor dem Aussteigen immer in den Außenspiegel und über die Schulter nach hinten schauen.

    Foto: DVR/dpa
  • Platz 2: Zu enges Überholen

    Besonders gefürchtet sind dicht überholende Autos und Lkws (83 Prozent). 

    Foto: dpa
  • Platz 1: Rechtsabbieger

    Die Straßenverkehrsordnung gibt es vor: Biegen Autofahrer rechts ab, haben geradeausfahrende Fahrradfahrer Vorrang. Dennoch kommt es dabei oft zu Unfällen. Nicht ohne Grund stellen abbiegende Autos mit 88 Prozent die größte Angst von Radlern dar. 

    Foto: Jürgen Peperhowe

Bis dahin sind Übergangslösungen gefragt - unter Beteiligung aller Seiten. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) sieht - wie der UDV und der ADFC - die Hersteller in der Pflicht, schnell serienreife Abbiege-Assistenten zu entwickeln. Bislang biete nur ein Hersteller für einen Teil seines Sortiments radargestützte Abbiege-Assistenten an, kritisiert der BGL.

Kommunen sollen als gutes Beispiel vorangehen

Umgekehrt scheuen wohl viele Speditionen die Kosten für eine Nachrüstung ihrer Flotte. Das Bundesverkehrsministerium fördert bereits den Einbau von Abbiege- sowie Kamera-Systemen, um Radfahrer und Fußgänger zu schützen. Der Bundesrat hat sich zudem dafür ausgesprochen, dass die Versicherer den Unternehmen Rabatte für Nutzfahrzeuge mit Abbiege-Assistenten gewähren sollten.

Nach Auffassung des ADFC Nordrhein-Westfalen sollte das Land die Kommunen bei der vorzeitigen Umrüstung ihrer Müllwagen und Baufahrzeuge unterstützen, denn an vielen schweren Lkw-Unfällen seien städtische Fahrzeuge beteiligt. Die wenigsten Kommunen könnten sich die Nachrüstungskosten von etwa 2500 Euro pro Fahrzeug leisten, sagt der NRW-Vorsitzende Thomas Semmelmann. Deshalb müsse ein „landesweiter Fördertopf“ her.

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