Izzeldin Abuelaish im Borchert-Theater
Friedlichkeit erfordert Mut

Münster -

Nichts ist rätselhafter auf der Welt als der Mensch, der in ihr lebt: Die Hölle hat dem 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen ultimative Lektionen erteilt, und auch das Schicksal des palästinensischen Arztes Izzeldin Abuelaish (Jahrgang 1955) gehört zu jenen absurden Dramen, in denen der Realitätssinn ins Unvorstellbare überboten wird.

Mittwoch, 27.06.2018, 17:56 Uhr
Ein glaubwürdiger und eindrucksvoller Zeuge des Glaubens an Friedlichkeit und Toleranz: Izzeldin Abuelaish.
Ein glaubwürdiger und eindrucksvoller Zeuge des Glaubens an Friedlichkeit und Toleranz: Izzeldin Abuelaish. Foto: Günter Moseler

Nichts ist rätselhafter auf der Welt als der Mensch, der in ihr lebt: Die Hölle hat dem 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen ultimative Lektionen erteilt, und auch das Schicksal des palästinensischen Arztes Izzeldin Abuelaish (Jahrgang 1955) gehört zu jenen absurden Dramen, in denen der Realitätssinn ins Unvorstellbare überboten wird: Als Assistenzarzt in Israel verliert Abuelaish im Gaza-Krieg 2008/09 während eines israelischen Bombardements seine drei Töchter. Später schreibt er das autobiografisches Buch: „Ich werde nicht hassen“ (Lübbe-Verlag), ein Plädoyer gegen die großen Versuchungen von Hass und Rache. Im Wolfgang-Borchert-Theater fand nach einer Sondervorstellung der dramatisierten Bühnenfassung (Inszenierung: Tanja Weidner) nun ein Publikumsgespräch mit dem Autor statt.

Das Stück stellt ein Alter Ego Abuelaishs in den Mittelpunkt, das auf (fast) kahler Bühne Zweifel und Zuversicht mit alttestamentarischer Schärfe ausfechtet. Die dramaturgische Zuspitzung betont den Einsamkeitscharakter des Protagonisten in tiefster Tiefe als eine Welt für sich. Mühelos rückte danach mit der Schwerkraft der familiären Tragödie Abuelaishs die existenzielle Wucht des Privaten in den Blick.

Ein atemloses Schweigen schien nach der Vorstellung über dem Publikum zu schweben, als könne und dürfe man angesichts des Äußersten keine Frage mehr wagen. Jürgen Lorenzen in der Rolle des Arztes hatte derart authentisch alle Phasen bodenloser Verzweiflung durchlitten, dass Abuelaishs Feststellung, er habe zunächst den Glauben an Gott verloren, wie mindeste Konsequenz klang. Aber eine Art Gottesgespräch wurde zur Kehrtwende: „Er ist der eine, der sieht und hört und antwortet“, so Abuelaish, „ich fragte ihn nach Stärke und Glauben, und er gab sie mir“.

Warum er das Buch geschrieben habe: „Ich möchte, dass Sie meine Töchter im Gedächtnis behalten.“ Natürlich war auch die Herkunft entscheidend: „Als Palästinenser war mein Leben Krieg.“ Er sei ohne Hoffnung gewesen, und doch habe er nach vorne sehen wollen: „Dadurch wurde ich stärker – und verlor den Hass.“ ­Abuelaishs zentrales Fazit: „Friedlichkeit und Toleranz sind nicht Zeichen von Schwäche, sondern benötigten mehr Courage als Hass und Rache“. Der persönliche Schmerz verwandelt sich für Abuelaish spürbar in einen Imperativ radikaler Verweigerung jeglicher Kriege und für einen alternativlosen Pazifismus. Nicht jeder hat die Kraft Abuelaishs, aber dass er sie hatte, wirkte wie ein Versprechen. So war vielleicht eine Zuhörerin zu verstehen: „Ich bin glücklich, Sie gehört zu haben.“ Erschütternd hoffnungsvoll.

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