Wetter-Bilanz für Münster
Ein Sommer, der Geschichte schreibt

Münster -

Münster hat den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt. Das berichtet der Deutsche Wetterdienst in Essen. In den vergangenen Monaten gab es 72 Tage, an denen das Thermometer mehr als 25 Grad anzeigte.

Sonntag, 02.09.2018, 11:15 Uhr aktualisiert: 02.09.2018, 11:17 Uhr
Wetter-Bilanz für Münster: Ein Sommer, der Geschichte schreibt
Foto: pd

Der Sommer 2018 war in Münster so heiß wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Mit einer Durchschnittstemperaturen von 19,8 Grad waren Juni, Juli und August – im Gegensatz zum bundesweiten Trend – sogar noch wärmer als im Rekordsommer 2003 (19,6 Grad), berichtet Diplom-Meteorologe Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Essen.

Den münsterischen Bädern bescherte der Super-Sommer wie berichtet einen Rekord-Andrang – die Natur befand sich allerdings permanent im Dauerstress: Viele Pflanzen und Bäume leiden bis heute unter der Dürre. Trauriger Höhepunkt war das große Fischsterben im Aasee, nachdem das Gewässer wegen Sauerstoffmangels umgekippt war.

Zahlen und Fakten zum Sommer der Extreme

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  • Von Anfang April bis Ende Juli war es dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge noch nie so warm seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen im Jahr 1881. Demnach war es 3,6 Grad wärmer als im langjährigen Vergleich. Rekordniveau erreichten vor allem die Monate April und Mai.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • 39,5 Grad war die bisherige Temperaturspitze in diesem Sommer. Der Wert wurde am 31. Juli in Bernburg in Sachsen-Anhalt gemessen. Den Hitzerekord seit Beginn der Aufzeichnungen hält allerdings Kitzingen in Bayern. Sowohl am 5. Juli 2015 als auch am 7. August 2015 registrierte der DWD an seiner dortigen Messstation 40,3 Grad.

    Foto: Patrick Seeger
  • Sogenannte Tropennächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, gab es in diesem Frühjahr und Sommer bereits eine ganze Reihe. Besonders warm war es in der Nacht zum 1. August. So erlebte Berlin mit einem Tiefstwert von 24,4 Grad an zwei Messstellen seine bislang wärmste Nacht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Noch nie wurde zwischen April und Juli so wenig Niederschlag registriert. Im Vergleich zur vieljährigen (1961-1990) mittleren Niederschlagssumme betrug das Defizit 110 Millimeter. Besonders trocken war es in Sachsen-Anhalt, so die Experten vom DWD.

    Foto: Tino Plunert
  • In den vier Monaten gab es überdurchschnittlich viele Sonnenstunden. Der Juli war nach 2006 mit vielerorts 300 bis 350 Stunden der zweitsonnigste seit Messbeginn im Jahr 1950.

    Foto: Bodo Marks
  • Im Juli erreichte die Nordsee nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie die zweithöchste Oberflächentemperatur seit 50 Jahren: 16,3 Grad im Schnitt. Im Juli 2014 war das Wasser nur 0,1 Grad wärmer. Die Ostsee stellte mit einer mittleren Oberflächentemperatur von 20,0 Grad sogar einen neuen Rekord auf.

    Foto: Hauke-Christian Dittrich

Im Kalender endet der Sommer erst am 22. September – für die Wetterforscher war er hingegen schon am 31. August vorbei, denn am heutigen 1. September ist der meteorologische Herbstanfang. Zeit also, Bilanz eines Sommers zu ziehen, den wohl niemand so schnell vergessen wird. DWD-Meteorologe Kesseler-Lauterkorn spricht gar von einer Wetterphase historischen Ausmaßes.

Extrem trockener Juli

So erlebte Münster mit 8,9 Litern Niederschlag den trockensten Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (normal wären 73 Liter gewesen). Zusammen mit den Regenmengen von Juni und August war der Sommer 2018 damit in etwa so trocken wie der Dürresommer 1983, so der DWD.

Der trockenste Juli war allerdings nicht zugleich der heißeste Juli aller Zeiten: Mit einer Durchschnittstemperatur von 21,5 Grad (3,1 Grad mehr als üblich) musste er sich dem Juli 2006 (22,9 Grad) und dem Juli 1994 (22,0 Grad) geschlagen geben. Dass der Sommer 2018 den bislang heißesten Sommer 2003 knapp übertrifft, ist den ebenfalls deutlich wärmeren Monaten Juni und August zu verdanken.

Mit 765 Sonnenstunden muss sich der Sommer 2018 den historischen Sommern 1947, 1959 und 1976 geschlagen geben. Das ändert jedoch nichts daran, dass dieser Sommer außergewöhnlich war: „Einen so warmen, trockenen und sonnigen Abschnitt haben wir in Münster seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nicht erlebt“, betont DWD-Meteorologe Kesseler-Lauterkorn.

Die Wasser-Situation in Münster während der Hitzeperiode

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  • Die Münstersche Aa – hier in Höhe Kanalstraße – führt kaum noch Wasser.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Der Teich an der Dechaneischanze führt nur noch Restwasser – in anderen Teichen sieht es noch schlimmer aus.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Wassertiefe im Aasee beträgt nur noch 53,85 Zentimeter – das ist ein historischer Tiefstand.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Wassertiefe im Aasee beträgt nur noch 53,85 Zentimeter – das ist ein historischer Tiefstand.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Auch der Werse-Pegel ist gefallen - aber wegen der zahlreichen Wehre ist die Situation hier noch nicht ganz so dramatisch.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Brunnenanlage an der Engelenschanze wird gerade jetzt häufig angesteuert.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Der Dortmund-Ems-Kanal fungiert seit Langem als Münsters größtes Trinkwasser-Reservoir. Mit Kanalwasser wird das Grundwasser aufgefüllt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Brunnenanlage an der Engelenschanze bietet gerade Hunden willkommene Abwechslung.

    Foto: Matthias Ahlke

Früher Sommerbeginn

Wobei das schöne Wetter bereits im April einsetzte. Seitdem gab es in Münster 72 Sommertage, an denen die Höchsttemperatur über 25 Grad lag – und damit zwölf mehr als im ebenfalls rekordverdächtigen Sommer 1947. „Und es werden noch weitere Sommertage hinzukommen“, verspricht Kesseler-Lauterkorn – denn für Anfang September zeichne sich eine Hochdruckwetterlage mit viel Sonne und milden Temperaturen ab.

Hat Münster damit einen Vorgeschmack auf einen dauerhaften Klimawandel bekommen? „Der Sommer 2018 passt in das Bild eines sich verändernden Klimas“, sagt Kesseler-Lauterkorn. Er ist sicher, dass dieser Sommer keine einmalige Ausnahme gewesen ist.

Gewinner und Verlierer der Hitzewelle

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  • Gewinner

    Speiseeishersteller: Eisdielenbesitzer berichten bei Stichproben über glänzende Geschäfte, im Einzelhandel zählt Speiseeis ebenfalls zu den Rennern. Laut der Union der italienischen Speiseeishersteller in Deutschland (Uniteis) ist dieses Jahr vor allem Fruchteis gefragt. „Es ist ein wunderbarer Eis-Sommer“, sagt Uniteis-Sprecherin Annalisa Carnio, meint aber auch: „Am meisten verkaufen wir bei Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad Celsius.“ Bei allem, was an Temperaturen darüber liegt, steige eher der Bedarf nach Flüssigkeiten als nach Speiseeis.

    Foto: Wolfgang Kumm
  • Gewinner

    Sonnenschutz-Anbieter: Um sich vor Sonnenbrand zu schützen, ist sowohl auf dem Balkon als auch im Garten oder am Strand ein Mittel unerlässlich: der Sonnenschutz. Egal ob als Sonnensegel, Sonnenschirm, Baldachin oder Markise, Schattenspender aller Art sind bei den sommerlichen Temperaturen sehr gefragt. „Bei den Bereichen Pavillon, Bewässerung, Camping und Grillen verspüren wir einen deutlichen und starken Nachfragezuwachs“, sagte eine Sprecherin der Baumarktkette Hagebau. Gute Nachfrage bestätigen auch viele Fachgeschäfte bei Ventilatoren und Klimageräten.

    Foto: Patrick Pleul
  • Gewinner

    Sonnencreme-Hersteller: Die Sonnenstrahlung sorgt nicht nur für gesunde Bräune, sondern verursacht auch Sonnenbrand - und im schlimmsten Fall Hautkrebs. Sonnencremes stehen daher laut Einzelhandel hoch im Kurs.

    Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
  • Gewinner

    Getränkewirtschaft: Hitze macht durstig. Das hat auch in den vergangenen Sommerwochen die Absätze von Bier deutlich nach oben getrieben. „Gerade auch die alkoholfreien Sorten sind derzeit äußerst gefragt“, sagt Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher beim Deutschen Brauer-Bund. „Wir blicken sehr optimistisch auf dieses Geschäftsjahr.“

    Die Fußball-Weltmeisterschaft und das Sommerwetter haben schon im ersten Halbjahr den Bierabsatz angekurbelt. Er stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,6 Prozent oder 0,3 Millionen Hektoliter, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Brauereien und Bierlager setzten damit rund 47,1 Millionen Hektoliter Bier ab.

     

    Foto: Sina Schuldt
  • Verlierer

    Landwirtschaft: Die Bauern haben große Angst um ihre Ernte. Was für ambitionierte Freizeitgärtner schon eine Herausforderung ist, treibt vielen Landwirten angesichts verdorrender Felder Kummerfalten auf die Stirn. Bauernverbände rechnen etwa bei der Getreideernte in vielen Regionen des Landes mit Ausfällen. Bauernverbands-Präsident Joachim Rukwied fürchtet gar ein „existenzbedrohendes Ausmaß“ in Teilen der Bundesrepublik.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Verlierer

    Wälder: Wegen Trockenheit gibt es in Teilen Deutschlands Warnungen vor Waldbränden. In Niedersachsen etwa besteht fast landesweit allerhöchste Bandgefahr, in Brandenburg bei Fichtenwalde standen jüngst schon Wälder in Flammen. Die geringen Niederschläge der vergangenen Wochen und die stark gestiegenen Temperaturen haben die Bäume bereits in Mitleidenschaft gezogen. Besonders hoch ist die Gefahr entlang von Straßen- und Wegböschungen sowie an Waldrändern und Hecken, wo vertrocknete Gräser und Stauden leicht in Brand geraten können.

    Foto: Jan Woitas
  • Verlierer

    Binnenschiffahrt: Wegen der extremen Hitze und Trockenheit sinken die Pegelstände stark. Deshalb müssen etliche Schiffe mit deutlich weniger Ladung fahren als sonst, wie Rolf Nagelschmidt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Köln sagt.

    Foto: Frank Rumpenhorst
  • Verlierer

    Kraftwerke: Mehrere Kraftwerke mussten nach der tagelangen Hitze gedrosselt werden. Denn so gelangt weniger Witze über Kühlwasser in Flüsse. Auch hieß es kürzlich aus einem Kraftwerk aus Nordrhein-Westfalen, dass die Wassertemperatur im Kühlturm wegen der Hitze zu hoch gewesen sei.

    Foto: Paul Zinken
  • Verlierer

    Fische: Fische sterben, wenn das Wasser immer wärmer wird. „Spätestens ab 28 Grad ist mit Schädigungen der Gewässerbiologie zu rechnen“, sagt Holger Sticht vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Einige Fische in Flüssen suchten sich kühlere Orte zum Laichen und brächten so ihren natürlichen Takt durcheinander. „Problematischer ist die Lage in Stillgewässern und kleineren Fließgewässern“, sagt Fischereibiologe Olaf Niepagenkemper. Wenn es wärmer wird, könne das Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen.

    Ein tausendfaches Fischsterben am Rhein ist nach Experteneinschätzung kaum noch abzuwenden. „Ich rechne schon nächste Woche mit der Tragödie“, sagte der Geschäftsführer des schweizerischen Fischereiverbandes, Philipp Sicher. Der Rhein habe westlich des Bodensees bereits 25 Grad Wassertemperatur.

    Foto: Thomas Frey
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