Mehr miteinander reden
Kommunikationsforscher zum Fall Özil

Münster -

Es gibt die Anschauung, dass viele gravierende Probleme auf Kommunikationsfehlern beruhen. Ein Satz, den Dr. Jörg-Uwe Nieland vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster, im Fall Özil uneingeschränkt unterschreiben würde. Nieland forscht speziell zum Thema Sportkommunikation – und in diesem Feld ist Skandalisierung eine häufige Zutat. Das zeige die aktuelle Debatte um den aus der Fußball-Nationalmannschaft zurückgetretenen Spieler, wie Nieland sagt.

Dienstag, 24.07.2018, 21:00 Uhr
Kommunikationswissenschaftler Dr. Jörg-Uwe Nieland: Im Fall Özil ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann.
Kommunikationswissenschaftler Dr. Jörg-Uwe Nieland: Im Fall Özil ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Foto: WWU

Die Kommunikationswissenschaft hat als Fachgebiet die Disziplin Krisenkommunikation. Sie lehrt Strategien, die helfen, Eskalation zu vermeiden. Auf diesem Feld, so sagt Jörg-Uwe Nieland, sei von Anfang an „von allen einfach alles falsch gemacht worden“. Keiner der Beteiligten, weder Özil, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) noch politische Repräsentanten, hätten sich angemessene Gedanken gemacht, was der Fall habe auslösen können – wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft und vor den Präsidentschaftswahlen in der Türkei.

Das hätte der Kommunikationsforscher Özil geraten

Nieland hätte Özil geraten, „sich unmittelbar nach dem gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan selbstkritisch zu äußern, sich dafür zu entschuldigen, dass er so ein falsches Signal ausgesendet“ habe.

„Es musste Özil klar sein, dass er durch das Foto von der Politik instrumentalisiert wird“, betont Nieland. Dass Özil womöglich Erdogan wirklich habe unterstützen wollen, dürfe keine Rolle spielen: „Es geht nicht für einen Fußballer vom Format Özils, sich als Erdogan-Fan zu präsentieren“, stellt Nieland klar.

Chronologie: Mesut Özil und die Erdogan-Affäre

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  • Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, hält zusammen mit Mesut Özil ein Trikot von Özil.

    14. Mai: Bilder von Özil und Gündogan kurz vor der WM-Nominierung sorgen für Wirbel. Die Profis lassen sich in London mit dem türkischen Staatschef Erdogan ablichten. Die Fotos werden von Erdogans Partei veröffentlicht. Es hagelt Kritik.

    Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa
  • Mesut Özil (l) und Ilkay Gündogan (r) aus Deutschland stehen beim Training neben Bundestrainer Joachim Löw.

    15. Mai: Die beiden in Gelsenkirchen geborenen Spieler mit türkischen Wurzeln stehen im WM-Aufgebot von Bundestrainer Löw. Kritik gibt es weiter. DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht von einem «Fehler» der beiden. Er mahnt aber einen maßvollen Umgang mit dem Thema an.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • : Das Handout des Bundespresseamtes zeigt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r), der sich mit den beiden deutschen Fußball-Nationalspielern Ilkay Gündogan (l) und Mesut Özil während ihres Treffens in Schloss Bellevue unterhält. Steinmeier teilte am Samstag mit, beide Spieler hätten den Wunsch geäußert, ihn zu besuchen. Es sei ihnen wichtig gewesen, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

    19. Mai: Özil und Gündogan treffen in Berlin mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen. Zudem führen sie ein klärendes Gespräch mit der DFB-Spitze. Wie sich die beiden Fußballstars intern genau erklären, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

    Foto: Guido Bergmann/Bundespresseamt/dpa
  • Mesut Özil (l) und Ilkay Gündogan bei Dehnungsübungen während des Mannschaftstrainings auf dem Trainingsgelände am Sportzentrum Rungg.

    2. Juni: Die Diskussion ist auch zwei Wochen nach dem Erdogan-Treffen nicht beendet. Beim Testspiel in Österreich gibt es aus dem deutschen Fanblock vereinzelt Pfiffe gegen die zwei deutschen Nationalspieler.

    Foto: dpa Christian Charisius/dpa
  • Mesut Özil (l) und Ilkay Gündogan aus Deutschland stehen vor dem Spiel vor der Ersatzbank.

    5. Juni: Özil schweigt weiter. Gündogan erklärt sich auf dem Medientag der Nationalmannschaft einzelnen Medien. «Wir haben aufgrund unserer türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin», sagt Gündogan in einem dpa-Interview. Özil und er hätten niemals «ein politisches Statement» setzen wollen.

    Foto: Christian Charisius/dpa
  • Das Handout des Deutschen Fußball Bundes zeigt Bundestrainer Joachim Löw (l-r), den Nationalspieler Mesut Özil, DFB-Präsident Reinhard Grindel, den Nationalspieler Ilkay Gündogan und den Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, in einem Hotel. Sie trafen sich zu einem persönlichen Gespräch über die umstrittenen Sympathiekundgebungen der beiden Spieler für den türkischen Präsidenten Erdogan.

    7. Juni: Oliver Bierhoff versucht, eine Woche vor dem WM-Start die Debatte mit einer Basta-Ansage zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Ich bin der Meinung, wir haben sehr viel gemacht - und jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Südtirol.

    Foto: Getty Images/DFB/dpa
  • Mesut Özil nach der EM-Qualifikations-Partie der Gruppe 9 gegen Nordirland im Stadion am Zoo.

    8. Juni: Der Wunsch geht nicht in Erfüllung. Die Pfiffe gegen Gündogan sind beim 2:1 gegen Saudi-Arabien lauter als in Österreich. Der Mittelfeldspieler verlässt die Leverkusener Arena niedergeschlagen. «Das hat mich schon geschmerzt», sagt Löw. Die Teamkollegen rätseln. «Wir sagen immer, das Thema ist beendet. Anscheinend ist das nicht der Fall», stellt Sami Khedira fest.

    Foto: Achim Scheidemann/dpa
  • 9. Juni: Von Özil ist weiterhin nichts zu hören. Der 27-jährige Gündogan twittert trotz der Fan-Pfiffe gegen ihn: «Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen.»

    Foto: dpa
  •  Präsident der Deutschen Fußball Liga Reinhard Rauball

    10. Juni: Ligapräsident Reinhard Rauball kritisiert den  DFB  für sein Krisenmanagement in der Causa Özil/Gündogan. «Das Thema ist in der Tat unterschätzt worden», sagt er der « Bild am Sonntag ». «Und ich glaube auch, dass man es nicht alleine mit den Maßnahmen und Erklärungen, die bisher erfolgt sind, aus der Welt schaffen kann.»

    Foto: Arne Dedert/dpa
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält sich während eines gemeinsamen Abendessens mit der Nationalmannschaft im EM-Quartier mit Mesut Özil (l-r), Tim Wiese und Sami Khedira.

    12. Juni: Die «Sport Bild» berichtet über ein «separates, vertrauliches Sechsaugen-Gespräch» von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Özil und Gündogan im Trainingslager.

    Foto: Guido Bergmann/Bundesregierung Pool/dpa
  •  Trainer Joachim Löw (r) spricht an der Seitenlinie mit Mittelfeldspieler Mesut Özil.

    13. Juni: Bundestrainer Joachim Löw sagt nach der Ankunft im WM-Quartier in Watutinki, es sei nun seine Aufgabe, Özil und Gündogan in Form zu bringen. Für ihn sei «zu diesem Thema alles gesagt».

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Sami Khedira, Jerome Boateng, Mesut Oezil und Lukas Podolski (l-r) scherzen miteinander während sie sich beim Training warmlaufen.

    14. Juni: Kapitän Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam.

    Foto: Arne Dedert/dpa
  • Team-Manager Oliver Bierhoff hört bei einer Pressekonferenz im Sportzentrum Rungg zu.

    15. Juni: Teammanager Bierhoff will die weitere Beschäftigung mit der Erdogan-Affäre vertagen: «Nach der WM ist ja auch Zeit.»

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Joachim Löw, Fußball-Bundestrainer, kommt zu einem Pressestatement aus der DFB-Zentrale.

    16. Juni: In einem «Spiegel»-Interview sagt Löw: «Diese beiden Spieler sind in Deutschland wirklich gut integriert. Das kann ich versichern.»

    Foto: Boris Roessler/dpa
  • Deutschland - Mexiko im Luschnikistadion. Mesut Özil aus Deutschland vor dem Spiel bei Abspielen der Nationalhymne.

    17. Juni: Kapitän Neuer sagt der «Bild am Sonntag» zur Erdogan-Affäre: «Am Anfang hat das schon ein bisschen gestört in der Mannschaft, war sogar belastend.» Dies sei nun aber Vergangenheit. Den WM-Auftakt verliert das deutsche Team 0:1 gegen Mexiko. Özil enttäuscht, Gündogan bleibt auf der Bank.

    Foto: Federico Gambarini/dpa
  •  Mesut Özil sitzt beim Training auf dem Trainingsgelände am Sportzentrum Rungg auf einem Ball.

    23. Juni: Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg.

    Foto: Christian Charisius/dpa
  • Südkorea - Deutschland in der Kasan-Arena. Mesut Özil aus Deutschland geht in die Halbzeitpause.

    27. Juni: Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • 29. Juni: Özil schreibt drei Tage nach dem WM-Aus bei Twitter: «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinweg zu kommen.»

    Foto: dpa
  • 1. Juli: Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen».

    Foto: dpa
  • : Team-Manager Oliver Bierhoff spricht bei einer Pressekonferenz am Sportzentrum Rungg.

    6. Juli: Oliver Bierhoff irritiert mit Aussagen in einem «Welt»-Interview: «Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.» Später rudert Bierhoff zurück und fühlt sich missverstanden. Es sei nicht falsch gewesen, Özil mit zur WM zu nehmen.

    Foto: Christian Charisius/dpa
  • Reinhard Grindel, DFB-Präsident, kommt zu einem Pressestatement aus der DFB-Zentrale.

    8. Juli: DFB-Präsident Grindel fordert via «Kicker» eine öffentliche Erklärung von Özil. Dieser solle sich «auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern».

    Foto: Boris Roessler/dpa
  • 22. Juli: Özil bricht sein Schweigen. 

    Foto: dpa
  • 22. Juli: Er verteidigt in den sozialen Netzwerken seine Fotos mit Erdogan, attackiert den DFB und dessen Chef Grindel scharf und erhebt auch schwere Vorwürfe gegen deutsche Medien und einen DFB-Sponsor.

    Foto: dpa
  • 22. Juli: «Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre», schreibt Özil.

    Foto: dpa

Und der Deutsche Fußball-Bund?

Auch er habe sich völlig falsch verhalten, besonders als er Özil die Verantwortung für das Scheitern der deutschen Mannschaft bei der WM zugeschoben habe. Außerdem: „Der DFB konzentriert sich in der Kommunikation zu sehr auf Geld und Erfolg, zu wenig darauf, welchen gesellschaftlichen Beitrag er durch den Sport zu leisten hat“, kritisiert Nieland. Dabei gebe es reichlich gelungene Beispiele für erfolgreiche Integration – und Nieland erinnert daran, dass Rassismus-Debatten im Zusammenhang mit prominenten Fußballern auch ganz anders geführt werden können. Als der AfD-Politiker Alexander Gauland vor einigen Monaten öffentlich behauptete, Jérôme Boateng sei als Nachbar unter Deutschen unerwünscht, erhob sich ein Aufschrei der Entrüstung, für Nieland „die angemessene Reaktion“.

„Viel mehr miteinander reden, nicht übereinander“

Die Debatte, die jetzt mit großer Wucht geführt werde, spiele rechtsgerichteten Kräften wie Erdogan in der Türkei und der AfD in Deutschland in die Karten.

Es sei aber falsch, „Özil dafür verantwortlich zu machen, dass nun eine hochgeschaukelte ungute Debatte über Rassismus in unserer Gesellschaft geführt“ werde, denn: „Es gibt durchaus ein Rassismus-Problem, es gibt Probleme mit der Integration“, sagt Nieland. Dass die jetzt hochgekochte Auseinandersetzung noch eine gute Debatte werden könne, da hat Nieland wenig Hoffnung.

Und jetzt? Nieland rät, „viel mehr miteinander zu reden, nicht übereinander“. Özil, der DFB, die Politik, vor allem aber jeder mit jedem: Deutschstämmige mit Zuwanderern und umgekehrt.

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