Kiel – Münster – Billerbeck und zurück
Protokoll einer Bahnfahrt: Unterwegs im Pannenland

Münster -

Wenn die Bahn immer pünktlich führe, immer funktionierte und außerdem bequem wäre – das wäre ja gar nicht auszuhalten! Der Kieler Michael Walter hat eine Bahnfahrt von Schleswig-Holstein ins Münsterland erlebt, deren Protokoll beweist, dass die Bahn von diesem seligen Zustand weit entfernt ist.

Mittwoch, 08.08.2018, 20:00 Uhr aktualisiert: 08.08.2018, 20:55 Uhr
Der Kieler Michael Walter, der mit seiner Lebensgefährtin nach Münster und Billerbeck fuhr und sicherheitshalber einen Platz reserviert hatte. Allerdings nicht diesen zwischen den Fahrrädern . . .
Der Kieler Michael Walter, der mit seiner Lebensgefährtin nach Münster und Billerbeck fuhr und sicherheitshalber einen Platz reserviert hatte. Allerdings nicht diesen zwischen den Fahrrädern . . . Foto: Tina Terras

Darf man sich aufregen, wenn eine Reise aufgrund von Ausfällen der Bahn statt 3,5 Stunden sechs Stunden dauert? Oder sollte man doch lieber dankbar sein, dass unser Land mit richtigen Eisenbahnen und zügig auswechselbaren Lokomotiven gesegnet ist? Andere Länder besitzen noch nicht einmal Eisenbahnen. Wie zum Beispiel Legoland . . .

Fahrt ohne Umsteigen - Wochen im Voraus gebucht

Der Kieler Michael Walter hat vor Kurzem eine denkwürdige Bahnreise von Kiel nach Münster und Billerbeck erlebt. Hier folgt sein Reiseprotokoll: „Kiel – Münster – Kiel: Da wir in den letzten Jahren mehr als einmal Anschlusszüge verpassten und oft keine Sitzplätze erkämpfen konnten (man wird älter), buchen wir die Hin- und Rückfahrt schon Wochen vorher online. Der Clou: ein durchgehender Zug. Kein Umsteigen, keine verpassten Anschlusszüge. Mit Sitzplatzreservierung – yeah!

Kiel – Münster: Nanu? Reservierungen werden im IC 2229 nicht angezeigt. Aber die Klimaanlage arbeitet einwandfrei. Außerplanmäßige Halts auf freier Strecke bieten immer wieder Gelegenheit, sich an blühenden Landschaften zu erfreuen.

Bis Hamburg (normale Fahrzeit: 85 Minuten) bereits 50 Minuten Verspätung. Aha, defekte Lok soll in Hamburg ausgetauscht werden, Zug fährt jetzt rückwärts. Hoppla, vor Hamburg noch einmal ein Halt, weil eine Gleisanlage irgendwie nicht funktioniert.

Warten auf dem Bahnsteig ohne Schatten

Münster – Billerbeck: Wegen Bauarbeiten: Schienenersatzverkehr bis Roxel. Die mit Wasserflaschen und eisernem Willen vorbereiteten Fahrgäste warten in Roxel auf dem Bahnsteig ohne Schatten an einem der heißesten Tage des Jahres besonnen auf den Zug nach Billerbeck.

Der kommt aber nicht. Oh, danke: Der Busfahrer des Schienenersatzverkehrs bietet den Wartenden an, im klimatisierten Bus auf den übernächsten Zug zu warten. Großartig!

Zug ist defekt

Rückfahrt Münster - Kiel: Planänderung für IC 2226: der durchgehende Zug von Dortmund über Münster nach Kiel ist defekt. Der verspätete Ersatzzug für den laut Bahn-App komplett ausgebuchten Originalzug verfügt zwar über weniger Wagen, aber dafür gelten alle Reservierungen nicht mehr – gleiches Unrecht für alle. Überraschung: in den verkleinerten Zug passen gar nicht alle Reisende

Obwohl Interessenten über die Bahn-App schon am Vortag informiert wurden, dass man auf andere Züge ausweichen möge, werden weiterhin Karten für diesen Zug verkauft, wie uns Mitreisende (mit Fingerschwur) berichten. Geschäftstüchtig . . .

Wir und andere, die die Hoffnung nicht mit der Bahn fahren lassen wollen, entscheiden uns zur Flucht.

Michael Walter

Man kennt das Bild inzwischen: Menschen, die zwischen Fahrrädern und Kinderwagen auf dem Boden kauern (begehrte Plätze – leider nicht reservierbar).

Es geht weiter. Bis in Bremen die Durchsage kommt, dass die Lok unseres Ersatzzuges defekt ist. Eventuell würde der Lokführer sie reparieren können. Das wisse man aber noch nicht. Auf dem Bahnsteig gegenüber stünde aber ein Regionalzug nach Hamburg, in den man umsteigen dürfe. Wir und andere, die die Hoffnung nicht mit der Bahn fahren lassen wollen, entscheiden uns zur Flucht.

Erneut warten auf freier Strecke

Das Gute am Bahnfahren: alles wirkt vertraut. Wir warten erneut auf freier Strecke – wieder sehr hübsch anzusehen – weil diesmal in einem anderen Regionalzug vor uns überraschenderweise die Lok kaputt ist. Ein Mann erklärt seinen Kindern die Begriffe „marode“ und „kaputtgespart“. Ein ebenfalls cleveres Ehepaar hat für seinen Kurztrip nach Kopenhagen ein dreistündiges Zeitfenster für ein schönes Essen in Hamburg eingeplant. Nun freuen sie sich auf eine rasche Wurst am Bahnhof.

Es riecht nach angebranntem Gummi

Wir kommen fast pünktlich im Hamburger Hauptbahnhof an und müssen glücklichweise nicht zum anderen Bahnsteig hetzen, sondern können uns von den für Norddeutsche ungewohnten Menschenmassen schieben lassen. Fast geschafft. Im Regionalzug vom Hamburg nach Kiel riecht es im Wagen auf den letzten Kilometern zwar nach angebranntem Gummi, aber nichts passiert diesmal – wir schaffen es.

Unterwegs hören wir den Schlagersänger Christian Anders. Kluger Mann, buchte einen Zug nach Nirgendwo – mit ihm allein als Passagier. Der weiß, wo’s lang geht.“

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