Turina-Quartett im Rathauskonzert
Polnische Klangräume geöffnet

Münster -

Grazyna Bacewicz? Kaum jemand dürfte den Namen, geschweige denn Musik dieser polnischen Komponistin kennen. Dabei hat die 1969 mit nur 59 Jahren gestorbene Schülerin von Kazimierz Sikorski und Nadia Boulanger ein beträchtliches Oeuvre hinterlassen, das zu entdecken sich lohnt.

Freitag, 22.06.2018, 18:40 Uhr
Turina-Quartett (v. l.): Magdalena Steiner, Birgit Erichson, Midori Goto und Adrian Kowollik
Turina-Quartett (v. l.): Magdalena Steiner, Birgit Erichson, Midori Goto und Adrian Kowollik Foto: Christoph Schulte im Walde

Das tat nun das Turina-Quartett bei seinem Rathauskonzert am Donnerstag. Auf dem Programm: Bacewicz’ Streichquartett Nr. 4 aus dem Jahr 1950. Ein ausgewachsenes Werk von knapp einer halben Stunde Dauer, das eine ganze Palette an Klangräumen auf den vier Streichinstrumenten offenbart. Deren Möglichkeiten kannte Bacewicz sehr gut, immerhin war sie selbst auch als Geigerin international erfolgreich. Ihre musikalische Sprache erweist sich auf der Höhe der damaligen Zeit, bleibt weitgehend im Rahmen der Tonalität, den sie aber durchaus erweitert. Oder momenthaft auf die Spätromantik zurückgreift. Ohnehin scheint sie sich in diesem Stück für harmonische Zusammenhänge zu interessieren, nicht so sehr für akribisch konstruierte Klänge. So entsteht ein dramaturgisch überzeugendes, abwechslungsreiches und atmosphärisch dichtes Gewebe, vom Turina-Quartett mit intensivem Ausdruck gestaltet. Schön, dieser Musik einmal begegnen zu können.

Danach öffneten die vier Solisten die Schatztruhe der Quartett-Literatur – und heraus kamen zwei Brillanten: Erst Mozarts B-Dur-Quartett (KV 589), dann Antonín Dvořáks Opus 96 mit dem Beinamen „Amerikanisches Streichquartett“. Beide stellen hohe Ansprüche an die Kultur des Zusammenspiels, in beiden Fällen wurden sie prächtig erfüllt. Gut, Mozart könnte man vor allem in den raschen Allegro-Sätzen etwas mehr Biss geben, ihn etwas explosiver rauschen lassen. Das Turina-Quartett entschied sich für eine noble, etwas distinguiertere Variante. Belanglos oder brav geriet die Musik deshalb noch lange nicht. Auch nicht Dvořáks fröhlicher Gruß aus einem Sommerurlaub in der amerikanischen Provinz abseits der Metropole New York, wo er drei Jahre lang Konservatoriumsdirektor war. Ob die vier Sätze tatsächlich von amerikanischer Volksmusik inspiriert sind? Oder nicht doch ihre Wurzeln in Klängen der böhmischen Heimat haben? Sei’s drum: Es ist einfach ein vom Turina-Quartett kompetent und mitreißend interpretiertes Landschaftsgemälde, in dem das Ganze weit mehr ist als bloß die Summe seiner einzelnen Teile.

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