Roxeler Klaus Hahn ist neuer Präsident des Blindenverbandes
„Dicke Bretter gebohrt“

Münster -

Mehr als sein halbes Leben lang engagiert sich Klaus Hahn schon für die Belange von blinden und sehbehinderten Menschen. Der Roxeler, der als Jurist im Landesdienst arbeitete, wurde im Juni zum Präsidenten des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes gewählt. Im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Arndt Zinkant erzählt er, wo der Schuh drückt – in Münster und anderswo.

Samstag, 28.07.2018, 13:00 Uhr aktualisiert: 29.07.2018, 16:28 Uhr
Klaus Hahn ist frisch gewählter Präsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.
Klaus Hahn ist frisch gewählter Präsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Foto: Arndt Zinkant

Wie ist Münster als Stadt für Sehbehinderte aufgestellt?

Klaus Hahn: Mittelprächtig. Die Einstellung der Menschen finde ich hier zum Glück überwiegend positiv. Allerdings hatten wir viele Jahre mit der Stadtverwaltung das Problem, dass diese sich nicht an einheitliche Standards in puncto Barrierefreiheit halten wollte. Bei der Kennzeichnung von Bushaltestellen gibt es seit den 80er-Jahren bundesweite Richtlinien, die leider erst nach 2000 in eine DIN-Norm umgesetzt wurden. Das Tiefbauamt hat sich da immer konträr verhalten. Auch was die Ampelgeräte angeht, hat man versucht, sich den Standards zu widersetzen. Dadurch gibt es hier einen großen Nachholbedarf.

Wie kommt das?

Hahn: Einzelne Leute im Tiefbauamt dachten offenbar: „Das brauchen wir nicht.“ Da haben wir sehr dicke Bretter bohren müssen. Ein Beispiel sind die Signalgeber an den Ampeln: Wenn ich mitten auf der Straße bin, mit entgegenkommenden Leuten, fehlt mir oft die Sicherheit, ob ich noch geradeaus gehe. Wenn man nun an der Ampel unten auf einen Pfeil drückt, wird ein Signalton gegeben, der mir das Grün und die Richtung signalisiert. Diese Funktion ist in Münster jahrelang stillgelegt worden, weil man dieses zusätzliche Geräusch nicht wollte. Seit einigen Jahren haben wir aber sehr kooperative Ansprechpartner, die sehr bemüht sind, den Rückstau aufzulösen.

Münster schreibt sich eigentlich vorbildliche Verkehrspolitik auf die Fahnen. Stichwort Fahrradhauptstadt.

Hahn: Hier werden meist die Konflikte zulasten der Fußgänger gelöst. Schauen Sie sich die aktuelle Promenaden-Diskussion an: unsäglich. An der Promenadenkreuzung Windthorststraße hat man gewaltige Fußgängerströme zwischen Bahnhof und Stadt. Die Überquerung der Promenade ist schon jetzt kaum möglich, weil die Radfahrer durchbrettern und oft den Zebrastreifen benutzen. Wenn die nun aber noch Vorfahrt haben – wie soll man da noch über die Promenade kommen?

Welche Probleme im Verkehr haben Sehbehinderte außerdem?

Hahn: Vor etwa 20 Jahren gab es zwischen rotem Rad- und grauem Fußweg noch eine Kante; zum Beispiel am Schlossplatz. Da konnten wir mit unserem Stock ertasten, wo der Gehweg aufhört. Das ist beseitigt worden, weil die Radfahrer das für gefährlich erachteten. Oder: Wenn ich wie vorhin am Bült aussteige, weiß ich oft nicht, ob ich auf dem Fußweg bin oder nicht. An der Hauswand kann ich mich nicht orientieren, weil dort Fahrräder stehen.

Wie sind Sie zum Blinden- und Sehbehinderten-Verband gekommen?

Hahn: Als Betroffener bin ich schon sehr lange in der Selbsthilfe aktiv, war hier in Münster im Vorstand und im Landesvorstand Westfalen 20 Jahre Vorsitzender. Wie sich das eben so entwickelt, bin ich dann ins Präsidium des Bundesverbandes gekommen. Die bisherige Präsidentin hatte nach Zwölfjähriger Amtszeit gesagt: „Ich heiße nicht Angela Merkel.“ Und kandidierte nicht noch mal. (lacht)

Ab wann beginnt der offizielle Terminus „Sehbehinderung“?

Hahn: Ich habe als Grundschulkind noch relativ normal gesehen. Eine krankheitsbedingte Sehverschlechterung führte im Laufe der Zeit zur völligen Erblindung. Die offizielle Abgrenzung der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt bei 30 Prozent auf dem besseren Auge. Aber seit etwa 30 Jahren möchten wir keine Menschen, die sich an uns wenden, mit der Begründung zurückweisen: „Du siehst noch zu viel.“ Das darf nicht sein.

Und deshalb beraten Sie generell Menschen mit Augenproblemen?

Hahn: Ja, es gibt ein Beratungsnetzwerk „Blickpunkt Auge“. Auch hier in Münster, NRW-weit um die 60. Das sind Ehrenamtliche. Vor 40 Jahren hatten die vollblinden Menschen noch Sorge, nach dem Motto: „Unter den Blinden ist der Einäugige König. Die dominieren uns“, das ist aber nicht eingetreten.

Was sind Ihre Aufgaben als Verbandspräsident?

Hahn: Ich sehe mich unter anderem als Bindeglied zwischen den Mitgliedsorganisationen; der Bundesverband hat 20 regionale Untergliederungen. Außerdem 35 Organisationen, die im Umfeld der Blindenverbände tätig sind – beispielsweise die Westdeutsche Blindenhörbücherei oder Organisationen, die sich um bestimmte Diagnostik kümmern – ­„Pro Retina“ zum Beispiel im ­Bereich Netzhauterkrankungen.

In Münster ist auch Inklusion ein Thema. Ich erinnere mich an eine blindengerechte Vorstellung im „Cinema“…

Hahn: War das dieser koreanische Thriller „Blind“? Da war ich auch. In dem Punkt geht es gut weiter. Unser Verband verleiht seit 2002 den deutschen Hörfilmpreis. Das meint die textliche Beschreibung des Filmgeschehens. Unser Verband ist Alleingesellschafter der Deutschen Hörfilm GmbH, die das betreibt. Dort können ARD, ZDF oder andere Produzenten sagen: „Wir haben hier einen Film, macht uns die Audiodeskription. Zu dem Team sollten auch Sehbehinderte gehören. Wenn etwa der Ganove seinen Revolver durch die Tür schiebt, das kriege ich ja nicht mit!

Welche berühmten Filme haben Sie gern mit den ­Ohren „gesehen“?

Hahn: Voriges Jahr hatte ich Gelegenheit, den Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Audiodeskription zu sehen. Der ist ja berühmt für seine langen Schweigephasen. Dann hat man keinen Plan, was los ist – nur Musik! Als Jugendlicher habe ich den im Kino „gesehen“ und mich zu Tode gelangweilt. (lacht)

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