Fr., 20.07.2018

Erhard Hirt blickt auf drei Jahrzehnte Cuba-Cultur zurück Wenn Nonne und Freak verzückt sind

Erhard Hirt hielt seit Ende der 80er Jahre die organisatorischen Fäden des Cuba-Cultur (hier die Black Box) in der Hand. Seit diesem Jahr kümmert er sich „nur“ noch um Konzerte und seine eigenen musikalischen Projekte.

Erhard Hirt hielt seit Ende der 80er Jahre die organisatorischen Fäden des Cuba-Cultur (hier die Black Box) in der Hand. Seit diesem Jahr kümmert er sich „nur“ noch um Konzerte und seine eigenen musikalischen Projekte. Foto: Gerhard H. Kock

Münster - 

in „Spielraum für Ideen“, ein „Ort für Überzeugungstäter“, ein „Schmuddelkind“, das die Stadt musikalisch und künstlerisch bereichert und bereichert hat: das Cuba-Cultur. Und ein Name ist mit dieser Institution von Anfang an untrennbar verbunden: Erhard Hirt.

Von Gerhard H. Kock

Ein „Spielraum für Ideen“, ein „Ort für Überzeugungstäter“, ein „Schmuddelkind“, das die Stadt musikalisch und künstlerisch bereichert und bereichert hat: das Cuba-Cultur. Und ein Name ist mit dieser Institution von Anfang an untrennbar verbunden: Erhard Hirt. Nach drei Jahrzehnten hat der Musiker die organisatorische Verantwortung in die jüngeren Hände von Andreas Weber gelegt und blickt auf eine Erfolgsgeschichte soziokultureller Arbeit zurück . . .

1951 in Leverkusen geboren, trieb es ihn zum Studium nach Berlin, bis seine damalige Partnerin ihn nach Münster lockte. Dort hatte sich 1984 der „Verein zur Förderung und Vernetzung der Alternativkultur“ gegründet und am 12. Februar 1986 ein Domizil in der Achtermannstraße 10-12 gefunden. Schon vor seinem Pädagogik-Diplom hatte Erhard Hirt Musik gemacht, suchte jetzt einen Proberaum und rutschte beruflich ins „Culturbüro“: Anfangs sei vieles „provisorisch“ gewesen, im Kollektiv entschieden worden. „Die Hausversammlung war zentral.“

Die Stellenfinanzierung lief ab 1988 über das Arbeitsamt – ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) und ASH (Arbeit statt Sozialhilfe). Hirt: „Mal hatten wir Ehrenamt, mal ABM, mal spendete der eine dem anderen etwas, damit der weiterarbeiten konnte. Im Oktober 1990 gab es immerhin ein „Hearing zur Soziokultur“ im Kulturausschuss mit CDU-Ratsfrau Hildegard Graf. Ein wenig skeptisch bewilligte die Ampelkoalition soziokulturellen Häusern wie dem Cuba erstmal lediglich einen Betriebskostenzuschuss nach Quadratmetern. So konnten zumindest die Häuser günstiger gemietet werden. Sieben Jahre sei das so gegangen. Hirt: „Dann habe ich persönlich gesagt, wenn die Stadt meine kulturellen Aktivitäten nicht wertschätzt, höre ich auf.“

Mit der Kommunalwahl 1994 gab es eine „Kulturrevolution“ und die Wende. Es gab einen Programmzuschuss, der letztlich faktisch als Personalkostenzuschuss wirkte. Hirt: „Damit konnte man Akquise betreiben.“

Hirt kannte als Gitarrist beide Seiten, war „immer nah an den Musikern“, pflegte stets Neugier und Nähe zu den Produzenten, die sich in dem Haus auch erproben und profilieren konnten – Künstler wie Michael Kolberg, Allison Plath-Moseley, Stephan US oder Hille Schwarze. Jens Schneiderheinze und Thomas Behm probierten sich mit der „Rosa Linse“ im Cuba-Kino aus – heute können sie im Cinema mit der „Linse“ als Verein zu Förderung kommunaler Filmarbeit anspruchsvolle Produktionen zeigen.

Neben der lokalen und regionalen Vernetzung wurde das Internationale gepflegt: Riga lag noch in der UdSSR, als Hirt dort für Münster das deutsch-lettische Festival „Parmijas“ (Weichen) von 1992 vorbereitete. Beim deutsch-japanischen Kulturaustausch „Puddles“ (Pfützen) interessierte die Japaner nicht nur die Kunst, sondern auch das vorbildliche Konzept der kulturellen Selbstverwaltung.

Ein Höhepunkt und Hirts schönstes Erlebnis kam 1998. Er hatte den spanischen Komponisten Llorenç Barber für ein Glockenkonzert eingeladen. 50 Mitwirkende ließen nach Partitur die Glocken in zehn Kirchtürmen sowie dem Stadthausturm erklingen. „Als das Konzert zu Ende war und 10 000 Leute auf dem Prinzipalmarkt standen – das war ein super Gefühl.“ Das sei klassische Soziokultur gewesen: „Da saßen auf dem Domplatz nebeneinander eine Nonne und so ein ganz junger Typ im Freak-Alter. Und beide waren verzückt.“

Da waren jene Zeiten längst vorbei, als Erhard Hirt sein Werbe-Plakat für eine Klangkunst-Veranstaltung dem Museumsdirektor Klaus Bußmann noch persönlich vorlegen musste, damit es im Landesmuseum aufgehängt werden durfte.



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