Kunstwerk ist der Öffentlichkeit zugänglich
Richters Pendel bewegt Münster

Münster -

„Gerhard Richter widersetzt sich der Event-Kultur.“ Als der Kunsthistorik Prof. Benjamin Buchloh, vorgestellt als Kenner der Kunst von Gerhard Richter, am Sonntag diese Worte in seiner Ansprache fallen lässt, hat Gerhard Richter den entsprechenden Nachweis längst erbracht.

Montag, 18.06.2018, 10:00 Uhr aktualisiert: 18.06.2018, 14:12 Uhr
Jeweils Gruppen mit 100 Besucher wurden am Sonntag in die Dominikanerkirche gelassen, um sich das Foucaultsche Pendel anzuschauen
Jeweils Gruppen mit 100 Besucher wurden am Sonntag in die Dominikanerkirche gelassen, um sich das Foucaultsche Pendel anzuschauen Foto: Oliver Werner

Bei der Vorstellung des Foucaultschen Pendels, das Richter für die Dominikanerkirche gestaltet hat, ist es die NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen höchstpersönlich, die Richter zaghaft auffordert, doch selbst etwas zu seiner Kunst zu sagen. Zumindest für die Zuhörer in den vorderen Reihen ist das „Nein“ des Künstlers unüberhörbar. Auch beim abschließenden Kurzinterview belässt es der hoch gelobte 86-Jährige bei Unverbindlichem wie der Äußerung, dass aktuell „keine tolle Sache geplant“ sei.

Der immer wieder auf dem Vorplatz der Kirche aufbrandende Applaus legt derweil die Vermutung nahe, dass die Menschen in erster Linie von Richter etwas sehen und nicht etwas von ihm hören wollen. Rund 1000 Menschen haben sich zur Premiere versammelt, jeweils in Gruppen zu 100 werden sie ab Mittag in die Kirche vorgelassen und dürfen sich die Installation ansehen.

Journalisten sind in dem profanierten und komplett ausgeräumten Kirchenraum bereits am Samstag zugelassen und erleben eine Pressekonferenz, bei der sich die Verantwortlichen der Stadt sowie der Förderer geradezu mit Lob überschlagen.

Internationale Strahlkraft

Der Warendorfer Landrat Dr. Olaf Gericke, Kuratoriumsvorsitzender der Sparkassen-Stiftung, bezeichnet die Richter-Installation als ein „Kunstwerk mit internationaler Strahlkraft“. Oberbürgermeister Markus Lewe setzt später noch einen drauf und spricht vom „Wunder von Münster“.

Richter-Pendel der Öffentlichkeit übergeben

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In Anspielung auf den Verzicht des Künstlers auf ein Honorar dankt Matthias Lückertz, der Ex-Vorsitzende des Vereins der Kaufmannschaft, für das „großartige Geschenk“. Münsters Kulturdezernentin Cornelia Wilkens schließlich blickt begeistert zu dem Pendel herüber und meint: „Ich bin verzaubert.“ Die Dominikanerkirche, so ihr Versprechen, werde zu einem „Ort der Begegnung“ weiterentwickelt.

Foucaultsches Pendel

Die Installation befindet sich im Zentrum der Dominikanerkirche unter der Vierungskuppel. Sie besteht aus drei Teilen: dem Pendel, der Schwingungsebene und den zwei grauen Doppelspiegeln. Bei dem Foucaultschen Pendel handelt es sich um eine 48 Kilogramm schwere Metallkugel mit 22 Zentimeter Durchmesser, die an einem drei Millimeter starken Edelstahlseil befestigt ist. Sie schwingt über einer kreisrunden, gewölbten Platte. Diese Schwingungsebene umgibt eine 360-Grad-Skalierung, in Zwölferschritten eingeteilt. Im Verlauf einer Stunde dreht sich die Ebene unter dem Pendel um zwölf Grad nach Osten.

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Am Ende des Pressemarathons ist es wiederum der Künstler, der durch seine Bescheidenheit auffällt: Es sei sein Ziel gewesen, in Münster „ein gutes, ansehnliches Stück Kunst“ abzuliefern. Ganz anders hört sich das in der Würdigung von Prof. Buchloh an. Gerhard Richter habe „sein ganzes Leben der Malerei gewidmet“. Jetzt sei „noch einmal ein radikaler Bruch in seinem Spätwerk“ zu erkennen, was sich nicht einmal Picasso getraut habe.

Gerhard Richter überreicht der Stadt Münster sein Pendel-Kunstwerk

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  • Ein Pendel für Münster: 48 Kilogramm wiegt das Foucaultsche Pendel aus Messing, das die Stadt von Künstler Gerhard Richter geschenkt bekommen hat.

    Foto: Oliver Werner
  • Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.) freute sich am Samstag (16.6.) über das Geschenk und darüber, dass der weltbekannte Künstler Gerhard Richter persönlich zur Übergabe nach Münster kam. 

    Foto: Oliver Werner
  • Der Künstler Gerhard Richter erklärt Münsters Bürgermeister Markus Lewe (r.) sein Pendel.

    Foto: Oliver Werner
  • Ein Foto mit dem Kunst-Star: Gerhard Richter (Mitte) nahm sich viel Zeit für Gespräche und Fotos. 

    Foto: Oliver Werner
  • Gerhard Richter hat in der Kirche eine dunkle Bodenplatte verlegen lassen. Darüber wird das eigentliche Kunstwerk des Kölners schwingen: Ein 48 Kilogramm schweres Foucaultsches Pendel aus Messing, das an einem 29 Meter langen Seil hängt. Es zeigt mit seiner Bewegung die Erdrotation an. Vier sechs Meter hohe Glastafeln, die paarweise vor den Wänden angebracht sind, reflektieren die Bewegung des Pendels im Kirchenraum.

    Foto: Oliver Werner
  • Ab Sonntag (17.6., 11.30 Uhr) ist die Installation mit dem Titel „Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel“ in der Dominikanerkirche in der Stadtmitte allgemein zugänglich. Der Eintritt ist frei.

    Foto: Oliver Werner
  • Gute Laune: Einer der berühmtesten Künstler der Welt sorgte für einen veritablen Medienrummel in Münster.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: Oliver Werner
  • Foto: Oliver Werner

Mit gemischten Gefühlen erlebt Gail Kirkpatrick, Leiterin der Kunsthalle und Wegbegleiterin des Projektes, dieses Wochenende. Als Neu-Ruheständlerin ist das Pendel für sie Krönung und Abschluss zugleich.

Kommentar

Gemessen am Hype der vergangenen Wochen, kommt das Foucaultsche Pendel in der Dominikanerkirche ausgesprochen ruhig daher. Gemessen an der Erwartungshaltung der Münsteraner, kam an diesem Wochenende auch der Künstler Gerhard Richter ausgesprochen ruhig daher. Während in den Grußworten ein Superlativ den nächsten jagte, begnügte sich der Meister mit der simplen Feststellung, dass die Dominikanerkirche „sehr schön“ sei.

Auf den ersten Blick, aber auch nur auf den ersten Blick, wirkt es befremdlich, dass sich ausgerechnet der aktuell „teuerste“ Künstler der Welt wie ein unscheinbarer, scheuer, etwas unbeholfener Mann im vermeintlich aufregenden Kunstbetrieb bewegt. Vielleicht aber ist dieser Anachronismus das Geheimnis des Erfolgs. In Münster jedenfalls versuchte Richter erst gar nicht den Eindruck zu erwecken, als könne er mit etwas anderem glänzen als mit seiner Kunst.

Auch Unscheinbares kann glänzen, das könnte die Botschaft dieses Wochenendes sein.

Klaus Baumeister

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Gerhard Richter - einer der weltweit bedeutendsten Maler

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  • Gerhard Richter wurde 1932 in Dresden geboren, nach seiner Flucht in den Westen 1961 absolvierte er ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, wo Richter später dann eine Professur bekam. Auf dem Foto steht der Künstler im Jahr 2013 vor seinem Gemälde Strip (930-2) in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

    Foto: Hendrik Schmidt
  • Als Richters größtes Verdienst gilt es, der Malerei in den 60er Jahren wieder neue Relevanz gegeben zu haben. Auf dem Foto ist sein Bild "Abstrakt" zu sehen.

    Foto: Oliver Berg
  • Zu Beginn von Richters Laufbahn in den 60er Jahren sprachen viele Kunst-Experten vom Ende der Malerei, denn wenn es um realistische Abbildungen ging, war die Fotografie überlegen. In Gerhard Richter sehen viele Kunsthistoriker denjenigen, der am stärksten dazu beigetragen hat, der Malerei eine neue Bedeutung gegeben zu haben.

    Foto: Federico Gambarini
  • Gerhard Richter ist ein Maler ohne Worte: Man hat ihn die Sphinx oder den großen Schweiger genannt, weil er seine Werke nicht erklärt. Diese Rätselhaftigkeit hat wohl zu seinem Ruf beigetragen. Zur Abbildung: 2016 wurde sein Werk "Tiger" im Museum Morsbroich in Leverkusen gezeigt.

    Foto: Monika Skolimowska
  • Als „Europas größten Maler“ bezeichnete ihn die „New York Times“, der „Guardian“ rühmte ihn als „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Das Foto zeigt den Künstler im Jahr 2010 vor einer seiner Arbeiten im Dresdner Albertinum.

    Foto: Dietrich Flechtner
  • Richters Atelier befindet sich in einem bunkerähnlichen Riegelbau im Villenviertel Köln-Hahnwald. Er schirmt das dahinterliegende Wohnhaus ab. Der Künstler lebt dort mit seiner dritten Frau Sabine Moritz und dem jüngsten Sohn Theodor. Die Aufnahme zeigt ihn im Jahr 2016 in Köln in seinem Atelier vor einem seiner Bilder.

    Foto: Oliver Berg
  • Für Richters meistbewundertes Werk muss man keinen Eintritt zahlen. Es ist das 19 Meter hohe Fenster im südlichen Querhaus des Kölner Doms. Richter hat Sympathien für die Kirche, aber er glaubt nicht an Gott.

    Foto: dpa
  • Gerhard Richter wird in internationalen Rankings seit vielen Jahren als einer der weltweit einflussreichsten Künstler eingestuft. Auch im Ranking „Kunstkompass 2017“ wird er seit vielen Jahren als wichtigster Künstler geführt.

    Foto: Arno Burgi
  • Kunstwerke von Gerhard Richter gehören zu den teuersten der Welt. Es sei beängstigend, dass seine Kunst und sogar von ihm signierte Postkarten auf dem Markt Höchstsummen erzielten: „Eine erschreckende Entwicklung“, sagte Richter in einem Interview mit der „Die Zeit“. Hier steht Richter im Jahr 2009 in Duisburg vor seinem Werk "18 Farben".

    Foto: dpa
  • Die horrenden Preise für seine Bilder seien ein Beleg dafür, „wie irrsinnig sich der Kunstmarkt entwickelt hat“, sagte Gerhard Richter. Sie hätten mit dem Werk nichts zu tun. „Das ist doch reiner Personenkult“, meint der Künstler.

    Foto: Oliver Berg
  • Ein Beispiel: Das Werk „Abstraktes Bild“ von Gerhard Richter hat 2012 in London bei einer Auktion einen Rekordpreis von umgerechnet 41 Millionen Euro erzielt. Damit habe Richter Maßstäbe für lebende europäische Künstler gesetzt, teilte das Auktionshaus Sotheby‘s nach der Versteigerung mit.

    Foto: dpa

 

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