So., 09.09.2018

Vor 100 Jahren fuhren Münsteraner nach Frankreich Ernteeinsatz im Schatten der Front

Eine Aufnahme aus dem Album von Folker Flasses Vater: Jungmannen aus Münster in Frankreich (Flasses Vater steht links)

Eine Aufnahme aus dem Album von Folker Flasses Vater: Jungmannen aus Münster in Frankreich (Flasses Vater steht links) Foto: Folker Flasse

Münster - 

Der Erste Weltkrieg steht kurz vor seinem Ende, als Dutzende münsterische Schüler zusammen mit Eltern und Geschwistern und unter Musikbegleitung durch die Innenstadt in Richtung Hauptbahnhof ziehen. Dort wartet auf sie ein Zug, der sie nach Frankreich bringen soll.

Von Martin Kalitschke

Genauer: in das von Deutschland besetzte Städtchen Revin im Nordosten des Landes. Es liegt gerade mal 100 Kilometer von Front-Städten wie Verdun entfernt, doch die 15 bis 16 Jahre alten Jungen sollen hier weder kämpfen noch die Kämpfe unterstützen: Sie fahren zum Ernteeinsatz nach Frankreich.

Im Nachlass seines Vaters hat der Münsteraner Folker Flasse vor einigen Jahren ein Album mit 40 Fotos gefunden, die den Weg der Jugendlichen nach Frankreich und ihren Einsatz vor Ort dokumentieren. „Dass es damals solche Einsätze gab, war mir neu“, berichtet Flasse. Er begann, vor allem im Internet zu recherchieren – und stellte schnell fest, dass bislang nicht sehr viel über Ernteeinsätze junger Deutscher im besetzten Frankreich erschienen ist.

Genau 100 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass August Flasse, damals 16 Jahre alt und Schüler am Schiller-Gymnasium, mit 38 weiteren Schülern des Schiller und des Paulinums nach Frankreich fuhr. Der Ernteeinsatz ging vom 23. Juli bis zum 3. Oktober und fiel damit auch in die Schulzeit. „Damals fuhren aus ganz Deutschland Jungen und Mädchen zu Ernteeinsätzen sowohl im eigenen Land wie auch nach Frankreich“, hat Flasse herausgefunden. Aus Münster halfen im Sommer 1918 allerdings nur Jungen mit. Sie wohnten in einem in „Jungmannen-Lager“ umbenannten Gebäude im Zentrum von Revin, bezeichneten sich auch selbst als „Jungmannen“.

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Die Jugendlichen konnten sich dort auch satt essen, schließlich herrschte zu Hause in Deutschland zunehmend Mangel an Lebensmitteln.

Folker Flasse

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Eine militärische Komponente hatte der Einsatz offenbar nicht, sagt Flasse – auch wenn die Jugendlichen uniformähnliche Kleidung trugen und sich „1. Westfälisches Jungmannen-Etappenkommando“ nannten. Stattdessen hätten sie Heu gebündelt, Blaubeeren, Pilze und Brennnesseln gesammelt. Zur Kriegszeit ging es sicher darum, die angespannte Versorgungslage sowohl der Truppen wie auch in Deutschland aufzubessern. Flasse: „Die Jugendlichen konnten sich dort auch satt essen, schließlich herrschte zu Hause in Deutschland zunehmend Mangel an Lebensmitteln.“

Im Jungmannen-Lager waren die Jugendlichen in schmucklosen Etagenbetten untergebracht. In ihrer Freizeit spielten sie schon mal Theater oder machten Kinderspiele, wie auf einigen Fotos zu sehen ist. Die Jugendlichen wirken so, als ob sie Spaß hätten – nur 100 Kilometer vom täglichen Massensterben entfernt. Auf einigen Fotos wandern sie, erkunden die Ufer der Maas und die Nachbarstadt Charleville – alles wirkt eher wie ein Urlaub als ein Arbeitseinsatz. „Sie waren freiwillig in Nordfrankreich“, hat Folker Flasse recherchiert. Die Eltern mussten dem Einsatz zustimmen. Zumindest eine militärische Komponente gab es dann doch: Die Briefe in die Heimat wurden von der Feldpost befördert. 75 000 deutsche Jungmannen nahmen laut Flasse allein 1917 an solchen Ernteeinsätzen teil. Der Kronprinz dankte ihnen einmal in einem Schreiben für die „auf französischem Boden“ durchlebte Zeit.

Folker Flasse ist von den Fotos und der Geschichte dahinter beeindruckt – „zumal darüber offenbar bislang kaum etwas in Münster bekannt war“. In wenigen Wochen wird er selbst dorthin fahren, wo einst sein Vater im Einsatz war, nach Revin im Nordosten Frankreiches. „Vielleicht finde ich ja im dortigen Archiv etwas“, hofft Flasse.



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