Fr., 10.08.2018

Kulturporträt: Henrike Jacob Viel Gefühl und etwas Wahnsinn

Henrike Jacob zählte zehn Jahre lang zur bewährten Reihe der Gesangssolisten des Theaters Münster.

Henrike Jacob zählte zehn Jahre lang zur bewährten Reihe der Gesangssolisten des Theaters Münster. Foto: Lioba Garcin

Münster - 

Es war ein „wundervoller Abschied“, schwärmt Henrike Jacob von dem Abend, an dem sie den Preis der Musik- und Theaterfreunde in Münster erhielt, „ich spürte so viel Wohlwollen vom Publikum!“ Abschied hat sie nach zehn Jahren vom festen Engagement am Theater Münster genommen – und kehrt schon bald aus dem derzeitigen Portugal-Urlaub zurück, um den Beginn einer stärkeren Konzert-Tätigkeit zu markieren: Am 17. August tritt sie innerhalb der zweitägigen „SchlossClassix“ auf, bei denen das Filmorchester Babelsberg „die größten Filmhits aller Zeiten“ präsentiert.

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Was Filmhits mit einer Opern-Sopranistin zu tun haben? Der Blick aufs Programm verrät es: Henrike Jacob singt zwei große Arien, die in bedeutenden Spielfilmen eine Schlüsselrolle spielten. In „Das 5. Element“ wird die Wahnsinns-Arie der „Lucia di Lammermoor“ von einem „Wesen“ gesungen, das die Donizetti-Musik in Richtung Techno steigert, und im Julia-Roberts-Klassiker „Pretty Woman“ ist es Donizettis jüngerer Landsmann Giuseppe Verdi, der mit „Addio del Passato“ aus „La Traviata“ die Zuschauer zu Tränen rührt. Beide Arien erklingen am 17. August vor dem Schloss – und mit beiden Partien hat Henrike Jacob in Münsters Opernhaus große Erfolge gefeiert.

„Ich habe mich ja in den zehn Jahren weiter nach unten vorgearbeitet“, erzählt die Sopranistin lachend – so sang sie zuletzt Massenets „Cendrillon“, die auch gern einer Mezzosopranistin anvertraut wird. Dennoch kehrt sie gern zu den Koloratur-Rollen zurück, ohne dass es dabei „koloratös“ werden muss, wie sie sagt. Denn beide Arien bieten mehr Gefühl und weniger vokales Geglitzer als ihre jeweiligen Pendants aus den ersten Akten der Opern. Und darauf kommt es ihr grundsätzlich an: den Wahnsinn der Lucia, das todessehnsüchtige Gefühl der Violetta begreiflich zu machen. Gern verweist sie auf den legendären Schauspiellehrer Lee Strasberg und seine Methode, die gesammelten Lebenserfahrungen des Schauspielers für seine Rollengestaltung nutzbar zu machen. Mit dem Unterschied, dass Sänger ja zudem von einem besonderen Medium getragen werden: „Wir haben die Musik als Luftkissen, einen ganzen Ozean der Gefühle“.

Obwohl es beim Konzert vor dem Schloss um die pure Musik geht, denkt Henrike Jacob gern an Produktionen wie „Die Zauberflöte“ oder eben „Cendrillon“ zurück, in denen fantasievolle Regisseure die märchenhaften Stoffe für die Gegenwart verständlich machten – und sich dabei auch des Mediums Film bedienten. „Der Mensch ist ein Augentier“, betont sie und lobt den „liebevollen“ Umgang dieser Regisseure mit den Stücken. Aber auch vor akustischen Effekten hat sie keine Scheu, würde sie etwa einsetzen, wenn sie selbst Regie führte, und verweist auf Produktionen wie „Everyman“, die ohne elektronische Elemente nicht auskommen. Kurioses hat sie indes mit Jugendlichen erlebt, die – nach all ihrer Kopfhörer-Erfahrung – im Theater-Jugendring zum ersten Mal mit dem Medium Oper konfrontiert werden. „Wie, das machen Sie einfach so, ohne Mikrofon?“, staunen die dann und sind fasziniert.

Junge Menschen unterrichten soll einer ihrer künftigen Schwerpunkte sein: „Was hab ich alles falsch gemacht!“, erzählt sie lachend, um zu illustrieren, wie sehr junge Sänger auf ein Korrektiv angewiesen sind, auf jemanden, der ihnen zuhört und aus eigener Erfahrung wichtige Ratschläge geben kann.

Für sie selbst bietet der Abschied vom festen Engagement die Chance, „wieder mehr rumzukommen“, denn natürlich ist die „feste“ Tätigkeit auch mit Beschränkungen verbunden: „Man ist immer angestöpselt.“ Die Gefahr, dass man als Freischaffender „manchmal mehr frei als schaffend“ ist, sieht sie natürlich auch und freut sich daher um so mehr auf schöne Auftritte wie jetzt bei den „SchlossClassix“. Und aus ihrem Resümee klingt purer Optimismus: „Diese zehn Jahre am Theater Münster – es war ein Privileg, dabei sein zu dürfen!“

 



https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5966844?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F