Porträt einer Bildeinrahmerin
Rahmen mit Persönlichkeit

Münster -

Sie war immer Papas Mädchen. Einen Knopf annähen kann Anita Greve bis heute nicht, stattdessen nutzt sie ihre Hände für andere Tätigkeiten: Tapezieren, streichen, lackieren – und Bilder einrahmen. Ihr Beruf hat wahren Seltenheitswert.

Montag, 18.06.2018, 21:00 Uhr
Mit dem besonderen Japanpapier kann Anita Greve das Bild auch so zwischen das Passepartout kleben, das es fast in der Luft hängt. So lässt es sich auch später wieder ohne Rückstände lösen. (weiteres Detailbild im Bilderarchiv)
Mit dem besonderen Japanpapier kann Anita Greve das Bild auch so zwischen das Passepartout kleben, das es fast in der Luft hängt. So lässt es sich auch später wieder ohne Rückstände lösen. (weiteres Detailbild im Bilderarchiv) Foto: Oliver Werner

Was sich einfach anhört, erfordert viel Wissen und Fingerspitzengefühl, wie die 42-Jährige sagt: „Durch eine falsche Montage können Bilder zerstört werden.“ Damit das nicht passiert, ging schon einiges über ihren Werktisch. „Vom einfachen Foto bis zum echten Dali.“ Denn jedes Bild erfordert eine eigene Herangehensweise.

Dass Anita Greve einmal Bilder rahmen würde, wirkt im Rückblick fast vorhersehbar. Sie ist in der Galerie ihrer Eltern in Wolbeck groß geworden, war von klein auf handwerklich interessiert wie begabt, finanzierte schon mit 18 Jahren mit der Rahmung von Bildern ihren Führerschein. Doch ihr Berufswunsch war zunächst ein anderer: Kinderpflegerin. Also machte sie eine Ausbildung in dem Bereich, schwenkte dann um auf den Garten- und Landschaftsbau, arbeite schließlich mehrere Jahre als Busfahrerin. Ein Bandscheibenvorfall zwang sie noch einmal zum Wechsel, nächste Station: die Werkstatt einer Galerie.

Vier Jahre arbeitete sie dort, im vergangenen Jahr hat sie sich als Bildeinrahmerin selbstständig gemacht. Eine eigene Ausbildung hierzu gibt es nicht, stattdessen deutschlandweit nur eine Weiterbildung bei der Handwerkskammer in Stuttgart, die Greve nach einem einjährigen Kurs mit Prüfung erfolgreich abschloss. Der Beruf ist rar gesät.

Genauigkeit ist Trumpf

Weil er auch kein eigenständiger Handwerksberuf ist, hat die Handwerkskammer auch keine Zahlen darüber, wie viele ihn in der Region ausüben.

Als Einrahmerin braucht die Frau nicht viel, „meine Werkzeug passt in eine kleine Werkzeugtasche“, sagt Greve. Darin liegen Handschuhe und eine Pinzette, ein Falzbein, kleine Gewichte, besonderes Papier sowie Utensilien wie ein Cutter, Hammer und Schrauben.

Jede angefertigte Rahmung kommt staubfrei zwischen Glasscheibe, Passepartout und Rückwand, alles schneidet Greve genau zurecht. Besonders wichtig bei ihrer Arbeit: ein feines biegsames Papier aus Fasern, das sogenannte Japanpapier, mit dem das Bild mit selbst gekochtem Kleister verklebt wird – und auch ohne Rückstände wieder gelöst werden kann.

Mehr als nur Beiwerk

Als Werkzeugtisch genügt ihr ein einfacher Tisch, nur manchmal, bei großen Bildern oder Fotos, weicht sie auf die eigene Tischtennisplatte aus. Eine ruhige Hand ist unverzichtbar. „Komplizierte Sachen werden daher morgens als erstes gemacht.“ Denn Trubel gibt es bei der Mutter Nachmittags genug, wenn ihre drei Kinder Zuhause sind.

Für die 42-Jährige sind Rahmen mehr als nur Beiwerk. „Es kann auch viel Persönlichkeit in dem Rahmen stecken“, sagt sie. Und: Alles kann gerahmt werden. Coladosen, eine Krawatte, ein Hochzeitsstrauß, das Taufkleid des eigenen Kinds – in einem entsprechenden Kastenrahmen, und möglichst so montiert, dass das Stück noch lange erhalten bleibt.

Zuhause kein einziges Bild im Rahmen

Doch viel zu oft greifen die Menschen ihrer Meinung nach zu Billigware, und kleben ihr Bild mit Fotoklebeecken, Krepp- oder Paketband schnell in den Rahmen. Wenn es dann wieder heraus soll, hinterlässt der hartnäckige Kleber Spuren. „Das ist schade“, sagt sie. Und teuer, wenn es sich etwa um Werke wie jene von Günther Uecker oder anderen bekannten Künstlern handelt. Dann muss der Papierrestaurator ran.

Das will Greve mit ihrer Arbeit möglichst direkt vermeiden. Wenngleich bei ihr selbst Zuhause kein einziges Bild im Rahmen hängt. Stattdessen ist ihr Treppengeschoss voll mit Kinderbildern, schlicht auf Leinwand, ohne Passepartout, nicht geschützt hinter Glas. „Ich kann mich bei der Vielfalt einfach nicht entscheiden“, sagt sie. Also lässt sie es lieber. Und lässt in ihrem Beruf die Kunden entscheiden.

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