Volkshochschulen
„40 Jahre alte Kursräume sind nicht unbedingt einladend“

Münster -

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Volkshochschulen in NRW, Dr. Stefan Nacke, wünscht sich nicht nur repräsentativere Räume für die VHS; er bietet im Interview mit Chefredakteur Dr. Norbert Tiemann eine viel aktivere Rolle dieser Einrichtung beim gesellschaftspolitischen Diskurs an.

Sonntag, 22.07.2018, 12:00 Uhr
Dr. Stefan Nacke ist nicht nur münsterischer CDU-Landtagsabgeordneter, sondern auch Vorsitzender des Landesverbandes der Volkshochschulen.
Dr. Stefan Nacke ist nicht nur münsterischer CDU-Landtagsabgeordneter, sondern auch Vorsitzender des Landesverbandes der Volkshochschulen. Foto: nt

Sie sind Mitglied des Landtags, seit einigen Monaten aber auch Vorsitzender des Landesverbandes der Volkshochschulen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Dr. Nacke: Das ist zum einen eine sehr spannende Aufgabe, weil es um Weiterbildung geht, um Menschen, die mit Bildung ihr Leben in die Hand nehmen und gestalten wollen. Die neue Landesregierung ist unter dem Stichwort „Aufstieg durch Bildung“ gestartet, um das Thema ganz nach vorne zu bringen. Für mich ist das auch eine Steilvorlage, sowohl im Wissenschaftsausschuss des Landtages, wo die Weiterbildung ressortiert, als auch als Lobbyist für die Volkshochschulen an die Arbeit zu gehen.

Bringt denn Ministerpräsident Laschet auch neues Geld mit im Hinblick auf die Finanzausstattung der Volkshochschulen?

Dr. Nacke: Da gibt es positive Signale. Gleich im Nachtragshaushalt hat die neue Landesregierung den letzten Konsolidierungsbeitrag von fünf Millionen Euro weggenommen und damit mehr Spielraum für die Volkshochschulen und für die Weiterbildung allgemein ermöglicht. Nichtsdestotrotz geht es bei der Novellierung des Weiterbildungsgesetzes auch darum, langfristig eine gute Ausfinanzierung der Weiterbildung zu sichern. Deswegen fordern wir vor allem eine Dynamisierung der Landesgelder.

Rücknahme des Konsolidierungsbeitrages heißt was genau?

Dr. Nacke: Es ist sozusagen ein geplanter Sparbeitrag zurückgenommen worden. Dadurch sind wir jetzt ungefähr wieder auf dem Stand von vor circa 20 Jahren.

Die Volkshochschulen bieten ein breit gefächertes Weiterbildungsprogramm an, vom Nachholen von Schulabschlüssen bis hin zum Internetkursus. Wo sehen Sie zukünftig die Schwerpunkte?

Dr. Nacke: Da gibt es zwei Dimensionen. Einerseits gibt es weiterhin die Vielfalt. Sprachkurse sind wichtig und waren seit Jahrzehnten das Markenzeichen der Volkshochschulen, genauso wie kulturelle Angebote oder Leistungen im Bereich der Gesundheitsprävention. Aber Volkshochschule kann auch spontan auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren. Als die vielen Flüchtlinge kamen, war die große Frage: Wen kann man ansprechen, um Sprach- und Integrationskurse zu veranstalten? Die Volkshochschulen haben sich landesweit eingebracht und übernehmen bis heute viele Aufgaben.

Und die zweite Dimension?

Dr. Nacke: Es gibt neue gesellschaftspolitische Herausforderungen, hier ganz sicher die Frage der politischen Bildung angesichts des wachsenden Populismus. Es wird eine wichtige Aufgabe für die Volkshochschulen sein, gesellschaftliche Diskurse mitzugestalten und eine Öffentlichkeit herzustellen. Ich habe einen breiten Bildungsbegriff, für mich sind Volkshochschulen kommunale Kommunikationsagenturen.

Sehen Sie im kommunalen Bereich eine stärkere Rolle für die VHS als in der Vergangenheit?

Dr. Nacke: Eine Studie hat ergeben, dass die Marke VHS so bekannt ist wie Edeka. Aber die Funktion, was Volkshochschule für eine Stadtgesellschaft leisten kann, ist noch nicht bewusst genug. Ich glaube, dass die Kommunalpolitik noch mehr erkennen muss, dass Volkshochschulen nicht nur von Gesetzes wegen kommunale Pflichtaufgabe sind, sondern auch Partner bei der Gestaltung von politischen Debatten und bei der Entwicklung von Projekten sein können. Wir können Veranstaltungsformate entwickeln und bei der Vermittlung von politischen Entscheidungsprozessen in die Bürgergesellschaft helfen.

Blicken wir in unsere Heimatstadt Münster. Sind Sie mit der Rolle und der Wahrnehmung der Volkshochschule in der Stadt zufrieden?

Dr. Nacke: Die Volkshochschule in Münster ist unheimlich effektiv und produktiv. Es finden sehr viele Kurse statt. Wenn man allerdings im Stadtbild nach der Volkshochschule sucht, dann wird man auf ein Parkhaus verwiesen. Da stellt sich die Frage, ob die Bildungsstadt Münster wirklich gut daran tut, sich als öffentliche Einrichtung für Bildung mit dem Aegidiiparkhaus darzustellen. Es wäre sinnvoll, dass die Volkshochschule einen anderen, repräsentativen Ort bekommt, wo auch die Wertschätzung der Kommune, der Politik und der Stadtgesellschaft gegenüber diesen wichtigen Themen besser zum Ausdruck kommt.

Ist das eine politische Forderung, oder ist das Wunschdenken des Landesvorsitzenden?

Dr. Nacke: Ein Landesvorsitzender wünscht sich so etwas. Es gibt andere Standorte in anderen Kommunen, wenn man beispielsweise nach Hamm, Essen, Bonn oder Duisburg schaut, wo sehr große Bauvorhaben gemacht wurden, wo tolle öffentliche Räume entstanden sind, die für die Stadtgesellschaften sehr wichtig geworden sind und hohe Frequenzen haben. Das ist die eine Perspektive. Da guckt man sozusagen aus Landesperspektive auf Münster und sagt: da ist Entwicklungspotenzial. Als Bürger dieser Stadt wünsche ich mir das allerdings auch, denn diese wichtige Aufgabe muss auch wertgeschätzt werden. Wenn 40 Jahre alte Kursräume im Originalzustand mit gelben Vorhängen angeboten werden, dann ist das für die Münsteraner nicht unbedingt einladend.

Haben Sie auch eine Idee für einen Standort? Der Hörsterplatz war ja mal im Gespräch?

Dr. Nacke: Das ist eine städteplanerische Aufgabe, bei der sich der Rat und die Verwaltung positionieren müssen. Grundsätzlich gilt, Volkshochschulen bringen Tausende Menschen an einen Ort und tragen damit zur Belebung ihres Viertels bei. Das ist auch für den Handel und die Gastronomie sehr interessant. Sie sollten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und so zentral gelegen sein, dass sie eine Spannungseinheit mit den anderen bildungs- und kulturpolitischen Institutionen wie der Stadtbibliothek, dem Theater, aber auch dem Rathaus bilden.

Münster ist Stadt der Lebensart und Wissenschaft. Würden Sie der Volkshochschule in diesem Kontext einen höheren Stellenwert einräumen?

Dr. Nacke: Ja. Weil nicht nur die primäre, sekundäre und tertiäre Bildung, also Schule, Berufsschule und Universitäten, wichtig ist, sondern eben auch die Erwachsenenbildung. Die Gesellschaft ist dynamisch, und damit möglichst viele Schritt halten können, bedarf es der Weiterbildung. Die Menschen lernen ein ganzes Leben, und die Volkshochschulen gewährleisten mit ihren Angeboten im Wortsinne preiswerte „Bildung für alle“. Mit ihrem Bildungsauftrag hat die Volkshochschule eine sozialpolitische und eine gesellschaftspolitische Funktion. Münster ist eine Bildungsstadt, dabei geht es eben um „Bildung für alle“ und nicht nur um Bildung für Schüler, Azubis und Studenten.

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