So., 17.06.2018

Tanztheater „Die Schuld des Tages“ im Pumpenhaus Faszinierendes Spiel mit Stilen und Tempi

Straßentänzer setzen die Choreografie von Hervé Koubi kraftvoll in Szene.

Straßentänzer setzen die Choreografie von Hervé Koubi kraftvoll in Szene. Foto: Nathalie Sternalski

Münster - 

Die Vorstellung beginnt als Menschenhaufen. Kreuz und quer liegen die Tänzer auf der Bühne des Pumpenhauses. Zu sphärischen Klängen strecken sich Arme und Beine aus dem Knäuel. Nach und nach richten sich die Männer dann auf, die muskulösen Oberkörper wie aus Stein gemeißelt. Noch wirkt das Ganze in der diffusen Beleuchtung wie eine Traumszene. Doch dann kommt zunehmend Bewegung in die Gruppe. Die ersten Tänzer wirbeln durch die Luft, kreisen auf den Händen und vollführen Saltos aus dem Stand. Was meditative Ruhe war, ist plötzlich Action pur.

Von Helmut Jasny

Das Spiel mit unterschiedlichen Tempi ist ein tragendes Element in Hervé Koubis Choreografie „Die Schuld des Tages an die Nacht“. Der Titel stammt von Yasmina Khadras Roman „Ce que le jour doit à la nuit“, der sich mit der jüngeren Geschichte Algeriens auseinandersetzt. Damit geht Koubis, Franzose mit algerischen Vorfahren, auch zu den eigenen Wurzeln zurück. Rekrutiert hat er dafür ein Dutzend Straßentänzer, die vorher noch nie auf der Bühne standen. Herausgekommen ist ein kraftvolles Stück, bei dem sich afrikanische und europäische Einflüsse zu einer Einheit verbinden.

Die Gangart ist vielfältig. In den ruhigeren Szenen scheint die Mystik der Derwische durch. Drehungen und weiche Armbewegungen bestimmen hier die Ästhetik. Die Tänzer wirken wie in Trance, wenn sie in ihren weiten weißen Hosen über die Bühne fließen. Kontrastiert wird das Bild durch westlich geprägte Stile wie Hip-Hop und Breakdance, den die Akteure bis ins Akrobatische ausreizen. Ein weiteres Element sind Einflüsse des modernen Ausdruckstanzes. Bildhafte Figuren, deren Anmut manchmal sogar an klassisches Ballett erinnert, setzen zusätzliche Akzente.

Die Bühne im Pumpenhaus ist nicht klein. Aber wenn das Dutzend Tänzer über sie hinweg wirbelt, wirkt sie plötzlich winzig. Jeder Quadratmeter Boden wird genutzt, und es ist ein Wunder, dass sich die Akteure dabei nicht in die Quere kommen. Auch gehen sie mit den Attraktionen recht verschwenderisch um – zieht an der Rampe eine Breakdance-Einlage die Aufmerksamkeit auf sich, fliegt gleichzeitig im Hintergrund ein Mensch wie ein Vogel durch die Luft. Eine überaus starke Vorstellung, die die Grenzen zwischen Orient und Okzident einfach überrennt.



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