Meyer macht's
Ein Tag im GOP Varieté-Theater: Endlich im Showgeschäft!

Münster -

Mit drei Bällen jonglieren, das kann unser Redakteur Björn Meyer – behauptet er jedenfalls. Während seines Tags im GOP Varieté-Theater warteten aber ganz andere Herausforderungen auf ihn.

Samstag, 23.06.2018, 10:00 Uhr
Da schaut die Belegschaft des Grand Hotels genau hin, wenn dem Neuen auf der Bühne vom Concierge die Garderobe gerichtet wird.
Da schaut die Belegschaft des Grand Hotels genau hin, wenn dem Neuen auf der Bühne vom Concierge die Garderobe gerichtet wird. Foto: Oliver Werner

Es ist kurz vor 16 Uhr, als an einem Donnerstag im Juni jemand das GOP-Theater betritt. Die Dame am Ticketschalter wird wenig später über ihn urteilen, er wäre einer für den russischen Barren. Das erste Problem daran: Derjenige hat zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was ein russischer Barren ist. Das zweite Problem: Derjenige bin ich.

Auf der Bühne des Saals, einem Raum ohne Fenster, dessen Wände mit schweren Vorhängen verkleidet sind und auf dessen Tischen am Abend kleine Lampen für eine urige Atmosphäre sorgen, treffe ich auf Gilles le Leuch, seine Frau Caroline Schroeck und ihre älteste Tochter Gwenadou. Aufgrund der Phonetik nennt sich die Familie auch „die Schroeckleloecks“. Alle drei sind Teil der aktuellen Show „Grand Hotel“ im GOP und Meister ihres Fachs. Ich traue­ mich daher nicht, Gilles, der als Hotel-Concierge und Moderator der Show auftritt, zu sagen, dass mir der Reiz seines favorisierten Geräts, einem Jonglage-Gerät namens Diabolo, bislang verborgen blieb.

„Diabolischer“ Lehrmeister

Nach ein paar Minuten mit Gilles ist das anders. Präzise korrigiert der 55-Jährige mein Wirken – und siehe da, wie von Zauberhand lässt sich das Diabolo beherrschen. Erst klappt der Antrieb, dann ein Trick, schon bald darauf ein zweiter. Einsame spitze von mir, möchte ich gerne meinen – doch um ehrlich zu sein, gebührt die Ehre hier dem Lehrer.

Show-Karriere mit Umwegen

Der 55-Jährige ist ein Mann mit einem feinen Lächeln. Wer Gilles beobachtet, der kann sich kaum vorstellen, dass er mal etwas anderes als Theater gemacht hat – und irrt. Als junger Mann bewarb er sich einst beim Circus Krone – auf eine Fernfahrerstelle. Dort arbeitete auch seine heutige Frau Caroline als Tänzerin. 1990 ging das Paar gemeinsam zu einer Zirkusschule nach Berlin.

Es war der Beginn zweier Karrieren – mit Anlaufschwierigkeiten. „Ich habe es mit Bällen und Keulen versucht, aber Feuer gefangen habe ich dabei nicht“, erinnert sich Gilles. Bis er bei einer Spanierin das Diabolo sah. Das war es, Gilles wollte es lernen – und lief erstmal vor eine Wand. „Ich kam nicht zurecht und bin beinahe verrückt geworden“, erinnert sich der Meister.

Einen Umweg nahm auch seine Frau Caroline (52). Auch sie jonglierte, entdeckte aber schließlich Seil und Trapez für sich. Zudem beherrscht sie „Klischnigg“, eine akrobatische Kunstform, die nach Eduard Klischnigg, einem Akrobaten des 19. Jahrhunderts, benannt ist und wohl am besten als extremes Vorbeugen beschrieben werden kann.

Probetraining im GOP Varieté

1/22
  • Gwenadou Schroeck, 21 Jahre jung, weiht Björn Meyer in die Kunst des Hula-Hoops ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Ein wenig Schwung...

    Foto: Oliver Werner
  • ...und den Reifen um die Hüfte kreisen lassen.

    Foto: Oliver Werner
  • „Joa, schon ganz gut“, lügt Gwenadou. Während man bei ihr nahezu keine Körperbewegung sieht, während sich der Reifen um sie dreht,...

    Foto: Oliver Werner
  • ...ist es bei Björn Meyer umgekehrt: Der Körper bewegt sich sichtlich, der Reifen dafür nur beim Herunterfallen.

    Foto: Oliver Werner
  • Nächster Versuch: Jonglage - mit einem Reifen.

    Foto: Oliver Werner
  • Das geht schon deutlich besser.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Reifen fliegt hoch in die Luft...

    Foto: Oliver Werner
  • ...und landet zielsicher wieder in der Hand.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch der Einsatz von Technik gehört natürlich zur Varieté-Show. Da muss alles stimmen. Auch wenn „die Künstler einem einen Fehler schon verzeihen“, wie Azubi Stephan Schiller erzählt.

    Foto: Björn Meyer
  • Gilles le Leuch weiht Björn Meyer in die Feinheiten den Diabolo-Spiels ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf die richtige Haltung kommt es an.

    Foto: Oliver Werner
  • Unter Gilles' Anleitung gelingt es dem Redakteur, das Gerät unter Kontrolle zu bringen.

    Foto: Oliver Werner
  • Der erste Trick hat schon geklappt.

    Foto: Oliver Werner
  • Gilles hat schon beim Circus Krone gearbeitet - als Fernfahrer. Seine Bühnenkarriere begann erst auf dem zweiten Bildungsweg.

    Foto: Oliver Werner
  • Gilles, der selbst in einer Zirkusschule in Berlin gelernt hat, erweist sich als guter Lehrer. 

    Foto: Oliver Werner
  • „Ich habe es mit Bällen und Keulen versucht, aber Feuer gefangen habe ich dabei nicht“, erinnert sich Gilles. Bis er bei einer Spanierin das Diabolo sah. 

    Foto: Oliver Werner
  • Gilles ist Moderator der Show „Grand Hotel“ im GOP Münster.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Show kann beginnen. 

    Foto: Björn Meyer
  • Mit weißem Service-Hemd tritt WN-Redakteur als Teil der Hotel-Belegschaft auf die Bühne.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Concierge richtet noch die Garderobe. Da schaut die Belegschaft des „Grand Hotel“ genau hin.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Show „Grand Hotel“ ist noch bis zum 8. Juli im GOP Münster zu sehen.

    Foto: Oliver Werner

Hatte ich eigentlich schon gesagt, dass ich Höhenangst habe?

„Willst du auch mal?“, fragt mich Caroline, nachdem sie hinter mir schon einige Zeit buchstäblich in der Luft gehangen hat. Ich nicke und merke leise an, dass ich Höhenangst habe. Caroline hat das wohl nicht gehört. Ich merke also noch einmal lauter an, dass ich ja Höhenangst habe! Aus einem mir unerfindlichen Grund reagiert Caroline allerdings noch immer nicht. „Ich zeige dir nur eine Technik“, sagt Caroline stattdessen und bittet mich, mich meiner Schuhe, Strümpfe sowie der Uhr zu entledigen. Viel Hoffnung habe ich nicht, denn seitdem ich denken kann, war ich im Seilklettern ein Totalausfall.

Sekunden später weiß ich auch, woran das lag. Und ehrlich gesagt wirft die Erkenntnis weder ein gutes Licht auf die Ausstattung deutscher Schulen, noch auf die Befähigung meiner ehemaligen Sportlehrer. Carolines Hanfseil ist griffiger als die Exemplare, die man aus hiesigen Turnhallen kennt. Die sind zwar bestimmt bestens geeignet, allerdings nur als Ankerhalter auf spanischen Galeeren des 16. Jahrhunderts. Carolines Anweisungen kommen derweil so schnell, dass ich kaum Zeit habe, darüber nachzudenken, ob ich das hier wirklich kann. „Machst du richtig gut, willst du auch ans Trapez?“, fragt sie mich, während ich überrascht bin, dass ich schon einige Meter über der Bühne hänge. Hatte ich eigentlich schon gesagt, dass ich Höhenangst habe?

Während ich also lieber unten auf dem Boden meine bereits halb verbrannten Füße bejammere, erzählt mir Caroline von ihrer Familie, zu der auch die 14-jährige Tochter gehört, die wie ihr Vater das Diabolo beherrscht. Doch mit auf Tour ist sie dieses Mal nicht. „Sie wollte nicht ständig die Schule wechseln“, sagt ihre Mutter. Daher wohnt die jüngste Schroeckleloeck während der Show-Zeit, bei der die restliche Familie über ein Jahr durch die sieben GOPs in Deutschland zieht, mit einer Freundin in einer Künstler-WG.

Kleine Lüge beim Hula-Hoop-Training

Mit dabei ist dagegen Gwenadou, 21 Jahre jung. Mit vier Jahren stand sie das erste Mal auf einer GOP-Bühne. Ihr Steckenpferd sind die Hula-Hoop-Reifen und das Versprühen von ganz viel Esprit. Beide nehmen wir uns einen Reifen, und sogleich liegt Grazie im Raum – jedenfalls durch Gwenadou, bei der man nahezu keine Körperbewegung sieht, während sich der Reifen um sie dreht. Bei mir dagegen bewegt sich der Körper sichtlich, der Reifen dafür nur beim Herunterfallen. „Joa, schon ganz gut“, lügt Gwenadou und bietet mir fast nebenbei an, es vielleicht doch mal mit einem anderen Körperteil zu versuchen. Das Jonglieren – mit wohlgemerkt einem Reifen – fällt mir zwar leichter, ist aber deutlich anstrengender als es aussieht – und sorgt für blaue Flecken an den Schienbeinen, wie Gwenadou weiß – und ich kurze Zeit später spüre.

Muskelspiele am russischen Barren

Dann beginnen die Boyt­sovs an einem Gerät zu trainieren, das sich als russischer Barren herausstellt. Im Mittelpunkt des Trios steht Igor, dem ich kaum abnehmen kann, dass er bereits 50 Jahre alt ist. Bislang habe ich immer mal wieder zu ihm herübergeschielt und die Artistiknummern bewundert, die er probt, während auf seinem Handy vor ihm ein Live-Stream der russischen Fußball-Nationalmannschaft läuft. „No“, erklärt mir Igor auf Englisch, das sei nicht seine Nummer, das sei nur Aufwärmprogramm. „Ja, ne – is´ klar Igor.“

Angst vor der Teller-Nummer

Zeit für mich, beim Servicebereich vorbeizuschauen, denn einerseits soll ich helfen, die Gäste zu bedienen, andererseits winken mir als Teil des Personals, das an diesem Abend hauptsächlich aus gut gelaunten Studenten besteht, zwei kurze Bühnenauftritte. Ich treffe auf Nikos, einen ehemaligen griechischen Handball-Profi. „Papa“ nennen sie ihn hier. Wenn er beim Handball so gut war, wie er heute kellnert, sind die Gegner an ihm verzweifelt. Sein größter Schatz ist dabei sein schnelles Mundwerk. Seit fast zehn Jahren arbeitet Nikos im GOP. „Ich mag das hier, diese Stimmung“, sagt er, während er sich umguckt und die Finger der rechten Hand aneinander reibt.

Als ich mit ihm meine ersten Teller Suppe zu den mittlerweile erschienenen Gästen trage, bin ich heilfroh, dass ich nichts fallen lasse. „Brust raus, nach vorne schauen und keine Angst zeigen. Du musst dir immer klarmachen, dass auch die Gäste auf fremdem Terrain sind“, ist einer der Tipps, die ich mir merke, während ich längst Panik vor den nächsten Tellern habe. Ich gebe mir im Schummerlicht des Saals insgeheim bei jeder Stufe eine Quote von fünfzig zu fünfzig, irgendeinem Gast gleich mit Spargelcremesuppe und Bärlauch den Abend zu verderben. „Jetzt ein bisschen Hula-Hoop, das wäre doch was“, denke ich flehentlich, muss aber wohl durch die Suppen-Nummer. Doch alles geht, wenn auch unbeholfen, gut.

Auf und hinter der Bühne

Plötzlich ist es 19.57 Uhr, in drei Minuten beginnt die Show. „Sollte ich nicht ganz zu Anfang mit euch auf die Bühne?“, frage ich, während mir noch nicht ganz klar ist, ob meine Hände vom Suppe-Tragen oder dem Gedanken, gleich auf der Bühne zu stehen, ungewohnt schwitzig sind. „Komm einfach mit mir“, sagt Nikos gelassen, und ich folge. Dann geht alles schnell. Plötzlich stehe ich oben. Hoteldirektor Gilles prüft beim Personal den Dresscode. „Aha, ein Neuer“, macht er keine Anstalten, mich außen vorzulassen. Während Gilles also an meinen Hemd rumnestelt, versuche ich vergeblich, mein Grinsen zu unterdrücken.

Als das restliche Personal von der Bühne geht, biege ich hinter den Vorhang zu „Stagehand“ David Ilgemann ab. Der 20-Jährige ist Azubi beim GOP. Auf die Sekunde hat er seine Handgriffe zu erledigen, dabei erzählt David nebenbei von den interessanten Menschen, die er bei seinem Job treffe. Manchmal mache man abends was zusammen. „Die sind hier ja fremd und wollen auch mal raus“, sagt David schulterzuckend und: „Da kommt jetzt eine Tischdecke von der Bühne geflogen, die kannst du fangen.“ Schwupps.

Einige Male wird es hektisch, eng ist es immer. Denn bei allem Charme des Gebäudes, als Theater ist es nicht gebaut worden. Zum größten Teil ist es hinter der Bühne kaum breiter als einen Meter, auch die Umkleiden sind eng. Ein größeres Requisit der Show muss extra unter der Decke gelagert werden. Mehrfach sagt David mir, wo ich im nächsten Augenblick zu stehen habe, um den Künstlern nicht den Weg zu versperren.

Wunderschöne Maske harter Arbeit

Zeit für Gespräche mit den Artisten bleibt kaum. Das Lächeln im Scheinwerferlicht ist hier hinten auf den ersten Blick als wunderschöne Maske harter Arbeit zu erkennen. Dennoch erlauben sich die Akteure in den kurzen Verschnaufpausen immer wieder Witze – kurze Ausbrüche aus der leidenschaftlichen Routine, mit der hier dargeboten wird.

Zwischen einem seiner Auftritte bietet sich die Chance, mit Sergej Maslennikov zu sprechen. Als Clown war er Teil des Roncalli-Ensembles. Ob er ein Ritual vor seinen Auftritten habe, will ich wissen. Der 56-Jährige ist irritiert. „Ein Ritual?“ Nein. Das brauche er nicht. Wenn er auf die Bühne trete, sei er doch automatisch Clown. Während Sergej das erzählt, symbolisiert er mit einer Hand das Öffnen und Schließen eines Vorhangs vor seinem Gesicht. Dabei funktioniert die Mimik exakt im Gleichschritt mit der Bewegung seiner Hand. Ich bin in der Szenerie gefangen.

Doch auch Profis haben ihre Sorgen. Der Arzt habe ihm seit einiger Zeit Tabletten verordnet, deren Nebenwirkung ein Verkrampfen seiner Muskeln sei. Seine Jonglage-Nummer mit Tennisschlägern mache das nicht einfacher, berichtet Sergej ernst und ist nur Sekunden später wieder als Spaßmacher auf der Bühne.

Überraschend stark

In der Pause fällt mir eine junge schlanke Frau auf, die sich auf ihren Auftritt vorbereitet, und die ich bislang nicht gesehen hatte. Für mich aber geht es weiter in die Technik, wo ich neben dem Technischen Leiter Christopher Beermann auf Azubi Stephan Schiller (22) treffe. Hier in der Technik müsse alles passen, auch wenn „die Künstler einem einen Fehler schon verzeihen“, wie Stephan erzählt.

Nach wenigen Nummern betritt die junge schlanke Frau von eben die Bühne. Es ist Anastasia Sopilniak, die zusammen mit Roman Khaperskiy auftritt – einem Mann, der nur aus Muskeln zu bestehen scheint. Ich warte darauf, dass Roman seine Anastasia wild durch die Luft wirbelt und bin sprachlos, als nicht Roman, sondern die schmale Anastasia die menschliche Basis für die Figuren abgibt.

Abschied mit Adrenalin

„Hach, kurz entspannen“, denke ich – habe aber die Rechnung ohne meinen heutigen Arbeitgeber gemacht. Mein zweiter Auftritt steht an. Silvester auf der Bühne, da muss auch das Personal mitfeiern – los, los, werde ich aus der Technik gescheucht. Auf dem Weg hinter die Bühne treffe ich Nikos wieder. „Lass die anderen vorgehen, wir kommen schon rechtzeitig“, wirkt er beruhigend auf mich ein. Irgendwelche Anweisungen? „Bei der Drehtür nicht auf die Bühne fallen.“

Sagte ich gerade beruhigend? Doch nachfragen geht nicht mehr. Der Countdown läuft, Luftschlangen und Konfetti auf – und vor der Bühne. Tanzen, klatschen, lächeln, verbeugen. Ehe ich mich versehe, bin ich wieder unten. Mein Theatertag ist vorbei. Und ich voller Adrenalin. Mit dem Publikum ströme ich im weißen Service-Hemd nach draußen. Es regnet. Was wohl ein Diabolo kostet?

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5842463?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker