Claus Peymann las im Wolfgang-Borchert-Theater Thomas Bernhard
Schimpfen über Eliten und sich selbst

Münster -

Claus Peymann las im Borchert-Theater, und der Saal war ausverkauft. Denn der berühmte Regisseur las nicht irgendetwas, sondern Thomas Bernhard – jenen Skandal-Autor, mit dem Peymanns Zeit am Wiener Burgtheater künstlerisch untrennbar verknüpft ist. 14 seiner Stücke hat er uraufgeführt, wie Peymann nicht ohne Stolz voranstellt.

Dienstag, 26.06.2018, 23:18 Uhr aktualisiert: 26.06.2018, 23:20 Uhr
Claus Peymann las vor ausverkauftem Haus im Wolfgang-Borchert-Theater in seinem roten Ohrensessel unter dem Zitat von Voltaire: „Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich.”
Claus Peymann las vor ausverkauftem Haus im Wolfgang-Borchert-Theater in seinem roten Ohrensessel unter dem Zitat von Voltaire: „Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich.” Foto: Arndt Zinkant

An diesem Abend aber liest er „Holzfällen. Eine Erregung“, ein ebenso skandalträchtiges Stück Prosa, das aufgrund einer Indiskretion (Wiener Society um den Komponisten Lampersberg erkannte sich wieder) im Jahr 1984 kurz nach Erscheinen verboten wurde. Und den Buchhändlern an der deutschen und schweizerischen Grenze bombige Verkäufe bescherte.

Dem Publikum bescherte Peymann einen prallen Lese-Abend mit galligem Humor. An Münsters Borchert-Theater ist übrigens seine ehemalige Regieassistentin Tanja Weidner mittlerweile Chefdramaturgin; er empfehle auch unbedingt die aktuelle Shakespeare-Inszenierung „Der Sturm“ am Hafenbecken. „Im Wasser liegen die Tränen. Überhaupt liegen die besten Theater am Wasser: das Londoner National Theatre, das Borchert-Theater und natürlich auch mein Berliner Ensemble an der Spree!“, verkündete er lachend.

„Ich bin kein Schauspieler – ich bin Regisseur.“ Dennoch (oder gerade deswegen?) hatte Peymanns Performance einen überraschenden Sound. Wo berühmte Charaktermimen meistens ein Woge wütenden Weltekels von der Bühne spülen, da brachte der Regisseur und Bernhard-Intimus etwas anderes hervor: neckisch-kauzigen Greisen-Zynismus, der sich oft selbst bespöttelte.

Und die exzessiven Hass-Tiraden, die Bernhards Ich-Erzähler (und Alter Ego) auf die selbstgefällige Wiener Kunst-Schickeria anstimmt, haben tatsächlich viel Komisches. Da sitzt der Ich-Erzähler (wie Claus Peymann auf der Bühne) im Ohrensessel und schimpft über die elitäre Bagage – und über sich selbst, dass er die Abend-Einladung bei diesen ihm verhassten „Provinz-Künstlern“ überhaupt angenommen hat.

Und er zieht vom Leder: Das Mäzenaten-Ehepaar Auersberg erscheint als ignorant und ungebildet. Und der pompöse, sich in Naturromantik („Wald, Hochwald, Holzfällen!“) suhlende Burgschauspieler wird mit einem Sarkasmus persifliert, den eben nur ein Insider wie Bernhard ersinnen konnte. Auch Claus Peymann selbst wird als genialer deutscher Newcomer und „Theater-Berserker“ im Text erwähnt. Darüber liest er nicht einfach hinweg – da wirft sich der alte Kämpe auf der Borchert-Bühne grinsend selbst einen Konfetti-Regen aufs Haupt.

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