Bloggerin aus Münster schreibt ihr erstes Buch
Youtuberin Jana Walter: "Ich biete eine Art Orientierung"

Münster -

Bis um das Treppenhaus herum reichte die Schlange der wartenden jungen Frauen, die augenblicklich die Handykameras zückten als Jana Walter mit Mutter Michaela und Freund Leon das Podium betrat. Die Youtuberin hat im Mai ihr erstes Buch herausgebracht, "Jeder Tag ein Neuanfang". Am Dienstag lud sie zur Signierstunde in die Buchhandlung Poertgen-Herder. Im Interview spricht die gebürtige Münsteranerin darüber, wie die sozialen Medien ihr Vollzeitjob geworden sind, sie ihren Lesern Selbstbewusstsein verleihen will und wie sie selbst mit negativem Feedback umgeht. 

Mittwoch, 27.06.2018, 13:30 Uhr aktualisiert: 03.07.2018, 16:40 Uhr
Bloggerin aus Münster schreibt ihr erstes Buch: Youtuberin Jana Walter: "Ich biete eine Art Orientierung"
Bei einer Signierstunde in einem Buchladen in Münster warten am Dienstag ihre Fans auf sie: Jeder bekommt ein Foto mit Jana Walter (r.). Foto: Pjer Biederstädt

Du hast dein erstes Video vor drei Jahren hochgeladen. Heute hast du über 300.000 Abonnenten auf Youtube und dein erstes Buch veröffentlicht. Hast du das erwartet?

Jana Walter: (lacht) Nein, ich wusste nicht, dass man das beruflich machen, so viele Follower haben und so eine Reichweite bekommen kann. Ich habe das zunächst nur für meine Familie und Freunde gemacht.

Das ist jetzt auch dein Vollzeit-Job. Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, das könnte ein Beruf sein?

Walter: Ja, aber das hat lange gedauert, so anderthalb Jahre, bis das wirklich mein Beruf geworden ist. Vorher war das nur so: Ja, ich mach mal, hab mich da ausprobiert und gemerkt, da kann man etwas draus machen und sich etwas drauf aufbauen.

Du hast zuerst ein Medizinstudium angefangen. War es eine schwierige Entscheidung, das aufzugeben und Vollzeit Youtube zu machen?

Walter: Ich habe in der Schule immer darauf hingearbeitet, Medizin zu studieren, und habe dann im Vorstudium fürs Medizinstudium gemerkt, dass es nichts für mich ist. Das habe ich dann mit meinen Eltern besprochen. Die haben gesagt, nimm dir ein Jahr Auszeit und guck' erstmal, was das Richtige für dich ist, bevor du dich wieder irgendwo reinstürzt, zu viel lernst und zu wenig Freizeit hast. Also habe ich mich ausprobiert und bin bei Youtube geblieben.

Du hast deinen Youtube-Kanal, deinen Instagram-Account, bist jeden Tag für deine Follower verfügbar und hast auch noch dieses Buch geschrieben. Wie schaffst du das alles?

Walter: Das ist nicht so leicht. Ich hadere damit immer noch sehr. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich sehr wenige Videos hochgeladen, weil ich irgendwo Abstriche machen musste. Ich wollte das Buch nicht halbherzig schreiben, sondern voll dabei sein. Meine Mama organisiert alles, mein Freund hilft mir dabei - der hat die Kamera die ganze Zeit in der Hand. So kriege ich das dann hin. Das ist nicht mehr ein Projekt, das ich alleine mache, sondern mit einem Team.

Das sagen die Fans von Youtuberin Jana Walter

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  • Louisa (15) ist aus Hiltrup zur Signierstunde gekommen. Sie findet Jana locker und witzig. "Sie ist nicht so fake wie andere", sagt sie. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Amelie (15) hat Janas Buch noch nicht ganz durch. "Bis jetzt finde ich es sehr gut. Das Design ist sehr schön." 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Marie (18) hat mit einer Freundin schon eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung gewartet. Sie schätzt Janas Authentizität. "Man kann sich mit ihr identifizieren", sagt sie. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Lea (18) findet: "Sie ist bodenständig, so wie wir." 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Jana (15) sieht ihre Namensschwester als Vorbild: "Sie ist mega inspirierend und kommt authentisch rüber." Sie hat sich Janas Buch direkt vor der Signierstunde gekauft. 

    Foto: Pjer Biederstädt

Wie bist du dazu gekommen, ein Buch zu schreiben?

Walter: Ich hab immer schon mit dem Gedanken gespielt, Texte zu schreiben, weil das eine Leidenschaft von mir ist. Letztes Jahr hatte ich dann einen Schicksalsschlag (eine Fehlgeburt, Anm. v. d. Red.), der mich dazu gebracht hat, alles zu hinterfragen und anzuzweifeln, was es gibt auf der Welt, weil alles so bedeutungslos erschien. Und dann habe ich angefangen, meine Gedanken aufzuschreiben und einfach alles rauszulassen. Dann habe ich das ein bisschen allgemeiner formuliert, um meine Privatssphäre zu schützen, und habe das auch als Video auf Youtube hochgeladen. Die ersten Kommentare der Zuschauer waren: Schreib' doch mal ein Buch! Und schließlich kam der Verlag auf mich zu. (lacht)

Das Buch ist ein Ratgeber zum Glücklichsein. Was möchtest du deinen Lesern mitteilen, wie möchtest du ihnen helfen?

Walter: Ich möchte ihnen helfen, indem ich eine Art Orientierung biete. Und ich hab gedacht, wenn ich einfach meine Geschichte aufschreibe und zeige, wie es bei mir war, und aufzeige, dass es total normal ist, an sich zu zweifeln und dass nicht alles perfekt läuft. Das habe ich am Feedback der Zuschauer gemerkt, dass das wirklich funktioniert hat, so wie ich mir das gedacht habe. Dass sie sich wirklich in den Texten wiederfinden. Dass es nicht nur mein eigenes Tagebuch ist, das ich schreibe, sondern dass sie ihr eigenes Tagebuch darin wiederfinden, und durch den Aktivteil im Buch auch noch ihr eigenes Tagesbuch da reinschreiben können.

Da trägst du viel von dir persönlich nach außen, fühlst du dich da nicht manchmal sehr verletzlich in dieser riesigen Öffentlichkeit, der du dich da aussetzt?

Walter: Ja, ich hab zum Beispiel in dem Buch auch Themen verarbeitet, die ich auf Youtube niemals ansprechen würde, weil die Menschen einfach mehr Respekt haben, wenn es in einem Buch steht. Und es kaufen sich auch nur Leute das Buch, die sich dafür wirklich interessieren und nicht die, die dich hassen. Auf jeden Fall macht man sich damit angreifbar, und man muss sich darauf gut vorbereiten, dass Leute etwas dazu sagen, was einem nicht so passt, oder dass Leute genau diesen Schwachpunkt von dir ausnutzen, um dich öffentlich fertig zu machen.

Signierstunde in Münster: Erstes Buch von Youtuberin Jana Walter

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  • Signierstunde: Jana Walter nahm sich am Dienstag zwei Stunden Zeit für ihre Leser. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • "Jeder Tag ein Neuanfang", Janas erstes Buch, ist im Mai erschienen. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Eine lange Schlange erwartet Jana im ersten Stock der Buchhandlung Poertgen-Herder - ein Foto mit ihr bekommt trotzdem jeder. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • ... oder ein Gruppenfoto: Freund Leon, Jana, eine Leserin und Mama Michaela (v.l.). 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • ... oder allein mit Michaela, die regelmäßig in Janas Videos zu sehen ist. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Wer früh da war, hatte Glück - die Schlange wurde schnell länger. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Sie reichte einmal durch den Raum.. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • ... und um das Treppenhaus herum. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Ein Moment zum Scherzen ist für jeden da. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Jana nimmt sich die Zeit für persönliche Widmungen. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Mit ihrer lockeren Art gewinnt sie ihre Fans für sich.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Freund Leon ist mit der Kamera dabei und filmt für Janas Youtube-Kanal. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Michaela begrüßte die Wartenden schon vor Beginn der Signierstunde - und fand auch noch Zeit für das ein oder andere Gespräch. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Jana schreibt fleißig Widmungen... 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • ... und beantwortet auch einzelne Fragen. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Das geschossene Foto wird sofort begutachtet. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Vom Bildschirm ins richtige Leben: Die Fans sind begeistert, Jana persönlich kennenzulernen.  

    Foto: Pjer Biederstädt

Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Walter: Ich habe einen sehr starken Familien- und Freundeskreis, der mich unterstützt. Ich musste auch lernen, dass ich diese Dinge von außen nicht an mich ranlasse und wirklich nur das Positive daran sehe, dass ich Menschen damit helfen kann.

Wie gehst du mit diesen negativen Kommentaren um?

Walter: Ich lese das, und wenn es konstruktive Kritik ist, nehme ich mir das zu Herzen. Wenn ich merke, das sind Dinge, die mich vielleicht auch verletzen, dann lasse ich das nicht an mich ran. Es darf einem einfach nicht wichtig sein, was andere Menschen denken. Und da ich mir meines Standpunkts sehr sicher bin und zu hundert Prozent dahinterstehe, kann mir das nicht so viel anhaben.

Du wirkst in deinen Videos sehr positiv und voller Lebensfreude. Gibt es auch Momente, in denen dir das schwerfällt?

Walter: Es kommt auf das Video an. Wenn wir den Alltag mitfilmen, würde ich meine Stimmung nur wegen des Videos nicht verstellen. Und wenn es mir schlecht geht oder ich Selbstzweifel habe, dann sage ich das auch. Weil ich denke, dass man das nicht verstecken muss. Es ist keine Schwäche, sondern völlig normal. Und eigentlich bin ich ein sehr positiver Mensch.

In einem Interview mit der Westfälischen Allgemeinen von 2015 hast du gesagt, dass du Familie und Beziehung komplett aus deinen Videos raushalten willst. Wann und warum hat sich das geändert?

Walter: Ich habe für mich eine Grenze gesetzt, wo es für mich zu privat wird. Ich weiß nicht, wann sich das geändert hat. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich das gesagt habe. Meine Mom war schon immer dabei, und Leon auch. Man richtet sich auch immer ein bisschen nach dem Feedback der Zuschauer. Ich habe das erste Video von meiner Mutter hochgeladen und dann kam das so gut an: Da wollten die Zuschauer mehr über unsere Mutter-Tochter-Beziehung wissen. Dann habe ich mehr mit meinem Freund hochgeladen, dann wollten sie mehr über die Fernbeziehung wissen. Und dann überlegt man, was man bereit ist preiszugeben und was nicht. Generell ist der Kanal sehr persönlich geworden, früher war das mehr Comedy. Jetzt dreht sich alles um mein Leben.

Man spricht häufig darüber, dass sich Jugendliche in den sozialen Medien stark vergleichen und gerade dadurch ihr Selbstbewusstsein geschädigt wird. Hast du manchmal Angst, dass du vor allem deinen jüngeren Zuschauern etwas vorlebst, was sie so gar nicht erreichen können?

Walter: Da setze ich genau an und schreibe ganz lange Texte unter meinen Fotos. Ich finde, dass Instagram eine sehr ästhetische Plattform ist, auf der es um schöne Fotos geht, was leider oft damit verwechselt wird, dass schöne Fotos immer dünne Frauen beinhalten müssen. Der Knackpunkt ist doch, dass sich die vielen jungen Leute mit diesen Frauen vergleichen: mit ihrem Lifestyle, aber vor allem mit dem Körperbild. Kein Bild von mir ist retuschiert: weder Dellen in der Haut und noch die Speckrollen beim Sitzen. Durch meine Texte erhoffe ich mir, dass ich genau da ansetzen kann, und den Leuten die Augen öffnen kann und ihnen zeigen kann, wie sie zu sich finden. 

Hast du auch Momente, in denen du lieber eine ganz normale junge Frau sein willst, die niemand kennt und die nicht immer verfügbar sein muss?

Walter: Ja, manchmal. Sobald ich meine Haustür verlasse, fängt quasi die Öffentlichkeit an. Selbst wenn ich nur irgendwo in den Supermarkt gehe, gibt es immer Menschen, die mich ansprechen. Das stört mich nicht, weil die Leute in meiner Community sehr respektvoll sind. Aber manchmal, wenn man auch einen blöden Tag hat, weil die Hormone gerade auch verrückt spielen, dann denke ich mir: Eigentlich würde ich heute lieber niemanden sehen. Da will ich auch keine Kamera vor mein Gesicht halten.

Jetzt hast du schon diesen riesigen Youtube-Kanal und das Buch, was ist für dich der nächste Schritt? Was möchtest du als nächstes erreichen?

Walter: Eigentlich bin ich jemand, der in den Tag hineinlebt. Als ich meinen Youtube-Kanal gestartet habe, habe ich auch nicht gesagt: Jetzt will ich so viele Follower, dass ich irgendwann ein Buch schreiben kann, das erfolgreich wird. Ich denke mir immer: Das wird alles zur richtigen Zeit kommen. Und ich möchte noch mehr Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen, und ich möchte, dass noch mehr Menschen aufhören, sich mit irgendwelchen blöden Idealbildern zu vergleichen. Und wenn ich das weiter schaffe, und noch eine breitere Masse erreiche: also etwas Besseres könnte es für mich nicht geben. Ob das im Buch ist, auf Youtube, auf Instagram, im Fernsehen, das ist wurscht. Hauptsache, man bringt mehr Menschen dazu, umzudenken.

Könntest du dir vorstellen, in zehn Jahren noch Youtube zu machen?

Walter: Bestimmt, ja. Ich sehe da keine Grenze.

Dein Buch und die Themen, die du besprichst, haben eine bestimmte Zielgruppe. Glaubst du, dass du irgendwann zu der Zielgruppe den Kontakt verlierst, weil du dich weiterentwickelst?

Walter: Tatsächlich glaube ich, dass das eher eine meiner Stärken ist. Meine Zuschauer sind recht alt für Youtube-Zuschauer, sie sind in meinem Alter. Ich habe ein paar dabei, die sind 16, aber ich habe auch ein paar, die sind 30 oder 35. Dadurch, dass ich mich auch entwickele und mein Leben immer mitteile, und meine Follower auch mit mir wachsen und reifer werden, ist bei mir die Absprungrate relativ gering. Wenn ich ein Youtuberin wäre, die eine sehr junge Zielgruppe hätte, also zwölf- oder 14-Jährige, wäre es schwieriger, weil du irgendwann zu alt bist für diese Zielgruppe, und weil die dich vielleicht irgendwann uncool finden, wenn die älter werden. Da das bei mir aber so nah an meinem Leben dran ist, glaube ich nicht, dass das bei mir passieren wird.

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