Fr., 13.07.2018

„Funke & Rüther“ blickten auf 30 kabarettistische Schaffensjahre zurück Moden, Maschen und Märchen

Der eine doziert, der andere interveniert: Jochen Rüther (l.) und Harald Funke bei der Premiere ihres famosen Jubiläumsprogramms.

Der eine doziert, der andere interveniert: Jochen Rüther (l.) und Harald Funke bei der Premiere ihres famosen Jubiläumsprogramms. Foto: mosi

Münster - 

Wenn die Welt rückwärts rast, verwandeln sich Katastrophen in Goldgruben – zumindest für Kabarettisten.

Von Günter Moseler

Politiker bieten derzeit der Vernunft ungerührt Paroli, der Hyperindividualismus hadert mit der Demokratie, jeder Qualitätsstandard muss die feindliche Übernahme durch Lügen befürchten. Kurz: Die Wirklichkeit wird zum Fantasieobjekt. Und so erschienen die Zeitdiagnosen des Kabarettduos „Funke & Rüther“ fantastisch und realistisch zugleich: In ihrem Jubiläumsprogramm „30 Jahre Kabarett Funke & Rüther“ entwarfen die Nostalgie-Strategen im Kreativ-Haus eine analoge Retrospektive durch Moden, Maschen und Märchen der Wendezeit. Ihre Biografie als Duo wurde zum Spiegel ambivalenter Digitalisierungs- und Mentalitätskritik.

Zurück ins Jahr 1988: Die SPD war eine Volkspartei, viele Familien hatten viele Kinder („Unsere Eltern haben noch geworfen. Auf Einzelschicksale nahm man keine Rücksicht“), die Relativitätstheorie war ein Rätsel und Gevatter Tod noch eine gefürchtete Autorität.

Jochen Rüther, der Rationale, trieb den kleinbürgerlich-zornig-zufriedenen Harald Funke mit tückischen Fragen in die Defensive. Dass der mit dem Verzehr einer Bratwurst den Regenwald vernichte, führte zu tendenziösen Spannungen. Funke schob den Oberkiefer nach vorn, als gelte es zuzuschnappen, oder er verdrehte bei jedem rhetorischen Giftpfeil die Augen.

Rüther blieb cool und schleuderte das Zauberwort „Selbstoptimierung“ in den Raum, als sei es die Speerspitze unwiderlegbarer Systemkritik. Im Trommelfeuer-Takt kam (fast) alles unter den Hammer: Flüchtlingskrise, NSU-Prozess, die „Schummel-Updates“ der Automobil-Industrie, intelligente Mobilität („Das Auto wollte parken, aber ich wollte nicht einparken!“) und Neo-Narzissmen („Heute macht man nur noch an sich selber rum“), Yoga und Alzheimer, Feldenkrais und Spinat-Smoothie. Das stylische Lebensgefühl der Anderen dominierte die Aufgeregtheiten der beiden nun etwas älteren Herren, die diversen Stationen ihrer Karriere anhand kleiner Fotos und Filme gedachten.

Die Erinnerung glich einer Fürbitte. Die Meister atemloser Digital-Kritik fremdelten wie zwei Neandertaler mit der Postpostmoderne. Die Gemütlichkeit des Analogen kehrt nicht wieder, Funke und Rüther wissen es wohl.

Auch wenn ultimative Qualitätseinbußen des Individuums beschworen wurden („Der nächste Diktator bekommt das Volk schlüsselfertig serviert“), der Tod (Funke mit Maske) schlimme Drohungen ausstieß („Ihr dürft jetzt alle ewig leben“) – es bleibt die Perspektive der „Selbstoptimierung“. Begeisterter Beifall!



https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5904010?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F