Schütteltrauma bei Säuglingen
Schlimmer als ein Sturz

Münster -

Ein Baby schreit und schreit und schreit. Über Stunden. In der Verzweiflung wird es geschüttelt, nur wenige Sekunden. Aber die Folgen bleiben meist ein Leben lang.

Mittwoch, 11.07.2018, 10:00 Uhr
Prof. Dr. Heymut Omran und Kinderärztin Maike Rödiger vom UKM zeigen am MRT-Bild die Verletzungen eines Schütteltraumas.
Prof. Dr. Heymut Omran und Kinderärztin Maike Rödiger vom UKM zeigen am MRT-Bild die Verletzungen eines Schütteltraumas. Foto: UKM

„Ein Schütteltrauma gehört zu den schlimmsten Schädelhirntraumata (SHT), die wir kennen. Viele Kinder sind danach schwerstbehindert“, sagt der Kinderneurologe Prof. Dr. Heymut Omran, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Allgemeine Pädiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) und Koordinator des SHT-Registers, einem von der EU und dem Land NRW geförderten Projekt im Münsterland.

Im Schnitt werden fünf Kinder pro Jahr am UKM mit Schütteltrauma behandelt, im vergangenen Jahr ist ein Säugling sogar an seinen Verletzungen verstorben, berichtet das UKM.

Denn die Schäden durch Schütteln seien deutlich schwerer als bei Stürzen aus einer Fallhöhe von über einem Meter, wie aus den aktuellen Zahlen des klinischen Registers hervorgeht. „Wir unterscheiden in der Medizin bei einer Schädelhirnverletzung zwischen Schweregrad I, einer Gehirnerschütterung, und den Schweregraden II oder III. Bei allen Verletzungsmustern, seien es Stürze, Schläge oder Unfälle, sind deutlich mehr als die Hälfte der Patienten Kategorie I, nur ein kleiner Teil verteilt sich auf II und III“, erklärt Maike Rödiger, die das SHT-Register mit Omran betreut.

Jedes ruckartige Vor- und Zurückbewegen eines Säuglings ist verboten

Absolute Ausnahme sei das Schütteltrauma: „Hier gibt es keine bloße Gehirnerschütterung, alle Fälle sind ausnahmslos Schweregrad II oder III“, so die Kinderärztin. Die Folgen seien dramatisch: Sie reichen von Entwicklungsverzögerungen und -defiziten bis hin zu Schwerstbehinderungen. „Wir haben Fälle gesehen, bei denen viele lebenswichtige Regionen des Gehirns zerstört waren“, sagt Rödiger.

Dabei verfügt der Kopf grundsätzlich über einen sehr guten Schutzmechanismus. „Unser Gehirn schwimmt in Flüssigkeit und ist damit bis zu einem gewissen Grad vor Stürzen oder Stößen geschützt“, erklärt Heymut Omran. Beim Schütteln funktioniere diese Pufferfunktion durch das schnelle Hin- und Herbewegen jedoch nicht mehr, und die klitzekleinen Brückenvenen zwischen Gehirn und Schädeldecke zerreißen, Blutungen entstehen.

Generell gilt: Jedes ruckartige Vor- und Zurückbewegen eines Säuglings ist verboten. „Suchen Sie mit einem Schreibaby Hilfe bei Ihrem Kinderarzt“, rät Heymut Omran. „Sollte es zu einer Kurzschlussreaktion gekommen und ein Kind tatsächlich geschüttelt worden sein, fassen Sie sich ein Herz und suchen einen Arzt auf.“

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