Wenig Zeit, viel Verantwortung
Krankenpfleger: Weit mehr als ein Routine-Job

Münster -

Krankenpfleger Stefan Kordylewski erlebt seit Jahren, was es bedeutet, wenn frustrierte Kollegen den Beruf wechseln und immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wird. Ein Blick in seinen Arbeitsalltag am Uniklinikum Münster zeigt: In seinem Beruf muss er weit mehr können als nur das Verteilen von Medikamenten.  

Dienstag, 28.08.2018, 07:00 Uhr
Gesundheits- und Krankenpfleger Stefan Kordylewski entfernt die Klammern an einer OP-Narbe.
Gesundheits- und Krankenpfleger Stefan Kordylewski entfernt die Klammern an einer OP-Narbe. Foto: Gunnar A. Pier

Piiiiep – Piiiiep – Piiiiep. Wie der nervtötende Ton einer durchgelaufenen Waschmaschine schrillt das eindringliche Geräusch in kurzen Abständen über den Klinikflur. Gesundheits- und Krankenpfleger Stefan Kordylewski sitzt gerade mit drei Kolleginnen im Besprechungsraum der Allgemeinchirurgie des Universitätsklinikums in Münster.

Während die meisten Bewohner der Stadt noch schlafen, weicht auf der Station gegen sechs Uhr morgens die Nachtruhe dem hektischen Krankenhausalltag. Die Übergabe des Nachtdienstes an den Frühdienst wird immer wieder durch das Klingeln einzelner Patienten unterbrochen. Hilfe beim Toilettengang, eine frische Flasche Wasser oder der Wunsch nach einem Schmerzmittel – die Gründe sind vielfältig.

Herausstechender Typ

Kordylewski sticht nicht nur durch sein Geschlecht auf der Station heraus: Unter seinem Kittel blitzen an Oberarmen und Brust Tattoos hervor. Die Tunnel in seinen Ohrläppchen sind für einige Patienten ebenso gewöhnungsbedürftig wie der prominent hervorstechende Nasenring. „Viele sind neugierig, aber blöde Kommentare habe ich deswegen noch nicht bekommen“, sagt der 31-Jährige. Ohnehin sind den Patienten andere Dinge wichtiger. Mit seiner aufmerksamen, empathischen Art findet Kordylewski schnell einen Zugang zu ihnen.

Kleinigkeiten sind entscheidend

An diesem Morgen kümmert er sich intensiv um Herrn Müller*. Der Krebspatient, der demnächst in ein Hospiz verlegt werden soll, wirkt kraft- und teilnahmslos. „Einerseits gewöhnt man sich an solche Fälle, andererseits denkt man immer mal wieder darüber nach“, sagt der Krankenpfleger.

Nachdem er dem Rentner seine Medikamente und eine Bettpfanne gebracht hat, schließt er eine neue Infusion an. Kurz darauf lagert er ihn mit einem gezielten Handgriff ein Stück höher. „Manchmal“, so sagt Kordylewski, „sind es Kleinigkeiten, die über das Wohlbefinden der Patienten entscheiden.“ 

Der erfüllte Wunsch nach einem Joghurt etwa, den Herr Müller auch außerhalb der Frühstückszeit bekommt. Beim Blick auf die Geschmacksrichtung huscht ein kurzes Lächeln über dessen Gesicht. „Himmelbeer“, sagt er. „Unsere Tochter hat das früher immer gesagt, weil sie Himbeer nicht aussprechen konnte.“ So schön dieser Moment ist, so schnell ist er vorüber.

Mehr Arbeit für weniger Personal

Seit sechs Jahren arbeitet Kordylewski im UKM. Fast täglich muss er sich auf neue Patienten und deren Probleme einstellen. Diagnosen, Medikation, Ernährungsvorgaben und Termine für jeden einzelnen hat er im Kopf oder zumindest auf einem Spickzettel in der Brusttasche. Jeder Fehler kann die Genesung der Patienten gefährden. Obwohl aufgrund des Pflegekräftemangels immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wird und viele Kollegen der Krankenpflege zuletzt den Rücken gekehrt haben, sagt er: „Es ist ein toller Beruf, der viel Spaß macht.“

Auf dem Weg zum nächsten Patienten dokumentiert Kordylewski in der elektronischen Patientenakte Temperatur und Befinden von Herrn Müller. So bleiben die Kollegen in der nächsten Schicht auf dem Laufenden. Frau Maier* erwartet ihn bereits, da sie einen OP-Faden gezogen bekommen soll. Solch alltägliche Handgriffe gehören für den Krankenpfleger genauso zur Arbeit wie seltenere Arbeiten wie das Entfernen einer Drainage nach der Schilddrüsen-OP von Frau Pelzer*.

Einfach nur zuhören

Am meisten Freude hat der 31-Jährige jedoch, wenn er sich ab und zu mal ein paar Minuten für ein Gespräch mit einem der Patienten nehmen kann. „Eigentlich reicht es einfach nur zuzuhören. Dafür sind viele schon sehr dankbar.“ Oft ist die Zeit aber selbst dafür zu knapp. Das erneute Piepen erinnert Kordylewski daran, dass auch andere Patienten seine Hilfe benötigen.

*Namen geändert, der Redaktion bekannt.

Pflegekräftemangel

Seit Jahren befindet sich die Krankenpflege in einer Abwärtsspirale. Während der Arbeitsaufwand steigt, ist es gleichzeitig für Krankenhäuser immer schwere geeignetes Personal für offene Stellen zu finden. Die verhältnismäßig schlechte Bezahlung und die Überlastung des vorhandenen Personals sind keine gute Werbung für das Berufsbild.

Die Bewerberzahlen sinken trotz steigenden Bedarfs. Gesundheitsminister Jens Spahn hat vor Kurzem ein erstes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, um das Image und Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Die Krankenpfleger selbst hoffen auf die Einrichtung einer Pflegekammer, um ihre Interessen gegenüber der Politik besser vertreten zu können.

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