Sa., 04.08.2018

Gefährliches Kanalvergnügen: Ein Blick aus der Führerkabine Kapitän Duhr zählt Schwimmer durch

Gefährliches Kanalvergnügen: Ein Blick aus der Führerkabine: Kapitän Duhr zählt Schwimmer durch

Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Der 15-Meter-Sprung von der Hessenwegbrücke, der am vergangenen Wochenende für einen jungen Mann tödlich endete, beschäftigt aktuell die Gemüter. Aber nicht nur Brückenspringer setzen sich in diesen Hitzetagen am Kanal der Gefahr aus, sondern alle, die dort herumpaddeln.

Von Arndt Zinkant

Sei es, dass sie von einem Ufer zum anderen schwimmen oder in einem Schlauchbötchen zu weit in die Mitte treiben. Die Strömungen, welche die „dicken Pötte“ verursachen, können hochgefährlich sein und schlimmstenfalls für Leichtsinnige in der Schiffschraube enden.

„Diese Jungs sind äußerst leichtsinnig!“ Kapitän Hans Peter Duhr sagt es nicht empört, aber energisch. Er kennt natürlich die Kanäle im Sommer und weiß, dass sich Badevergnügen kaum unterbinden lässt. Er weiß aber auch, was alles passieren kann. Ihm selber ist zwar noch kein Schwimmer unter den Bug geraten – „ich bin seit über 50 Jahren unfallfrei“, sagt Duhr nicht ohne Stolz.

Aber wenn er einen Pulk von zwölf bis 15 Leuten im Kanal sieht, macht er gern eine Kontrolle: „Ich zähle die manchmal vorher ab.“ Sicher ist sicher. Denn die Führerkabine ist bei Lastschiffen weit hinten, der Bug zig Meter entfernt. Da kann die Übersicht schnell verloren gehen.

Seit 20 Jahren auf dem Binnenschiff

„Ein Wunder, dass da nicht noch mehr passiert“, sagt Hans Peter Duhr. Der 70-jährige Binnenschiffer ist ein alter Hase und auf seinem „Kanadier“ zu Hause. Sein Schiff, die „MS Benjamin“, ist Baujahr 1950 – also nur drei Jahre jünger als er selbst. Die Franzosen hätten sich im Zuge des Marshallplans ihre Rheinflotte ausgebaut, und die ersten dieser Pötte seien in Kanada gefertigt worden: 70 Meter lang, 8,20 Meter breit.

Seit etwa 20 Jahren ist Duhr auf dem Nachkriegs-Pott zu Hause. „Ich kann nur auf meinem eigenen Schiff fahren“, lächelt der Käpt’n.

Dieses hat eine verblüffend geräumige Wohnung. Lebensgefährtin Ellen ist seit einiger Zeit auch an Bord. Beide wirken fröhlich und strahlen eine große Lockerheit aus. Das passt zu den CDs von Chuck Berry und B.B. King in der Führerkabine.

Fotostrecke: Binnenschiffer auf dem Dortmund-Ems-Kanal

Diese Kabine lässt sich elektrisch runterfahren, sobald eine niedrige Brücke in Sichtweite kommt. Alle Mann ducken!

Momentan ist die „MS Benjamin“ leer, zuvor wurde Weizen von Frankreich nach Spelle geschippert. „Ich schaffe 800 Tonnen einen Kilometer weit mit nur einem Liter Sprit“, bricht Duhr eine Lanze für die Öko-Bilanz der Binnenschifffahrt. „Ein Nachteil ist halt nur der Faktor Zeit“ Es stimme auch nicht, dass die Schifffahrt weniger wird. Nur die Schiffe würden immer größer.

Erst einen Tag zuvor, so erzählte ein Passant an der Schleuse, sei ein münsterischer Kanalschwimmer fast unter den Bug eines dicken Potts gekommen; er hatte ihn nicht kommen sehen und die Warnrufe vom Ufer her offenbar auch überhört. Glück gehabt. Aber Duhr weiß auch von einem Kollegen, dessen Boot Schwimmer tödlich erfasste. „Man geht kaputt, wenn man sowas erlebt.“

Fotostrecke: Impressionen vom Badebetrieb am Dortmund-Ems-Kanal



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