Abriss und Nachverdichtung
Bewohner sorgen sich um ihr Zuhause in der Aaseestadt

Münster -

Eine gehörige Portion Enttäuschung klingt mit, wenn Raphaela Endres sagt: „Wir sind die Verlierer in der wachsenden Stadt.“ Seit über 30 Jahren wohnt sie als Mieterin der Wohn- und Stadtbau an der Mierendorffstraße in der Aaseestadt. Sie kennt viele Ältere und Alleinstehende, die dort noch viel länger leben.

Samstag, 28.07.2018, 10:00 Uhr
Gut kann man auf diesem Foto erkennen, dass zwischen den Wohnblocks an der Mierendorffstraße (Mitte) große Freiflächen verbleiben. Die Wohn- und Stadtbau als Eigentümerin möchte zusätzliche Wohnungen und größere Gebäude schaffen.
Gut kann man auf diesem Foto erkennen, dass zwischen den Wohnblocks an der Mierendorffstraße (Mitte) große Freiflächen verbleiben. Die Wohn- und Stadtbau als Eigentümerin möchte zusätzliche Wohnungen und größere Gebäude schaffen. Foto: Cengiz Sentürk

Seit Wochen gebe es auf der Straße nur noch ein Thema, berichtet die Anwohnerin, die sich jetzt in der Bür­ger­ini­ti­ative Aaseestadt engagiert. Gemeint ist der geplante Abriss von Häusern im Quartier. Ab Mitte des kommenden Jahrzehnts sollen sie größeren Neubauten Platz machen.

90 zusätzliche Wohnungen geplant

Im Gespräch mit unserer Zeitung hat der Geschäftsführer der Wohn- und Stadtbau, Dr. Christian Jaeger, bereits erklärt, dass sein Unternehmen auf dem bestehenden Gelände in einem ersten Schritt 90 zusätzliche Wohnungen schaffen möchte. Um den Mietern in den abzureißenden Gebäuden eine Ersatzwohnung anbieten zu können, wird laut Jaeger zuvor ein Neubau an der nahe gelegenen Bonhoefferstraße erstellt.

Die Hälfte der Mieter ist über 70

Raphaela Endres schätzt, dass mindestens 50 Prozent der Mieter, die von einem Abriss betroffen wären, 70 Jahre und älter sind. „Die Menschen wollen ihre Wohnungen behalten.“ Die Vorstellung, dass ihnen möglicherweise noch zwei Umzüge bevorstünden, sei der Horror.

Bei der Nachverdichtung gehen die bestehenden und funktionierenden Nachbarschaften unwiederbringlich kaputt.

Prof. Lothar Bertels

Prof. Lothar Bertels besitzt an der Mierendorffstraße eine Eigentumswohnung und gehört damit nicht zum Kreis der möglichen Betroffenen. Gleichwohl sieht er den angestrebten Wandel sehr kritisch: „Bei der Nachverdichtung gehen die bestehenden und funktionierenden Nachbarschaften unwiederbringlich kaputt.“ Das Quartier Leuschnerstraße und Mierendorffstraße sei zwar in die Jahre gekommen, präsentiere sich aber sehr homogen. „Es bestehen weder städtebauliche noch soziale Probleme.“

Angst und Verunsicherung machen sich breit

Das Ziel der Schaffung zusätzlicher Wohnungen in der Aaseestadt, so die Überzeugung des Anwohners, rechtfertige nicht die Zerschlagung der bestehenden Struktur. Ganz abgesehen davon habe der Negativtrend bereits eingesetzt: „Es herrscht große Verunsicherung und auch Angst im Quartier.“

Viel Kritik an „Quartiersaufwertung“

Günter Maatz, Mieter an der Leuschnerstraße und ebenfalls in der Bürgerinitiative aktiv, ist besonders verärgert darüber, dass der geplante Abriss als „Quartiersaufwertung“ dargestellt werde. Vor einigen Jahre habe die Wohn- und Stadtbau damit angefangen, die Wünsche der Bewohner abzufragen und versuche jetzt, die Nachverdichtung damit zu rechtfertigen. Auch die Info-Veranstaltung im Mai, bei der die Anwohner über das geplante Konzept informiert worden seien, habe offiziell unter dem Titel gestanden: „Generationengerechtes Wohnen im Quartier Aaseestadt“.

In der Tat gibt hier bereits Überlegungen der Wohn- und Stadtbau, eine Kita auf dem Gelände zu bauen, aber auch eine Senioren-Wohngemeinschaft. Alles freilich um den Preis eines Abrisses bestehender Häuser. Raphaela Endres mag daran gar nicht denken: „Das hier ist unser Zuhause.“  

Kommentar: Bagger und Biografien

Zugegeben: Die Schaffung neuer Wohnungen steht vollkommen zu Recht oben auf der politischen Agenda in Münster. Jeder, der city-nahe Quartiere von der Nachverdichtung ausnehmen möchte, muss sich rechtfertigen. Diesen Druck verspüren aktuell auch viele Mieter in der Aaseestadt.

Zu ihren Gunsten sei aber darauf hingewiesen, dass sie für das Ziel zusätzlicher Wohnungen einen besonders hohen Preis bezahlen sollen. Die Wohn- und Stadtbau möchte ihre Häuser abreißen und durch größere ersetzen. Wir reden also über mehr als über Baustellenlärm, einen veränderten Terrassenausblick oder parkende Autos vor der Haustür. Gerade für Ältere, die seit Jahrzehnten in dem gleichermaßen unspektakulären wie grünen Quartier leben, geht es um einen Teil ihrer Biografie, dem der Bagger zu Leibe rückt.

Es kann nicht das Ziel sein, der städtebaulichen Unveränderbarkeit der Aaseestadt das Wort zu reden. Aber Ehrlichkeit wäre schon angebracht: Der überall zu spürende Druck zur Nachverdichtung ist unter anderem die Folge einer verfehlten Baulandpolitik.

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