„Seicento vocale“ in der Aegidiikirche
Menschliche Stimme in vielen Farben

Münster -

Jephte, der erfolgreiche Heerführer der Israeliten im Krieg gegen die Ammoniter, kehrt nach beendeter Schlacht heim und trifft als erstes auf seine ihn freudig begrüßende Tochter. Eine Katastrophe! Hatte Jephte doch gelobt, das Erste, was ihm nach dem Kampf begegnen würde, seinem Gott als Opfer darzubringen. Ein fürchterliches Schicksal, dass der frühbarocke italienische Komponist Giacomo Carissimi um 1650 in Töne gekleidet hat.

Montag, 23.07.2018, 18:38 Uhr
Das junge Ensemble „Seicento vocale“ sorgte in der Aegidiikirche für ein volles Haus und erhielt überschwänglichen Beifall.
Das junge Ensemble „Seicento vocale“ sorgte in der Aegidiikirche für ein volles Haus und erhielt überschwänglichen Beifall. Foto: Christoph Schulte im Walde

Jephte, der erfolgreiche Heerführer der Israeliten im Krieg gegen die Ammoniter, kehrt nach beendeter Schlacht heim und trifft als erstes auf seine ihn freudig begrüßende Tochter. Eine Katastrophe! HatteJephte doch gelobt, das Erste, was ihm nach dem Kampf begegnen würde, seinem Gott als Opfer darzubringen. Ein fürchterliches Schicksal, dass der frühbarocke italienische Komponist Giacomo Carissimi um 1650 in Töne gekleidet hat.

Am Sonntag gab das Ensemble „Seicento vocale“ mit diesem knapp halbstündigen Oratorium rund um das Jephte-Drama aus dem Ersten Testament seine musikalische Visitenkarte ab. Wobei die Aegidii-Kirche all die erwartungsvoll gestimmten Zuhörer gerade noch zu fassen vermochte. Sprich: die Kirche war rappelvoll.

Und die Visitenkarte des noch jungen Ensembles schillerte in brillanten Farben. So wie Carissimis Musik. Auch wenn Ohren des 21. Jahrhunderts nicht mehr viel vom Vokabular des 17. Jahrhunderts unmittelbar verstehen. Gesten und Affekte (einst wie selbstverständlich zu entschlüsseln) sind uns heute nicht mehr vertraut. Dennoch: So plastisch, so eindringlich, so emotional nachvollziehbar wie hier in der Lesart der 17 von Alexander Toepper vom Cembalo aus geleiteten Sängerinnen und Sängern ist die Klangwelt eines Carissimi kaum einmal zu erleben. Trompeten und Pauken ertönten da in knackigen Akkorden, Zimbeln glitzerten mit quirligen Koloraturen – und natürlich war der Klage, der Trauer und Verzweiflung viel. Dies alles entfaltet durch nur eine „instrumentale“ Farbe: die der menschlichen Stimme.

„Seicento vocale“ verfügt über ein Potenzial, das unglaublich sensibel und differenziert in all die menschlichen Regungen dieser „Story“ hineinleuchtete. Wie eine veritable Oper wirkte das Ganze – mit turbulenten Chören, expressiven Rezitativen und (was das finale Chor-Lamento anging) mit betörend anrührenden Tränen in den Stimmen.

Dass sich „Seicento vocale“ auf absolut professionellem Niveau bewegt, belegten nicht zuletzt auch Carissimis Psalm „Beatus vir“ und dessen zwölfstimmige Messe „L’Homme armé“. Das war Chorklang vom Feinsten, vom kraftvoll runden Tutti ohne jede Schärfe bis hin zum subtil geflüsterten Pianissimo wie jenem im „Crucifixus“ der Messe. Musik mit Tiefgang, die auch ein Publikum des 21. Jahrhunderts unmittelbar erreicht. Überschwänglicher Beifall für das junge Ensemble.

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