Di., 04.09.2018

Grippe-Forscher im Interview Strategien gegen Grippe

Grippe-Forscher im Interview: Strategien gegen Grippe

Über moderne Möglichkeiten, die Grippe zu bekämpfen, wird von Sonntag bis Dienstag (2. bis 4. September) in Münster beraten. Foto: dpa

Münster - 

Vor 100 Jahren brach die „spanische Grippe“ aus – eine Pandemie, die mindestens 25 Millionen Tote forderte. An der Uni Münster tauschen sich jetzt 200 Grippeforscher über aktuelle Fortschritte in der Influenza-Bekämpfung aus. Eingeladen hat der Virologe Stephan Ludwig.

Von Karin Völker

Genau vor 100 Jahren, im Frühherbst des Jahres 1918, brach die Spanische Grippe aus. Die Pan­demie forderte weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Todesopfer. Über moderne Möglichkeiten, die Grippe zu bekämpfen, beraten von Sonntag bis Dienstag (2. bis 4. September) in Münster auf Einladung der Westfälischen Wilhelms-Universität rund 200 Grippeforscher aus 22 Nationen. Mit dem münsterischen Virologen Prof. Dr. Stephan Ludwig, der zu der Tagung eingeladen hat, sprach unsere Redakteurin Karin Völker.

Kann uns heute die Grippe noch einmal so gefährlich werden wie die Spanische Grippe vor 100 Jahren?

Ludwig: Das ist ein eher unwahrscheinliches Szenario. Nach allem, was man über das damalige Virus weiß, handelte es sich schon um einen besonders aggressiven Erreger, er wurde ja später im Labor rekonstruiert. Die medizinische Versorgung war aber vor 100 Jahren nirgendwo vergleichbar mit heutigem Standard. Die Grippe wirkte auch deshalb so verheerend, weil viele Menschen in Europa in der Endphase des Ersten Weltkrieges gesundheitlich sehr geschwächt waren. Das Bild zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme von Grippeviren, entstanden im Institut für Virologie der WWU. 

Brach die Seuche damals zuerst in Spanien aus?

Ludwig: Nein, der Name rührt daher, dass die ersten Meldungen über die Pandemie aus Spanien kamen. Spanien war im Ersten Weltkrieg ein neutrales Land, hier wurden die Nachrichten über das Ausmaß der Seuche nicht zensiert.

Warum bricht die Grippe eigentlich immer in der kalten Jahreszeit aus?

Ludwig: Der Organismus braucht dann generell mehr Energie, um seine Temperatur zu halten und ist damit weniger widerstandsfähig. Und die Viren halten sich bei kühlen Temperaturen besser als bei trockener Hitze, wie sie jetzt im zurückliegenden Sommer herrschte. Außerdem halten sich die Menschen im Winter mehr in geschlossenen Räumen auf, wo sich die Erreger schneller verbreiten können.

Stimmt der Eindruck, dass es im vergangenen Winter eine außergewöhnlich starke Grippewelle gab?

Ludwig: Ja, die vergangene Grippesaison war ziemlich heftig, wobei wir nicht genau wissen, wie viele Menschen genau erkrankt waren. Es gibt eine hohe Dunkelziffer.

Es gibt in jedem Jahr eine Grippe-Impfung mit besonderen Wirkstoffen. Lässt sich keine Vorhersage treffen, welches Grippevirus sich in den nächsten Monaten verbreiten wird?

Ludwig: Leider nicht. Das zeigt auch die Grippe-Impfung, die im vergangenen Jahr verabreicht wurde. Sie hat nicht das Virus bekämpft, das sich entgegen der Einschätzung der Fachleute letztlich besonders stark ausgebreitet hat. Grob gesagt gibt es jeweils zwei Viren-Gruppen von Typ Influenza A und Influenza B. Während sich die Influenza-A-Stämme recht gut mit einem Impfstoff bekämpfen lassen, ist das bei den Influenza-B-Viren-Gruppenschwieriger. In diesem Herbst wird den Krankenkassen empfohlen, die Kosten für eine Vierfach-Impfung, also gegen alle vier Gruppen, vorzusehen. Bisher zahlten die Kassen für die Impfung, die nur drei Gruppen abdeckte.

Wie weit ist die Forschung an einer Grippe-Impfung, die nur noch einmal nötig wäre, so wie etwa gegen Masern?

Ludwig: Weltweit wird an einem Universal-Impfstoff gearbeitet, doch die Entwicklung ist noch im Stadium der Grundlagenforschung. Man weiß in etwa, wie ein Impfstoff funktionieren könnte, aber es gibt noch viele Fragen bei der Umsetzung. Das ist wie beim Kuchenbacken: Wenn ich den Teig aus den Zutaten zusammengerührt habe, heißt das noch nicht, dass der Kuchen gut wird.

Ist es realistisch, dass es den Universal-Impfstoff gegen Grippe im Laufe der nächste zwei bis drei Jahrzehnte geben wird?

Ludwig: Es gibt viele Unwägbarkeiten und ich bin skeptisch. Allerdings gibt es in der Forschung generell auch immer wieder überraschend positive Entwicklungen. Es bringt uns auch weiter, dass dank der Fortschritte in den bildgebenden Methoden die Viren immer besser sichtbar gemacht werden können. Solche Verfahren entwickeln wir derzeit hier im Exzellenzcluster „Cells in Motion“ an der Universität. Dies ist auch ein wichtiges Thema unserer Tagung hier in Münster.

Lassen Sie sich gegen Grippe impfen?

Ludwig: Sicher. Im Labor unseres Instituts arbeiten wir schließlich mit Grippeviren, da ist es wirklich wichtig, sich zu schützen. Außerdem ist es ohnehin empfehlenswert, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Man ist dann tendenziell immer besser geschützt als ohne.



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