So., 12.08.2018

Orgelsommer-Konzert mit Winfried Lichtscheidel Stimmig, farbig und höchst virtuos

Winfried Lichtscheidel aus Sendenhorst spielte im Paulus-Dom Werke von Bach, Widor und Jongen.

Winfried Lichtscheidel aus Sendenhorst spielte im Paulus-Dom Werke von Bach, Widor und Jongen. Foto: cws

Münster - 

Winfried Lichtscheidel, 1980 in Friedrichshafen geboren und seit 2010 Kirchenmusiker in Sendenhorst, darf man zu den besten Organisten zählen, die derzeit im Bistum Münster aktiv sind. Erst kürzlich erschien sein Paket mit sechs CDs, darauf alle zehn Orgelsinfonien von Charles-Marie Widor – eine echte Meisterleistung, die auch prompt mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ belohnt wurde! Im Vergleich dazu kann man jeden „ECHO-Klassikpreis“ zweimal in den Keller stellen.

Von Christoph Schulte im Walde

Nur folgerichtig, dass Lichtscheidel beim Orgelsommer-Finale am Samstag im Paulusdom Widor auf sein Programm setzte: die 4. Sinfonie, 1872 veröffentlicht. Widor bedient sich hier unter anderem alter Formen wie Toccata und Fuge, füllt sie mit dem für den Komponisten so typischen romantisch-sinfonischen Inhalt. Andante, Scherzo und Adagio dagegen sind mal pittoreske, mal zart pastellfarbene Genrebilder von reizvoller Ausstrahlung, wobei Lichtscheidel hier jeden Anflug von Kitsch und Schmalz vermied. Gerade bei Widor gleitet ein „Cantabile“ nämlich allzu schnell mal ab ins Sentimentale.

Was an Lichtscheidels Orgelspiel immer wieder beeindruckt, ist sein virtuoser Zugriff auf das Instrument, der aber nie zum Selbstzweck wird, oder gar zur Show-Nummer. Im Gegenteil: wenn er Bachs schlichtweg geniales Satzpaar Präludium und Fuge D-Dur (BWV 532) auf die Tasten legt, spürt man augenblicklich den „Sturm und Drang“-Gestus dieses kühnen Werks, mit dem der junge Bach sicher manchen Zeitgenossen wird „confundirt“ haben. So wie später womöglich auch mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 3, das Lichtscheidel in einer schönen Bearbeitung für Orgel solo präsentierte. Auch hier überzeugte er mit brillanter Technik und stimmiger klanglicher Gestaltung.

Farbig leuchtend gelangen ihm auch die fantasievollen Variationen, mit denen Johann Pachelbel seine „Ciacona d-Moll“ ausgestattet wissen wollte: ein simples Bass-Motiv, über das mal ruhig, mal schnell, mal kraftvoll, mal still meditiert wird. Die Domorgel sorgte da für jede Menge Abwechslung. Dass die derzeitigen wetterbedingten Temperaturschwankungen nicht spurlos an dem Instrument vorübergehen, auch dies wurde deutlich, etwa in der majestätischen „Toccata“ des Belgiers Joseph Jongen – und später bei Widor. Das aber verlieh der sinfonischen Musik an diesem Abend eine zusätzliche, authentisch französische Note!

Riesenbeifall für Winfried Lichtscheidel – und ein Bonbon von Louis Lefébure-Wely als Zugabe.



https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5969507?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F